Foto vom estnischen Staatspräsidenten a.D. und Preisträger des Reinhard Mohn Preises 2017 Toomas Hendrik Ilves.
Jelena Rudi Photography

Während seiner zehnjährigen Präsidentschaft von 2006 bis 2016 machte Toomas Hendrik Ilves die digitale Transformation in Estland zur Chefsache und trieb sie ebenso konsequent wie umsichtig voran. Estland gilt heute weltweit als digitale Vorzeigenation.

Ilves habe mit seinem politischen Gestaltungswillen wesentlich dazu beigetragen, dass Estland einen außergewöhnlichen Digitalisierungsprozess durchschritten hat, heißt es in unserer Begründung für die Preisvergabe. Ilves leistete wichtige Beiträge, die Digitalisierungsbemühungen der estnischen Ministerien in einer nationalen Strategie zu bündeln. Schneller Internetzugang und mobiles Breitband für alle, Aufbau digitaler Kompetenzen insbesondere bei Kindern und Jugendlichen sowie eine positive Grundhaltung der Esten gegenüber digitalen Technologien: All dies hat Ilves durch sein politisches Wirken maßgeblich befördert.

"Estland ist auch für die Digitalisierung in Deutschland ein richtungsweisendes Beispiel."

Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung

Für die Esten sind Behördengänge eine absolute Ausnahme. Bereits seit 2002 erlaubt ihnen eine elektronische Identifikation samt digitaler Unterschrift, nahezu alle notwendigen Schritte online zu erledigen. Als erste Nation ermöglichte Estland 2005 seinen Bürgern die elektronische Stimmabgabe bei landesweiten Wahlen. Selbst Ausländer können im baltischen Staat eine virtuelle Identität beantragen. Damit lassen sich Firmen gründen, Steuererklärungen einreichen und Bankgeschäfte erledigen.

Bereits während seiner Amtszeit als estnischer Botschafter in den USA initiierte Toomas Hendrik Ilves 1995 ein wegweisendes Projekt, das digitale Kompetenzen in seiner Heimat fördert. Das "Tiger Leap Program" gab in Estland den Startschuss für eine Reihe digitaler Großprojekte, die das Internet in allen gesellschaftlichen Bereichen zum Standard-Werkzeug machen sollen. Angefangen wurde bei den Jüngsten: Schulen bekamen Internetanschluss, wurden mit Hard- und Software ausgestattet und die Lehrer erhielten Schulungen. Im Anschluss verankerte Estland das e-Learning im täglichen Stundenplan. Nach den Schulen wurde das Programm auf die Hochschulen ausgeweitet. Heute können alle Schüler, Eltern und Lehrer eine nationale Online-Lernplattform nutzen.

"Toomas Hendrik Ilves hat die Digitalisierung in die Schulen und in den Unterricht gebracht, zehn Jahre vor Erfindung des Smartphones. Er hat erkannt, wie bedeutsam der frühzeitige Erwerb digitaler Kompetenzen ist."

Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung

Die digitale Bildung in den Schulen habe dazu beigetragen, dass die Esten die Chancen der Digitalisierung als Hebel für Wachstum und gesellschaftlichen Aufbruch zu nutzen versuchen – mit einem gesunden Optimismus, ohne Berührungsängste, aber auch ohne naive Euphorie, unterstreicht Brigitte Mohn.

Die Bertelsmann Stiftung würdigt Ilves auch als einen Politiker, der die Möglichkeiten der Digitalisierung für gesellschaftlichen Aufbruch früh erkannt habe. Als ehemalige sowjetische Teilrepublik nutzte Estland die konsequente Digitalisierung dazu, Korruption einzudämmen, die ländliche Infrastruktur zu fördern und Meinungsfreiheit zu etablieren. Datensicherheit betrachtet Ilves eher als Werkzeug, denn als Problem. In seinem Konzept von Datensouveränität sieht er den Bürger als aktiven Gestalter.

Nach Ende seiner Präsidentschaft im Oktober 2016 ernannte die Stanford University Toomas Hendrik Ilves zum Gastprofessor am Zentrum für internationale Sicherheit und Zusammenarbeit (CISAC). Für das Weltwirtschaftsforum leitete er das "Blockchain Future Council" und steht seit kurzem dem Ausschuss für Cybersecurity vor. Während seiner Präsidentschaft führte Ilves die Task-Force "eHealth" der EU und den Lenkungsausschuss der EU-Kommission für Cloud Computing. Gemeinsam mit Kaushik Basu, ehemaliger Chefökonom der Weltbank, leitete er den Herausgeber-Beirat für den Weltbank-Bericht "Digital Dividends", eine umfassende Studie zum Nutzen digitaler Technologien für Schwellenländer und Drittweltstaaten.

Über den Reinhard Mohn Preis

Der Reinhard Mohn Preis erinnert an den Gründer der Bertelsmann Stiftung, Reinhard Mohn († Oktober 2009). Der Preis wird jährlich verliehen und zeichnet international renommierte Persönlichkeiten aus, die sich um wegweisende Lösungen zu gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen verdient gemacht haben. Die Preisvergabe basiert auf einer weltweiten Recherche nach innovativen Konzepten und exemplarischen Lösungsansätzen für Herausforderungen, die für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands von entscheidender Bedeutung sind. In diesem Jahr heißt das Thema "Smart Country – Vernetzt. Intelligent. Digital.". Der Festakt zur Preisverleihung findet am 29. Juni ab 11 Uhr im Theater Gütersloh statt.

Smart Country: Was steckt dahinter und wie digital ist Deutschland heute?

Was verbirgt sich hinter "Smart Country"? Wo steht Deutschland in Sachen Digitalisierung? Welchen Nutzen haben digitale Phänomene wie Roboter oder Digital Farming? Unsere YouTube-Playliste zum Thema des Reinhard Mohn Preises 2017 mit Stimmen aus der Bevölkerung, Expertenmeinungen und praktischen Beispielen.

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