Fünf Personen halten lächelnd Schilder vor sich, die die Symbole des Islam, des Judentums, des Christentums, des Hinduismus und des Buddismus tragen.
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, Religionsmonitor: Religiöse Toleranz weit verbreitet – aber der Islam wird nicht einbezogen

Anlässlich des 70-jährigen Geburtstags des Grundgesetzes nimmt unser Religionsmonitor das Verhältnis von Religion und politischer Kultur in den Blick. Demokratische Grundprinzipien und Werte genießen unter Angehörigen der verschiedenen Religionen breite Zustimmung – auch religiöse Toleranz wird von einer Mehrheit anerkannt. Allerdings werden dabei nicht alle Religionen gleichermaßen einbezogen.

In Deutschland sind die Angehörigen der verschiedenen Religionen mehrheitlich davon überzeugt, dass die Demokratie eine gute Regierungsform ist. Das ist ein Ergebnis der Studie "Weltanschauliche Vielfalt und Demokratie", die auf unserem Religionsmonitor 2017 und einer Nacherhebung 2019 basiert. Demnach sprechen sich 89 Prozent der deutschen Bevölkerung für die Demokratie aus. Unter den Christen liegt der Anteil bei 93 Prozent der Befragten, unter Muslimen bei 91 Prozent und unter Konfessionslosen bei 83 Prozent. Auch der Schutz von Minderheiteninteressen als ein Grundprinzip der liberalen Demokratie wird von rund 80 Prozent der Bürger positiv bewertet.

Bei der Anerkennung religiöser Vielfalt gibt es allerdings noch Nachholbedarf: Grundsätzlich sind 87 Prozent der Befragten laut Studie offen gegenüber anderen Weltanschauungen. Etwa 70 Prozent sprechen anderen Religionen auch einen Wahrheitsgehalt zu und sind somit als religiös tolerant anzusehen. Doch nur knapp jeder Zweite in Deutschland meint, dass religiöse Pluralität die Gesellschaft bereichert. Mit Blick auf den Islam sinkt dieser Anteil noch einmal: Nur ein Drittel der Bevölkerung betrachtet den Islam als Bereicherung. Christentum, Judentum, Hinduismus und Buddhismus werden hingegen von einer Mehrheit als bereichernd empfunden.

Insgesamt empfindet rund die Hälfte der Befragten den Islam als Bedrohung. In Ostdeutschland ist dieser Anteil mit 57 Prozent noch höher als in Westdeutschland (50 Prozent). Diese im Frühjahr 2019 erhobenen Daten unterscheiden sich kaum von den Ergebnissen der vorangegangenen Befragungen des Religionsmonitors aus den Jahren 2017, 2015 und 2013. "Offenbar sehen viele Menschen den Islam derzeit weniger als Religion, sondern vor allem als politische Ideologie an und nehmen ihn deswegen von der religiösen Toleranz aus", erklärt unsere Religions-Expertin Yasemin El-Menouar. Hierzu haben aus ihrer Sicht auch die gesellschaftlichen Debatten und Medienberichte der vergangenen Jahre beigetragen, die den Islam häufig in einen negativen und kritischen Zusammenhang rückten.

Rund die Hälfte der Deutschen nimmt den Islam als bedrohlich wahr. In Ostdeutschland ist diese Empfindung stärker ausgeprägt als in Westdeutschland. Sie können diese Grafik unten in der Infobox herunterladen.

Skepsis gegenüber dem Islam bedeutet noch keine Islamfeindlichkeit

Wir haben genauer untersucht, wie sich der Bevölkerungsanteil derer zusammensetzt, die den Islam als Bedrohung ansehen. Das Ergebnis: Es ist wichtig, hier zu differenzieren. "Zwar zeigt unsere Studie eine recht weit verbreitete Islamskepsis, aber die ist nicht unbedingt mit Islamfeindlichkeit gleichzusetzen", sagt El-Menouar. "Viele Menschen äußern mit Blick auf den Islam Vorbehalte, leiten daraus aber keine politischen Forderungen oder antidemokratische Sichtweisen ab." Nur eine Minderheit der Bürger zeige eine deutlich islamfeindliche Sicht und fordere etwa, die Zuwanderung von Muslimen zu unterbinden.

