Porträtfoto von Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung
Jan Voth

, Leitartikel: Fünf Schritte zu einer erfolgreichen Integration

Das Flüchtlingsthema ist allgegenwärtig. Jeder Tag bringt neue Herausforderungen und die Stimmung ändert sich. Wenn wir es schaffen wollen, einer so großen Zahl von Flüchtlingen und den Belangen unserer Gesellschaft gerecht zu werden, sind kreatives Denken und große Erfahrung gefragt. Die Bertelsmann Stiftung startet dazu zeitgleich eine Reihe von Projekten und Aktivitäten. Ein Beitrag von unserem Vorstandsvorsitzenden Aart De Geus.

Rund 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Schaut man auf den „Global Trends Report“ des UNO-Flüchtlingshilfswerks UNHCR, der seit 1951 vergleichbare Zahlen über Krieg, Vertreibung und Verfolgung sammelt, wurden allein 2014 insgesamt 13,9 Millionen Menschen weltweit zu Flüchtlingen oder Binnenvertriebenen – viermal so viele wie noch 2010. Weltweit gab es rund 19,5 Millionen Flüchtlinge, 38,2 Millionen Binnenvertriebene und 1,8 Millionen Asylsuchende, die noch auf den Ausgang ihres Asylverfahrens warteten. Eine Entwicklung, die 2011 mit dem Ausbruch des Krieges in Syrien begann und zu der in den vergangenen fünf Jahren laut UNHCR weitere neue Konflikte hinzukamen wie in Afrika (Côte d’Ivoire, Zentralafrikanische Republik, Libyen, Mali, Nordost-Nigeria, Südsudan und Burundi), im Nahen Osten (Irak und Jemen), in Europa (Ukraine) und in Asien (Kirgisistan und in einigen Gebieten von Myanmar und Pakistan).

Gefährliche Fluchtwege

Die Situation ist sehr schwierig und scheint ausweglos. Krisen und Kriege, die nicht enden wollen und die jeden Tag weiter Flucht und Vertreibung verursachen. So konnten 2014 nur 126.800 Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren – die niedrigste Zahl seit 31 Jahren. Rund die Hälfte aller Flüchtlinge sind Kinder. Mehr als die Hälfte aller Flüchtlinge kommen aus Syrien, Afghanistan und Somalia. Ihr Weg ist weit, wird immer begrenzter, immer gefährlicher. Allein 2014 kamen 218.000 Menschen aus Afrika oder Asien mit dem Boot übers Mittelmeer. 3.500 verloren dabei ihr Leben. Menschen, die auf ihrem Weg in die von Kritikern häufig als „Festung Europa“ bezeichnete EU ertrinken, erfrieren oder verhungern.

Zahlreiche Flüchtende nehmen die „Zentrale Mittelmeerroute“, die von der Stadt Agadez in Niger nach Libyen und von dort mit Booten weiter auf die italienischen Inseln Lampedusa und Sizilien oder nach Malta führt. In den vergangenen zehn Jahren starben oder verschwanden auf diesem Weg über 10.000 Menschen. Andere Wege nach Europa sind die „Östliche Landroute“, die von der Ukraine nach Polen und in die Slowakei führt, die „Westliche Balkanroute“, bei der die Menschen über die Türkei und Griechenland nach Ungarn oder Rumänien kommen, sowie die stark frequentierte „Östliche Mittelmeerroute“, die in verschiedenen ostafrikanischen Ländern beginnt und über Ägypten, Jordanien, Libanon und Syrien in die Türkei und dann per Boot auf eine der griechischen Inseln oder das Festland führt. Dazu kommen die „Westafrikanische Route“ über Marokko in die Westsahara oder über Mauretanien auf die Kanarischen Inseln, die „Westliche Mittelmeerroute“ über die spanischen Nordafrika-Enklaven Ceuta und Melilla nach Spanien sowie die „Route über Apulien und Kalabrien“.

Wege voller Hoffnung, die oft in bitterer Enttäuschung enden. Denn die Erwartungen an Europa sind groß. Nicht selten locken Schlepper mit völlig unrealistischen Versprechungen. Nicht selten werden Bürokratie und kulturelle Unterschiede unterschätzt. Schaut man auf die EU, so werden dort die meisten Asylanträge in Deutschland und Schweden gestellt. Insgesamt wurden in Europa bis Ende 2014 rund 6,7 Millionen Menschen gezählt, die ihre Heimat verlassen mussten: Ein Viertel davon waren syrische Flüchtlinge in der Türkei. Noch 2013 waren es in Europa nur insgesamt 4,4 Millionen.

