Jugendliche

Zwischen Ohnmacht und Aufbruch

Klimakrise, Kriege, hohe Preise, Dauerkrise im Newsfeed: Wer heute zwischen 16 und 30 ist, wächst in einer Zeit auf, in der Zukunft oft eher nach „Überforderung“ als nach „Aufbruch“ klingt. In unseren Studien und Formaten sehen wir etwas, das in vielen Debatten untergeht: Junge Menschen haben klare Vorstellungen davon, wie eine nachhaltige und gerechte Zukunft aussehen soll und sie sind grundsätzlich bereit, dafür Verantwortung zu übernehmen. Die entscheidende Frage ist weniger, ob sie sich engagieren wollen, sondern wo und wie Engagement in ihrer Lebensrealität andocken kann.

Ansprechpartnerin

Foto Nicole Kleeb
Nicole Kleeb
Project Manager

Content

1. Interesse ist da, die Hebel fehlen

Wenn wir junge Menschen nach Nachhaltigkeit fragen, sehen wir zuerst erstaunlich viel Konsens. Die 16- bis 30-Jährigen verstehen Nachhaltigkeit nicht nur als Klimaschutz, sondern auch als faire Chancen, soziale Sicherheit und eine verlässliche Zukunft. Rund drei Viertel dieser Altersgruppe geben an, dass ihnen nachhaltiges Verhalten im Alltag wichtig ist. Viele sind bereit, dafür auf Komfort zu verzichten, beim Konsum, bei der Mobilität oder beim Energieverbrauch (Jugend und Nachhaltigkeit). 

Trotzdem kommt nur eine kleine Minderheit über das private Verhalten hinaus in ein organisiertes Engagement. In der Nachhaltigkeitsstudie berichten rund fünf Prozent, dass sie ehrenamtlich speziell für Nachhaltigkeit aktiv sind. 

Die Ergebnisse aus Junges Engagement für sozialen Wandel ergänzen dieses Bild. Viele junge Menschen interessieren sich für gesellschaftliche Themen und fühlen sich grundsätzlich informiert. Gleichzeitig zweifeln sie daran, ob ihr Engagement wirklich etwas bewirkt. Knapp die Hälfte ist mit der Art, wie die Demokratie in Deutschland funktioniert, unzufrieden, nur eine Minderheit ist zufrieden. 

Beim Blick auf den eigenen Einfluss zeigt sich das gleiche Muster. Nur etwa ein Fünftel glaubt, im eigenen Umfeld mit Engagement tatsächlich etwas verändern zu können. Fast die Hälfte ist überzeugt, dass sich durch den eigenen Einsatz wenig oder nichts bewegt. 

Viele wissen außerdem nicht, wo sie anfangen sollen und sehen außerhalb von Wahlen zu wenige echte Beteiligungsmöglichkeiten. 

Kurz gesagt: Die junge Generation bringt Interesse und Werte mit, aber nur begrenzte Hebel. Engagement scheitert weniger an Motivation als an fehlenden, glaubwürdigen Andockpunkten.

2. Lebensrealität: Einsamkeit, Druck und der Wunsch, dazuzugehören

Um zu verstehen, warum Engagement häufig gar nicht erst entsteht, lohnt der Blick in ihre Lebensrealität: Wie geht es jungen Menschen überhaupt?

Unsere Analysen zur Einsamkeit zeigen, dass dieses Thema längst nicht mehr am Rand steht. In der StudieWie einsam sind junge Erwachsene im Jahr 2024?“ berichten 46 Prozent der 16- bis 30-Jährigen von moderater oder starker Einsamkeit. Etwa zehn Prozent fühlen sich stark einsam. 

Besonders betroffen sind junge Erwachsene ohne Erwerbstätigkeit, mit niedriger formaler Bildung oder mit Migrationsgeschichte sowie junge Frauen. 

InJung, einsam – und engagiert?“ haben wir uns angeschaut, wie Einsamkeit mit politischer Selbstwirksamkeit zusammenhängt. Das vielleicht überraschendste Ergebnis: Stark einsame junge Erwachsene sind nicht weniger politisch interessiert als andere. Sie informieren sich, sie haben Meinungen, sie sind emotional von politischen Themen betroffen. 

