Ein Flugblatt mit der Aufschrift "Je suis Boris" (Ich bin Boris) und Blumen erinnern am 28. Februar 2015 an einem Laternenmast vor der Basilius-Kathedrale in Moskau an den tags zuvor ermordeten russischen Oppositionspolitiker Boris Nemzow.
Jay / Flickr, CC BY-NC-SA 2.0 - https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/

, Interview: "Ich will nicht, dass noch mehr sterben"

Wohin geht Russland nach der Ermordung des Oppositionellen Boris Nemzow? Wie sollen sich Putin-Kritiker im Land künftig verhalten? Boris Reitschuster, ehemaliger Büroleiter des "Focus" in Moskau, beantwortet diese und weitere Fragen im Gespräch mit Gabriele Schöler.

Bertelsmann Stiftung: Nach der Ermordung des russischen Oppositionellen und scharfen Putin-Kritikers Boris Nemzow sind am Sonntag die Menschen in Moskau zu Tausenden auf die Straße gegangen und haben gegen Putin demonstriert. Ist das der Beginn eines russischen Majdan – könnte es das werden?

Boris Reitschuster:
Nein, leider nicht. Ich habe höchsten Respekt vor denen, die da gekommen sind, aber die Angst und politische Depression in Russland sind zu groß, als dass es eine Massenbewegung werden könnte, die Putin gefährdet.

Bertelsmann Stiftung: Wohin geht Russland?

Reitschuster: Russland geht zurück in die 1930er Jahre. Das, was ich im Geschichtsunterrricht gelernt und nie verstanden habe, erlebe ich in vielem am eigenen Leib. Wer das nicht selbst erlebt hat, kann es sich auch nicht vorstellen, deshalb haben wir hier im Westen ein Wahrnehmungsproblem. Wenn man russisches Fernsehen – auch nur auszugsweise – simultan übersetzt in Deutschland zeigen würde, würden viele Leute auch in Deutschland mehr verstehen.

Bertelsmann Stiftung: Was würden Sie Putin-Kritikern in Russland empfehlen?

Reitschuster: Vorsichtiger zu sein als Nemzow, nicht so mutig zu sein wie Nemzow, nicht so offen zu sein wie Nemzow, nicht Dinge beim Namen nennen, obwohl ich mir das eigentlich wünschen würde. Obwohl ich mir all das von ihnen wünschen würde, will ich nicht, dass noch mehr sterben.

Bertelsmann Stiftung: Sie selber sind als Putin-Kritiker bekannt und beziehen häufig – im eigenen Blog, in den Medien – Stellung und werden dafür auch angefeindet. Warum machen Sie das alles selber mit?

Reitschuster: Im Geschichtsunterricht habe ich mich immer gefragt, warum haben die Leute geschwiegen, wie ist das alles passiert? Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich ansatzweise in eine Situation mit gewissen Ähnlichkeiten komme. Viele Menschen haben damals unglaublich viel riskiert, und heute muss man nur ein Bruchteil dessen riskieren, wenn man das System kritisiert. Umso erschreckender ist es für mich, wie viele bei diesem System mitmachen, ob aus Naivität, oder weil sie eigene Interessen haben.

Porträtfoto von Boris Reitschuster
Boris Reitschuster.

Boris Reitschuster leitete von 1999 bis Februar 2015 das Moskauer Büro des Focus. Derzeit lebt er als freier Autor und Publizist in Berlin und reist regelmäßig nach Moskau und in andere Staaten der früheren Sowjetunion.

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