"Die Erwartungen der Flüchtlinge an Europa sind groß!"
Aart De Geus

Eine riesige Herausforderung

Die Lage in Deutschland ändert sich täglich. Einer bislang nie geahnten Hilfsbereitschaft stehen Fremdenhass und Anschläge auf Asylbewerberunterkünfte gegenüber. Neben völlig überlasteten Städten und Gemeinden, in denen die Stimmung zuweilen kippt, gibt es auch immer wieder neue Erfolgsgeschichten. Wie die Flüchtlingskrise, die uns alle seit Monaten begleitet, gelöst werden kann und welche Folgen Kriege und Krisen in der Welt auf lange Sicht für uns haben, weiß wohl kaum jemand vorauszusagen. Und doch: Deutschland hat schon mehr als einmal bewiesen, dass es mit Krisen umzugehen weiß.

Ohne dass es uns immer bewusst ist, leben wir Integration. Tag für Tag. Laut Auswärtigem Amt leben fast drei Millionen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland, mehr als die Hälfte von ihnen hat einen deutschen Pass. Insgesamt leben in Deutschland mehr als acht Millionen Ausländer. Und schaut man noch etwas weiter zurück in unsere Geschichte, so stammen schätzungsweise 20 Millionen Deutsche von Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten ab.

Doch diese Welle der neuen Herausforderungen, der neuen Krisen und immer neu aufkeimenden Kritik setzt Deutschland unter einen enormen Druck, kurzfristige Lösungen zu schaffen. Angesichts unserer demographischen Entwicklung von Alterung und Bevölkerungsrückgang ist der Zustrom so vieler Menschen aber zugleich auch eine wichtige Chance für Deutschland. Wir müssen lernen, damit umzugehen, derzeit eines der attraktivsten Einwanderungsländer der Welt zu sein. Das bedeutet auch, dass es immer dringender wird, klare Ziele und Lösungen für ein „Einwanderungsland Deutschland“ zu entwickeln. Dazu gehört insbesondere neben der Steuerung der Einwanderung auch die Gestaltung des Zusammenlebens in einer heterogener werdenden Gesellschaft.

Lösungsvorschläge für Deutschland

Nachdem anfangs die Frage im Vordergrund stand, wie den Hilfesuchenden das Ankommen erleichtert werden kann, sind in den letzten Monaten zunehmend die Herausforderungen der kurzfristigen Aufnahme dieser großen Zahl von Menschen in den Vordergrund getreten. Politische Entscheidungsträger, die zuständigen Institutionen und die Akteure vor Ort standen zunächst weitgehend unvorbereitet vor den Entwicklungen. Im Bemühen, der neuen Situation gerecht zu werden, bewegen sich alle Akteure seitdem in einem Spannungsfeld zwischen dem Gebot der Humanität und begrenzter Kapazitäten und Leistungsfähigkeit.

In dieser Lage ist mehrgleisiges Vorgehen erforderlich: Zuallererst müssen ein reibungsloses Ankommen und eine gelingende Integration sichergestellt werden. Zweitens muss aber auch die Zahl der Menschen verringert werden, die sich gezwungen sehen, aus ihren Heimatländern zu fliehen. Und drittens sollte eine gerechtere Verteilung der Hilfesuchenden auf die Länder Europas erreicht werden.

"Wir möchten dazu beitragen, den oft von großer Unsicherheit geprägten Diskurs zu versachlichen, bei praktischen Lösungen zu helfen und dauerhafte Lösungsvorschläge zu entwickeln."
Aart De Geus

Unser realistischer Anspruch kann nur sein, einen punktuellen Beitrag zu leisten, indem wir Impulse geben, Konzepte erarbeiten, Wissen transferieren und skalierbare Lösungen entwickeln. Grundlage all unserer Aktivitäten ist eine klare Differenzierung zwischen Flüchtlingen und Migranten sowie eine spezifische Bestandsaufnahme der bestehenden Mängel und der bereits angelaufenen Maßnahmen. Flucht und Migration betreffen alle Ebenen staatlichen Handelns. Deshalb nehmen wir alle Akteure in den Blick –  das gilt für Kommunen, Länder, Bund, die EU und auch die Herkunftsländer. Mit Blick auf die künftigen Entwicklungen haben wir fünf Bereiche definiert, die die Herausforderungen und Erfahrungen von Flüchtlingen und Migranten sowie des Aufnahmelandes widerspiegeln:

Keine Frage, die Herausforderungen sind gewaltig. Aber, um unseren Außenminister Frank-Walter Steinmeier zu zitieren, der sich im Februar 2016 auf dem Bertelsmann Forum äußerte:

"Es ist uns nicht erlaubt, zu scheitern und nicht alles zu versuchen, diese Probleme zu lösen."
Frank-Walter Steinmeier, Außenminister der Bundesrepublik Deutschland

Darin stimme ich ihm zu.

 

Mehr über die Aktivitäten der Bertelsmann Stiftung zum Thema Flüchtlinge erfahren Sie immer aktuell auf unserer Dossier-Seite: www.bertelsmann-stiftung.de/fluechtlinge

Weitere Texte zum Thema Integration finden Sie in change 1/2016

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