Der Unterschied liegt an anderer Stelle. Einsame junge Menschen trauen sich deutlich weniger zu, die eigene Umgebung zu verändern. Sie zweifeln an der eigenen Wirksamkeit und an der Reaktionsfähigkeit von Politik und Institutionen. Sie erwarten seltener, dass ihre Anliegen wahrgenommen werden und sind stärker unzufrieden mit der Demokratie und ihrer Veränderbarkeit. 

Damit wird klar: Einsamkeit ist nicht nur eine emotionale oder gesundheitliche Herausforderung, sondern auch eine Gefahr für die Demokratie. Wer sich einsam fühlt, erlebt seltener Räume, in denen man mit anderen über Politik sprechen, Dinge ausprobieren und kleine Erfolge erleben kann. Genau diese Erfahrungen wären aber wichtig, um das Gefühl zu entwickeln: „Ich kann etwas bewirken und ich muss damit nicht alleine sein.“

Engagementförderung darf deshalb nicht erst dort beginnen, wo jemand bereits stabil in Strukturen angekommen ist. Sie muss an den Stellen ansetzen, an denen Einsamkeit, Unsicherheit und Überforderung Engagement von vornherein unwahrscheinlich machen (Weniger Einsamkeit bei jungen Menschen). Das heißt: soziale Orte schaffen, Beziehungen ermöglichen, niedrigschwellige Einstiege öffnen und das so gestalten, dass junge Menschen sich eingeladen fühlen, nicht bloß adressiert. Dafür sollte man sich gezielt in ihre Lebensrealität begeben - offline und online. 

3. Lebensrealität Social Media: Politik im Feed

Für junge Menschen ist das Smartphone längst Grundausstattung. Laut JIM-Studie besitzen 96 Prozent der 12- bis 19-Jährigen ein eigenes Smartphone. Neun von zehn sind täglich online und verbringen im Schnitt mehr als drei Stunden pro Tag im Netz.

TikTok und Instagram sind dabei nicht mehr nur Unterhaltung, sondern wichtige Kanäle, um sich über das Weltgeschehen zu informieren, also auch über Politik und gesellschaftliche Konflikte.

Mit „How to Sell Democracy Online (Fast)haben wir untersucht, wie politische Inhalte dort funktionieren und wie sie aus Sicht junger Menschen aussehen sollten. Die Auswertung von Kurzvideos von Politiker:innen, Parteien und politischen Influencer:innen und eine repräsentative Befragung von 16-28 Jährigen zeigen ein klares Muster. Entscheidend ist nicht der spektakuläre Look, sondern die Kombination aus technischer Qualität und Glaubwürdigkeit. Junge Menschen wünschen sich Videos, die verständlich sind und nicht rauschen oder verzerren. Nur eine kleine Minderheit legt Wert auf viele Effekte und Filter. Viel wichtiger ist ihnen, dass die Sprache einfach und klar ist, die Botschaften ehrlich sind und Politiker:innen sich als Menschen zeigen, mit Ecken, Kanten und Emotionen. 

Social Media ist für junges Engagement nicht nur Werbefläche, sondern Resonanzraum. Es reicht nicht, klimaneutrale Stockvideos mit Appell-Text zu posten. Was funktioniert, sind klare Botschaften, sichtbare Haltung, echte Einblicke und konkrete offline Angebote.

