Prof. Udo Ohm steht vor einem Bücherregal in einem Raum der Universität Bielefeld.
Kai Uwe Oesterhellweg

, Interview: Stellen gesucht, Profis vorhanden

Exzellent ausgebildete Lehrer für "Deutsch als Fremd- und Zweitsprache" werden dringend gebraucht, um Flüchtlinge zu unterrichten und zugleich Fachlehrer an den Schulen zu entlasten. Die Lehrer sind da, doch sichere Arbeitsplätze an Schulen sind trotz der Flüchtlingssituation Mangelware.

Ein großer Teil der Flüchtlingskinder ist im schulfähigen Alter und benötigt guten und effizienten Deutschunterricht, um möglichst bald integriert werden zu können. Doch während Lehrerverbände fordern, zunächst alle arbeitslosen Deutschlehrer mit Staatsexamen einzustellen oder pensionierte Kollegen zurückzuholen, sieht der Fachverband "Deutsch als Fremd- und Zweitsprache e.V." dies kritisch. Er warnt davor, wie selbstverständlich davon auszugehen, dass Lehrer, die für den Deutschunterricht mit Muttersprachlern ausgebildet sind, automatisch Expertise für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache besitzen. Stattdessen müssten die Hochschulabsolventen des Faches "Deutsch als Fremd- und Zweitsprache" eingestellt werden. Doch die haben noch immer ein Problem, überhaupt eine gut bezahlte, sichere Anstellung zu bekommen. Wir sprachen darüber und über die Chancen, die guter Deutschunterricht für die Integration von Flüchtlingen bietet, mit Professor Udo Ohm von der Universität Bielefeld.

change: Welche Bedeutung hat Sprache für die Integration?

Prof. Udo Ohm: Da unser menschliches Zusammenleben über Sprache vermittelt wird, ist Sprache von zentraler Bedeutung. Das kann man an der Entwicklung von Kindern sehen.

Inwiefern?

Kinder erschließen sich im Verlauf ihrer körperlichen, kognitiven und sprachlichen Entwicklung immer mehr Lebensbereiche. Das beginnt mit der familiären Umgebung: Verwandtschaft, Freunde, Wohnumgebung. Dann aber auch durch institutionelle Formen des Zusammenlebens, also Kindergarten oder Schule. Die sprachlichen Anforderungen werden dabei immer höher, und sie müssen sich überall bewähren. Für Kinder verläuft dieser Prozess in der Regel erfolgreich. Sie wachsen da hinein. Aber selbst hier können Integrationsprozesse scheitern. Wenn man das unter diesem Aspekt sieht, bekommt man einen anderen Blick auf Integration.

Welchen?

Man erkennt, dass man eine Sprache nicht auf Vorrat lernen kann und dann automatisch zur Gesellschaft gehört. Das Ganze ist im Grunde eine Einheit: Man entwickelt sich sprachlich weiter, indem man sich Lebensbereiche erschließt. Flüchtlinge haben das Problem, dass sie sich sehr schnell und ganz viele Lebensbereiche sprachlich erschließen sollen, nur: Ihre besondere Lebenssituation erschwert ihnen genau das.

Wie reagieren sie darauf?

In der Regel sind Flüchtlinge zu Anfang hoch motiviert. Aber leben Geflüchtete isoliert in Sammelunterkünften, mit wenig Kontakt zu Einheimischen, haben sie natürlich auch nicht die Möglichkeit, sich soziale Räume zu erschließen und die Sprache zu praktizieren.

Das geht in den Sprachkursen weiter, wo es nur selten homogene Gruppen mit Menschen ähnlicher Lernerfahrung gibt.

Ja, wir haben dort eine hohe Heterogenität. Auf den ersten Blick ist schwer einzuschätzen, welches Vorwissen die Leute haben. Damit spricht man ja auch die Frage an, was wir über die Ausbildungssituation im Heimatland wissen: Mit welchen Bildungsabschlüssen kommen die Menschen zu uns? Mit welchen Qualifikationen in Deutschland sind diese vergleichbar? Bislang gibt es da kaum belastbare Zahlen.

Wie muss sich das Lehrmaterial auf diese Situation einstellen? Brauchen Geflüchtete eine andere Aufbereitung des Lehrstoffes? Gibt es da Überlegungen?

Die Verlage arbeiten daran, aber das braucht Zeit. Vieles wird auch von Kollegen in Eigenregie entwickelt. Außerdem kann man vorhandenes Material anpassen, was aber entsprechende didaktisch-methodische Kompetenzen erfordert.

Was genau muss denn speziell für Flüchtlinge anders sein?

Man muss vor allem die Lebenssituation berücksichtigen. Beispiel Traumatisierung. Wir haben in den Lehrwerken ein Thema, das immer wieder vorkommt und eigentlich auch gut funktioniert: die Familie. Das allerdings ist gerade bei Menschen mit Fluchterfahrung kritisch, weil in dem Kontext häufig schlimme Erlebnisse wieder aufgerufen werden. Trennungen, Verluste, Heimweh. Natürlich kann man das Thema nicht vermeiden, man braucht aber Lehrkräfte – und da sind wir beim Thema Professionalisierung –, die sensibel dafür sind und auch wissen, wie man so ein Thema einführt.

