Eine Mitarbeiterin einer Lebensmittelfabrik trägt Arbeitskleidung, Handschuhe und ein Haarnetz und steht an einer Maschine, die sie über einen daran befestigten Touchscreen bedient.
Valeska Achenbach

, Studie: Frauen auf dem deutschen Arbeitsmarkt: Aufholen, ohne einzuholen

Frauen auf dem deutschen Arbeitsmarkt, das ist auf den ersten Blick eine Erfolgsgeschichte: Sie sind besser ausgebildet, arbeiten mehr und haben deutlich mehr Einkommen zur Verfügung als noch vor 40 Jahren. Dennoch sind sie häufiger überqualifiziert und hinken weiterhin der Einkommensentwicklung von Männern hinterher.

Wer gewinnt? Wer verliert? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt einer von uns geförderten Langzeitstudie. Dafür hat ein Forscherteam um Prof. Dr. Timm Bönke von der Freien Universität Berlin die Auswirkungen des Strukturwandels auf dem deutschen Arbeitsmarkt für verschiedene Bevölkerungsgruppen untersucht.

Eines der zentralen Ergebnisse: Frauen gehören zu den Aufsteigerinnen der letzten 40 Jahre. Sie sind besser ausgebildet, arbeiten mehr, sichern zunehmend das Haushaltseinkommen ab und verfügen über deutlich höhere Einkommen als noch in den 1970er Jahren. Im Vergleich zu Männern zeigt sich jedoch: Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit und sind in Jobs tätig, für die sie formal überqualifiziert sind.

Darüber hinaus haben sie über alle Qualifikationsniveaus hinweg – damals wie heute – häufig weniger als die Hälfte der Einkommen der Männer zur Verfügung. Geringqualifizierte, insbesondere Männer, gehören dagegen mit Blick auf verfügbare Einkommen und Beschäftigungsquoten zu den größten Verlierern.

Unser Vorstandsvorsitzender Aart De Geus kommentiert die Ergebnisse:

"Teilhabe und Aufstieg auf dem Arbeitsmarkt sind zentrale Versprechen der Sozialen Marktwirtschaft. Deshalb müssen Politik und Wirtschaft Hürden abbauen, wo einzelne Bevölkerungsgruppen strukturell benachteiligt werden."
Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung

Frauen sichern immer öfter Familieneinkommen ab

Der Blick auf das Bildungsniveau und die Arbeitsmarktbeteiligung zeigt für Frauen im historischen Verlauf einen klaren Aufwärtstrend: Zwischen 1970 und 2013 ist der Anteil von Hochschulabsolventinnen in Westdeutschland von 2 auf 17 Prozent um das Achtfache gestiegen. Ebenso hat sich die Zahl erwerbstätiger Frauen in den alten Bundesländern zwischen 1973 und 2013 von rund sechs auf zwölf Millionen verdoppelt.

"Durch die gestiegene Erwerbstätigkeit der Frauen war es möglich, die Haushaltseinkommen gerade im Bereich der unteren Einkommen zu stabilisieren", erläutert unsere Arbeitsmarktexpertin Manuela Barišić die Studienergebnisse. Zwar sind Männer in Paarhaushalten immer noch häufig die Haupteinkommensbezieher, jedoch tragen Frauen zunehmend zum Haushaltseinkommen bei. Insbesondere Frauen prekär beschäftigter Männer sind zu Zweitverdienerinnen geworden, um das Familieneinkommen abzusichern.

Konkret waren im Jahr 2013 westdeutsche Frauen in Paarhaushalten mit Kindern in der unteren Einkommenshälfte fast dreimal so häufig erwerbstätig wie noch 1973. Ihr durchschnittlich verfügbares Haushaltseinkommen ist im selben Zeitraum aber lediglich um die Hälfte gestiegen.