Der Anteil von Menschen mit einer islamfeindlichen Einstellung ist im Verlauf der vergangenen Jahre laut Religionsmonitor insgesamt gesunken: Betrug er 2017 in Deutschland noch 20 Prozent, liegt er 2019 bei nur noch 13 Prozent. Die Analysen zeigen außerdem, dass Personen mit eindeutig islamfeindlichen Positionen häufig nicht nur Muslime, sondern auch andere Minderheiten ablehnen und ein insgesamt gegen Vielfalt gerichtetes Weltbild vertreten. 

Ablehnung von Vielfalt schadet der Demokratie

Weitere Ergebnisse des Religionsmonitors: Die Zustimmung zur Demokratie als gute Regierungsform sinkt unter Personen mit einer klar islamfeindlichen Haltung auf einen Anteil von 68 Prozent – und liegt damit mehr als 20 Prozentpunkte niedriger als in der Gesamtbevölkerung. Ähnlich sieht es beim Schutz von Minderheiteninteressen aus: Auch dieses demokratische Prinzip findet nur bei zwei Dritteln derer Zustimmung, die sich gegen die Zuwanderung von Muslimen aussprechen.

Selbst wenn eindeutig islamfeindliche Einstellungen nur von einer Minderheit vertreten werden und sogar etwas abgenommen haben, gibt die weit verbreitete Islamskepsis Anlass zur Sorge. Denn: "Bestehende Vorbehalte bieten rechtspopulistischen Gruppierungen und Parteien Anknüpfungspunkte – Sorgen und Ängste können instrumentalisiert werden und aus einer Skepsis Ablehnung machen", sagt Religions-Expertin El-Menouar.

Basis für gelingendes Zusammenleben: Persönliche Kontakte zwischen Religionen

Eine wichtige Erkenntnis des Religionsmonitors lautet, dass Menschen, die regelmäßig Kontakt zu Angehörigen anderer Religionen haben, religiöse Vielfalt und den Islam seltener als Bedrohung empfinden. In dieser Gruppe betrachten 46 Prozent den Islam sogar als eine Bereicherung. Unter den Personen, die kaum persönlichen Kontakt zu anderen Religionen haben, sehen dagegen 64 Prozent im Islam eine Bedrohung. Yasemin El-Menouar betont:

"Nicht nur die Studien, auch die alltägliche Erfahrung zeigen: Im konkreten Alltag gelingt das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Religionen meist gut."
Yasemin El-Menouar, Religions-Expertin der Bertelsmann Stiftung

Genau an diesem Punkt könnten Praxisprojekte ansetzen und den Austausch und die persönliche Begegnung gezielt fördern, so El-Menouar weiter: "So können gegenseitige Vorurteile abgebaut, Vertrauen gestärkt und ein gelingendes Miteinander gestaltet werden. Hier sind besonders die Kommunen gefordert, Räume für Begegnung und Austausch zu schaffen."

Beispielsweise ließe sich bereits in Kita und Schule ansetzen, um Kinder – unabhängig von konfessionellen Grenzen – über Religion und religiöse Vielfalt zu unterrichten. Auf diese Weise könnten sich Kinder über Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihrer verschiedenen religiösen Prägungen austauschen und voneinander lernen. "Unsere Befragungen zeigen, wie viele Werte geteilt werden, wie zum Beispiel demokratische Grundwerte und der Wunsch nach einem toleranten Miteinander. Genau dies ist eine wichtige Basis, um sich über Religionsgrenzen hinweg auszutauschen", sagt die Religions-Expertin El-Menouar. 

Studie

Publikation: Weltanschauliche Vielfalt und Demokratie

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