"Wir sind entsetzt darüber, wenn Politik und Administration übersehen, dass wir ein großes Potenzial an kompetenten Lehrkräften haben, die in unseren Studiengängen für die Vermittlung der Zweitsprache Deutsch ausgebildet werden. Das wird häufig nicht wahrgenommen und nicht gewürdigt."
Udo Ohm, Professor für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache an der Universität Bielefeld

Das heißt, häufig sind die Lehrer gar nicht speziell für ihre Belange ausgebildet?

Das ist vor allem im Bereich der Schulen ein großes Problem. Schulen müssen Flüchtlingskinder auch während des laufenden Schuljahrs ständig neu aufnehmen. Es muss im Kollegium nach Wegen gesucht werden, wie man mit der Situation umgeht. Da gibt es ganz unterschiedliche Modelle. Viele arbeiten mit sogenannten Vorbereitungsklassen, wo erst einmal diese sogenannten Seiteneinsteiger grundlegend sprachlich gefördert werden, um dann möglichst schnell im Regelunterricht mitmachen zu können. Man will die Seiteneinsteiger natürlich schnell in den Regelunterricht integrieren. Aber da gibt es immer wieder Situationen, in denen sich Fachlehrkräfte überfordert fühlen und es im alltäglichen Unterricht nicht schaffen, die Sprache zu fördern und zugleich ihren Stoff zu bewältigen. Sie sind dafür ja auch nicht ausgebildet. Auch hier wird die Expertise unserer Absolventen nicht ausreichend genutzt.

Auch allgemein bei Sprachkursen? Schließlich sind es häufig nicht speziell ausgebildete Ehrenamtliche, die mit den Geflüchteten Deutsch lernen.

Was ich absolut großartig finde! Ohne dieses Engagement würde vieles gar nicht funktionieren. Diese Personen sind die Türöffner für die Flüchtlinge. Aber sie sind natürlich nicht dafür qualifiziert, einen professionellen Unterricht zu machen. Ich sehe darin absolut keine Konkurrenz. Im Gegenteil.

"Weil der Unterricht begrenzt ist und man auch nur begrenzt Zugang schaffen kann, ist es eine hervorragende Unterstützung der systematischen Sprachvermittlung, wenn Ehrenamtliche Geflüchtete im Alltag begleiten und mit ihnen kommunizieren."
Udo Ohm, Professor für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache an der Universität Bielefeld

Aber?

Wir im Fach "Deutsch als Fremd- und Zweitsprache" sind entsetzt darüber, wenn Politik und Administration übersehen, dass wir ein großes Potenzial an kompetenten Lehrkräften haben, die in unseren Studiengängen für die Vermittlung der Zweitsprache Deutsch ausgebildet werden. Dieses Potenzial wird häufig nicht wahrgenommen und nicht gewürdigt.

Also müssten sich eingefahrene Bildungsstrukturen ändern und auch Ihren Absolventen, also Lehrern ohne Staatsexamen, die Wege in den Schuldienst geebnet werden.

Ja. Denn Integration bedeutet nicht nur, dass sich Fremde von außen in ein Gesellschaftssystem hinein integrieren, sondern auch, dass sich die Gesellschaft verändert. Und dazu gehört natürlich auch eine Reorganisation von institutionellen Strukturen, um die vorhandenen Expertisen produktiv nutzen zu können.

Was unterscheidet Ihre Studierenden von ganz normalen Lehramtsstudenten im Fach Deutsch?

Der entscheidende Unterschied ist, dass wir eine Fremdsprachenphilologie sind. Eigentlich müsste es so sein, dass die Kollegen auch Zugang zur Schule bekommen, aber das Fach "Deutsch als Zweitsprache" ist kein Schulfach.

Das bedeutet?

Dass unsere Absolventen häufig prekär beschäftigt sind, also zum Beispiel Honorarverträge im Rahmen der Integrationskurse bekommen und daher auch selbst nicht gut "integriert" sind. Auch wenn sie an Schulen unterrichten sollen – die Schulen fragen die Expertise in Deutsch als Zweitsprache übrigens immer häufiger nach, während die Bildungsadministration sich offenbar aus formalen Gründen mit Einstellungen schwertut –, werden sie in der Regel nur befristet oder auf Honorarbasis angestellt. Das ist natürlich frustrierend für die Kollegen, wenn sie auch hier sozusagen wieder Lehrkräfte zweiter oder dritter Klasse sind, obwohl Integration doch auch laut Bundeskanzlerin eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe ist. Und für uns ist es auch schwierig, wenn wir unsere Leute auf das vorbereiten, was sie nach dem Studium erwartet.

Wie viel können wir lernen in wie kurzer Zeit?

Um im Alltag zurechtzukommen, kann man – unter Idealbedingungen – innerhalb eines Jahres oder weniger eine Sprache relativ gut lernen. Aber: Wer hat schon diese Lernbedingungen? Wer hat diese Lernerfahrung, dass er sich perfekt organisieren kann? Und: Wer hat so wenig Sorgen, um sich auch wirklich nur aufs Lernen konzentrieren zu können? Ich würde umgekehrt argumentieren: In der Lebenssituation vieler Flüchtlinge muss man davon ausgehen, dass Sprachenlernen Zeit braucht und dass es dann erfolgreich ist, wenn es mit einer Lebensperspektive verbunden ist und die Lernenden durch ausgebildete Lehrkräfte unterstützt werden.

Lesen Sie das komplette Interview mit Prof. Ohm in unserem kostenfrei bestellbaren change Magazin 1/2016.

Weitere Texte zum Thema Integration finden Sie in change 1/2016

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