Die Grafik zeigt, dass Frauen und Männer trotz gleichen Bildungsniveaus unterschiedlich viel Einkommen zur Verfügung haben. Sowohl bei Hoch- wie auch Geringqualifizierten sind Frauen finanziell deutlich benachteiligt - im Jahr 2013 galt dies genauso wie im Jahr 1976.
Frauen und Männer haben unterschiedlich viel Einkommen zur Verfügung, selbst wenn sie das gleiche Bildungsniveau haben: 2013 bestand dieses Problem noch genauso wie im Jahr 1976. Und auch zum Equal Pay Day am 18. März 2019 gibt es in dieser Hinsicht noch viel zu tun. Sie können diese Grafik unten in der Box unter dem Reiter "Grafiken" herunterladen.

Frauen arbeiten häufiger als Männer in Jobs, für die sie formal überqualifiziert sind

Knapp 60 Prozent der Frauen in Ost und West mit Hochschulabschluss arbeiteten 2012 in Jobs, für die sie formal überqualifiziert waren. Dies traf im selben Jahr im Westen der Bundesrepublik auf 42 Prozent und im Osten auf 47 Prozent der Männer zu. "Auch wenn im historischen Verlauf die Überqualifikation abgenommen hat, spiegelt sich der Bildungserfolg von Frauen immer noch nicht in den von ihnen ausgeübten Tätigkeiten wider", sagt Barišić.

Dazu kommt: Auch wenn sich die Erwerbsbeteiligung von Frauen verdoppelt hat, ist die Summe wöchentlich geleisteter Arbeitsstunden von von 1973 bis 2013 nur um die Hälfte gestiegen, da Frauen immer noch häufiger in Teilzeit mit geringer Stundenzahl arbeiten. Bei den Männern im erwerbsfähigen Alter blieb die geleistete Summe der Wochenarbeitsstunden im selben Zeitraum konstant, obwohl die Zahl der Erwerbstätigen von 12 auf 14 Millionen stieg.

Unterschiede zwischen Frauen und Männern zeigen sich auch im verfügbaren Einkommen, das Arbeits- und Kapitaleinkommen sowie Transfers wie zum Beispiel Sozialleistungen beinhaltet und die Belastung durch Steuern und Abgaben widerspiegelt: Während Akademikerinnen 1976 in der Bundesrepublik ein Einkommen von rund 1.650 Euro in Preisen von 2015 zur Verfügung hatten, waren es bei Männern mit rund 3.700 Euro gut doppelt so viel. Auch knapp 40 Jahre später steht männlichen Akademikern 2013 in Westdeutschland mit rund 3.800 Euro ein fast doppelt so hohes Einkommen wie Frauen bei gleicher Qualifikation (2.050 Euro) zur Verfügung. Eine ähnliche Entwicklung lässt sich auch für gering- und mittelqualifizierte Arbeitnehmerinnen nachzeichnen.

Manuela Barišić fasst die Ergebnisse zusammen:

"Frauen hinken der Einkommensentwicklung rund 40 Jahre hinterher, da sie 2013 immer noch nicht das Niveau erreicht haben, das Männer in den 1970ern hatten."
Manuela Barišić, Arbeitsmarktexpertin der Bertelsmann Stiftung

Studie

Publikation: Wer gewinnt? Wer verliert?

Wer gewinnt? Wer verliert? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt einer von der Bertelsmann Stiftung geförderten Langzeitstudie. Dafür hat ein ...

Bildung schützt vor Arbeitslosigkeit und Einkommensverlusten

Der historische Verlauf zeigt darüber hinaus, dass eine höhere Qualifikation einen wichtigen Schutz bietet – und zwar über alle Gruppen und Regionen in Deutschland hinweg. "Mit den höchsten Arbeitslosenraten und Einkommensverlusten über die Zeit gehören Geringqualifizierte zu den größten Verlierern der vergangenen Jahrzehnte", so Barišić. Seit den 1970er Jahren sind sie zunehmend stärker von Arbeitslosigkeit betroffen als Mittel- und Hochqualifizierte.

Die gestiegenen Arbeitslosenraten spiegeln sich auch in der Entwicklung der verfügbaren Einkommen wider. Insbesondere geringqualifizierte Männer in West und Ost mussten über die Zeit Einkommensverluste hinnehmen: Ein geringqualifizierter westdeutscher Mann hatte 2013 ein Einkommen von 1.460 Euro zur Verfügung – 1976 waren es in Preisen von 2015 rund 1.600 Euro.  

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