Für unsere Arbeit im Projekt bedeutet das: Wenn wir nachhaltiges Engagement stärken wollen, müssen Nachhaltigkeit, Demokratie und mentale Gesundheit im -Feed anschlussfähig sein. Nicht als moralischer Zeigefinger, sondern als Einladung: „Hier passiert etwas, bei dem du mit deinen Fähigkeiten und deiner Perspektive gebraucht wirst.“

4. Lebensrealität Gaming: Politische Spielräume in digitalen Welten

Der digitale Raum, in dem sich junge Menschen aufhalten ist jedoch weitaus größer und vielfältiger als die Plattformen Instagram und TikTok, die häufig die erste Assoziation bei sozialen Medien sind.  Zumeist in ganz anderen Bubbles diskutiert und doch nicht davon zu trennen ist die die Gaming-Welt. Gaming ist heute sowohl eine zentrale Säule der modernen Kulturlandschaft, als auch mit seinen zugehörigen Plattformen (Twitch, Discord, uvm.) und Community-Strukturen für viele junge Menschen ein wichtiger Teil ihrer Identität. 

In der Studie Spielräume für Demokratie – Potenziale und Spannungsfelder im Gaming haben wir untersucht, wie Spieler:innen digitaler Spiele auf Demokratie, Politik und Medien blicken und welche Rolle Gaming-Communitys für sie spielen. Ein zentrales Ergebnis: Das Klischee vom unpolitischen Gamer hält nicht stand. Es existieren sehr unterschiedliche politische Kulturen innerhalb der Gaming-Communitys. Einzelne bekannte Gaming-Influencer:innen nutzen ihre Reichweite gezielt politisch. Beispielsweise 2019 mobilisierten Creator aus der Gaming-Szene ihre Millionen-Follower-Community gegen die EU-Urheberrechtsreform und füllten damit Demonstrationen gegen Artikel 13. Dieses Engagement sehen wir auch in unseren Daten: Die sog. „Gaming-Enthusiast:innen“, die am meisten spielen und Teil dieser Communitys sind, engagieren sich mehr als alle anderen – ob die gelegentlich Spielenden oder die, die nie spielen.

Gleichzeitig erleben viele Spielende, dass ihre Szene politisch eher als Risiko gerahmt wird. Nach rechtsextremen Anschlägen wird in Debatten häufig „die Gaming-Szene“ als Problem markiert. In den Daten zeigt sich, dass sich viele dadurch missverstanden und stigmatisiert fühlen. 

Unsere Analysen machen deutlich, dass Gaming-Communitys für junge Menschen soziale Ankerpunkte sein können, besonders dann, wenn klassische „dritte Orte“ fehlen. Dort entstehen Freundschaften, Zugehörigkeit und Routinen, aber auch Konflikte und Aushandlungen darüber, was noch akzeptabel ist und was nicht. 

Politisch ist das hoch relevant. In Teams, Clans und Discord-Servern werden Regeln diskutiert, Menschen ausgeschlossen oder geschützt, Machtfragen verhandelt. Das sind Räume, in denen demokratische Kompetenzen wie Aushandeln, Perspektivwechsel und Solidarität praktisch eingeübt werden. Im negativen Fall können dort aber auch Diskriminierung, Hass und gezielte Kampagnen wachsen. 

Für unsere Arbeit bedeutet das: Wer über junges Engagement und Demokratie spricht, kann Gaming nicht als Freizeitlärm am Rand behandeln. Gaming ist für viele ein alltäglicher Sozialraum. Wenn wir Engagement stärken wollen, müssen wir genau dort präsent sein: aufsuchend, auf Augenhöhe und mit echtem Interesse an den Fragen, die junge Menschen in ihren digitalen Räumen beschäftigen. Was dort passiert, ist nicht „nur online“, sondern prägt Zugehörigkeit, Konfliktkultur und Mitgestaltung und wirkt damit direkt in Kommune, Politik und Gesellschaft hinein.

Engagement in der Lebensrealität verankern: Was wir gelernt haben

Wenn man die Ergebnisse aus Nachhaltigkeits-, Engagement-, Einsamkeits-, Social-Media- und Gaming-Studien zusammendenkt, entsteht ein klarer roter Faden.

