An einer Schnur hängen im Fenster eines Klassenzimmers gezeichnete Kinderfiguren aus Papier. Auf Schilder unter den Figuren haben die Schüler der Schulklasse ihre Namen geschrieben.
Veit Mette

Der Ausbau der Ganztagsschulen kommt überall in Deutschland voran. Gab es noch zu Beginn des Jahrtausends bundesweit nur für jeden zehnten Schüler einen Ganztagsplatz, standen im Schuljahr 2015/2016 immerhin viermal mehr Plätze zur Verfügung. Die Erwartungen der Eltern gehen allerdings weit über den heutigen Ausbaustand hinaus: Fast drei Viertel von ihnen wünschen sich einen Ganztagsplatz für ihr Kind.

Seit dem Ende des Investitionsprogramms des Bundes im Jahr 2009 hat der Ausbau jedoch deutlich an Fahrt verloren. Wenn es im gleichen Tempo weitergeht wie zuletzt, wird es noch mehr als vier Jahrzehnte dauern, bis ein flächendeckendes Angebot für alle Schüler bereitsteht. Für unseren Vorstand Jörg Dräger ist deshalb klar:

"Die neue Bundesregierung muss dem Ganztagsausbau Priorität geben. Gute Ganztagsschulen sind ein Motor für die Chancen von Kindern und Jugendlichen."

Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung

Modellrechnung: Verdoppelung des Ganztagsangebots bis 2025 machbar

Die nun vorliegende Studie von Klaus Klemm und Dirk Zorn hat berechnet, wie sich ein flächendeckendes Angebot an guten Ganztagsschulen in der Fläche verwirklichen lässt. Um bis zum Jahr 2025 80 Prozent aller Schüler zu erreichen, müssen weitere 3,3 Millionen Ganztagsplätze geschaffen werden – unter Berücksichtigung steigender Schülerzahlen. Mit adäquaten Qualitätsstandards werden für diesen Ausbau rund 31.400 zusätzliche Lehrkräfte sowie 16.200 weitere pädagogische Fachkräfte wie etwa Erzieher und Sozialpädagogen benötigt. Jährlich fielen dafür etwa 2,8 Milliarden Euro an zusätzlichen Personalkosten an. Um die notwendige räumliche Infrastruktur aufzubauen, müssten die kommunalen Schulträger insgesamt rund 15 Milliarden Euro investieren.

"Der Ganztagsausbau ist von den Eltern gewollt, pädagogisch geboten und finanziell machbar. Wir brauchen jetzt einen nationalen Kraftakt für gute Ganztagsschulen. Bund, Länder und Kommunen können die nötigen Investitionen nur gemeinsam bewältigen", so Dräger. Er fordert zudem einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz. Die Einführung eines Rechtsanspruchs habe auch den Kita- und Krippenausbau erst richtig ins Rollen gebracht.

Bundesweite Standards für gute Ganztagsschulen

Der flächendeckende Ausbau guter Ganztagsschulen erfordert auch, dass sich Deutschlands Bildungspolitiker über gemeinsame Qualitätsstandards verständigen. "Das konzeptionelle Vakuum muss endlich gefüllt werden", so Dräger, "die Bildungsverantwortlichen in Deutschland müssen einen Konsens erzielen, in welche Richtung der weitere Ganztagsschulausbau gehen soll." Entscheidend für gute Lernchancen im Ganztag ist, dass qualifiziertes pädagogisches Personal und Lehrkräfte auch am Nachmittag in der Schule präsent sind, um den Schülern hochwertige Lernangebote zu machen. Diese Grundbedingung haben die Autoren der Studie in ihren Berechnungen berücksichtigt.

Die Grafik zeigt, wie viel Geld investiert werden müsste, um den Anteil der Schüler im Ganztag von heute rund 40 auf 80 Prozent im Jahr 2025 zu steigern. Wie viel würde die Verdoppelung der Ganztagsplätze an Deutschlands Schulen bis 2025 kosten? Unsere Ergebnisse im Überblick. Sie können diese Grafik in höherer Auflösung rechts (in mobiler Ansicht: unten) herunterladen.

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