  • Erstens: Interesse und Bereitschaft sind da. Drei Viertel der Jugendlichen und jungen Erwachsenen legen Wert darauf, nachhaltig zu leben, viele interessieren sich für Politik und globale Entwicklungen.
  • Zweitens: Selbstwirksamkeit und Vertrauen sind die Engpässe. Nur eine Minderheit fühlt sich politisch wirklich wirksam. Viele zweifeln sowohl an der eigenen Wirkung als auch am guten Willen des Systems. Einsamkeit verstärkt diese Zweifel, ohne das politische Interesse zu mindern.
  • Drittens: Engagement entsteht in Räumen. Junge Menschen werden aktiv, wenn sie Themen mit ihrer eigenen Lebensrealität verbinden können, wenn sie mit anderen zusammen handeln und wenn sie erleben, dass ihr Beitrag sichtbar etwas verändert. Das gilt offline im Viertel, in Schule, Hochschule, Betrieb oder Verein genauso wie online im Feed und im Game.

Daraus ergeben sich für verschiedene Akteursgruppen klare Aufgaben. Für Politik und Verwaltung geht es darum, Beteiligung so zu gestalten, dass sie im Alltag junger Menschen tatsächlich vorkommt. Verständliche Sprache, transparente Verfahren und echte Rückmeldungen zu Vorschlägen sind keine Kür, sondern Voraussetzung. Wenn junge Menschen monatelang in Gremien sitzen und am Ende nur eine kurze Nachricht bekommen, dass ihre Ideen „zur Kenntnis genommen“ wurden, bestätigt das genau jene fehlende externe Selbstwirksamkeit, die wir in den Daten sehen. 

  • Für Bildungseinrichtungen und Organisationen bedeutet es, Engagement nicht nur als Zusatzangebot zu betrachten, sondern als Teil von Bildung und Alltag. Wo junge Menschen gemeinsam Projekte umsetzen, Kampagnen planen, Medienformate entwickeln oder Gaming-Formate mit gesellschaftlichem Fokus ausprobieren, entstehen Gegenmittel zu Einsamkeit und Einstiege in demokratische Praxis.
  • Für Akteur:innen in Medien, Social Media und Gaming heißt es, sich ernsthaft in diese Lebenswelten zu begeben. Das bedeutet Kurzvideos, die ehrlich sind und klare Botschaften tragen. Creator-Kooperationen, die Gaming-Communitys als Partner begreifen. Und Formate, die zeigen, wie nachhaltiges Handeln, Demokratie und mentale Gesundheit auch im digitalen Alltag zusammenhängen.
  • Für junge Menschen selbst steckt in all dem eine ambivalente, aber wichtige Botschaft. Viele fühlen sich von Krisen überfordert, zweifeln an der Politik und haben gleichzeitig das Gefühl, etwas tun zu müssen. Das ist kein individueller Fehler, sondern ein kollektiver Zustand. Engagement muss nicht beim perfekten Ehrenamt im großen Verband beginnen. Es kann im Gespräch, im Insta-Format, im Community-Server, in einem lokalen Nachhaltigkeitsprojekt oder in einem Jugendgremium anfangen, überall dort, wo sich gemeinsam eine Idee testen lässt und ein Unterschied spürbar wird.

Fazit

Nachhaltigkeit braucht Einfluss – jetzt, nicht später

Wenn wir aus „Junge Menschen und Gesellschaft“ eine zentrale Lehre ziehen müssten, wäre es diese: Es mangelt nicht an jungen Menschen, die nachhaltiger, gerechter und demokratischer leben und handeln wollen. Es mangelt an Strukturen, die ihr Engagement ernst nehmen, in der Nachbarschaft, in Institutionen und in den digitalen Räumen, in denen sie täglich unterwegs sind.

Nachhaltigkeit im Sinne der SDGs ist nicht nur eine technische oder wirtschaftliche Frage. Sie ist immer auch eine Frage von Macht und Mitsprache. Wer darf mitreden, wer wird gehört, wessen Lebensrealität fließt in Entscheidungen ein. Unsere Studien zeigen, dass junge Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Damit daraus reale Wirkung wird, müssen ihre Offline- und Online-Lebenswelten als politische Räume anerkannt werden. Dort brauchen sie echte Spielräume. Genau daran haben wir in den letzten Jahren gearbeitet und genau hier setzen wir in den kommenden Jahren an.

Studie

Ähnliche Studien