Zwei Männer sitzen in einem Raum und unterhalten sich. Im Hintergrund stehen mehrere Schaltschränke.
Enno Kapitza

Text von Anna Butterbrod für change – das Magazin der Bertelsmann Stiftung. Ausgabe 1/2016 (gekürzte Fassung).

Er trägt Jeans und Sweatshirt, geht gerne schlittschuhlaufen, spielt Fußball im Verein. Momentan sitzt er im Unterricht bei der Münchner Innung für Elektro- und Informationstechnik, wo Berufsanfänger alles über Kabel und Co. lernen. Doch Majed Alrehani, 22, ist kein normaler Berufsanfänger, und das, was er gerade lernt, steht auch auf keinem normalen Stundenplan.

Majed floh 2014 mit seinen Eltern und zwei Brüdern aus Syrien. Sein Onkel, ein Apotheker, lebt seit über 30 Jahren in München. Er holte seine Angehörigen mit offizieller Genehmigung nach. Bevor Majed nach Deutschland kam, arbeitete er über drei Jahre in einer Firma, die elektrische Transformatoren herstellt. Das ging dort auch ohne Ausbildung – in Deutschland unmöglich. Mit Hilfe der Innung soll Majed jetzt einen Ausbildungsplatz finden. Das zwölfmonatige Programm, das er mit 13 weiteren jungen Männern absolviert, heißt "FlüQue" – kurz für "Flüchtlingsqualifizierung im Bereich Elektrotechnik". Ziel ist, dass die Teilnehmer einen Ausbildungsplatz bei einer der Firmen ergattern, in denen sie drei Pflichtpraktika absolvieren.

Neue Herausforderungen

Auf dem Stundenplan des von der Stadt München geförderten Projekts steht neben Praxis und Deutschunterricht auch Sozialkompetenztraining. Betreuer Tobias Fries zeigt heute einen Fernsehbeitrag zu den Übergriffen am Kölner Hauptbahnhof in der vergangenen Silvesternacht. Die Klasse diskutiert darüber, welches Strafmaß für die Täter, darunter auch Flüchtlinge, angemessen wäre. Obwohl sich alle über harte Sanktionen einig sind, lachen einige, als sie sehen, wie Böller und Raketen in der Menge hochgehen: "Das kann so wirken, als ob ihr mit den Tätern einer Meinung seid", warnt Fries. "Ich lege euch ans Herz: Distanziert euch von so etwas und macht klar, dass ihr strikt dagegen seid."

Die Arbeit mit Flüchtlingen stelle alle Beteiligten vor neue Herausforderungen, sagt Andreas Tremer, Leiter der Abteilung Soziales und Technik. Er hat das 2014 gestartete Projekt von Anfang an begleitet. "Beim ersten Durchgang konnten wir zwölf von 14 Teilnehmern vermitteln – die restlichen zwei waren schlichtweg faul." Nur eine weibliche Teilnehmerin habe es bis jetzt gegeben: "Ein Mädchen aus Uganda. Sie war anfangs so traumatisiert, dass sie Gesprächspartnern weder die Hand geben noch in die Augen schauen konnte. Am Ende hat sie sich ganz selbstbewusst auf eigene Faust einen Ausbildungsplatz organisiert. Wenn ich einen Durchhänger habe, denke ich an ihre Entwicklung, dann läuft es wieder", sagt Tremer. Es gebe Kandidaten, die wichtige Chancen ausschlügen: "Viele müssen Geld nach Hause schicken, zu ihren Familien. Sie räumen lieber für 1.000 Euro im Monat Regale ein, als sich auf eine mehrjährige Ausbildung mit geringerem Gehalt einzulassen. Ich versuche dann, ihnen das auszureden." Bei Majed muss Tremer das nicht tun. Er ist froh darüber, dass ihm eine Firma schon einen Ausbildungsplatz in Aussicht gestellt hat.

Netzwerke schaffen

Ein Erfolg, der auch Maria Prem vom Amt für Wohnen und Migration zufrieden stimmt. Die 51-Jährige ist für die Integration von Flüchtlingen im Alter von 16 bis 25 zuständig. Sie tut dies mit Hilfe des bayernweiten Netzwerkes "FiBA – Flüchtlinge in Beruf und Ausbildung", zu dem unter anderem der Bayerische Flüchtlingsrat, Teilprojekte in Nürnberg und Landshut, die Agentur für Arbeit München, das Jobcenter und die Münchner SchlaU-Schule gehören, die schulanalogen Unterricht für junge Flüchtlinge anbietet. Seit 2010 haben Prem und ihre Kollegen bayernweit 6.000 Neuankömmlinge beraten und vermittelt. "Der erste wichtige Schritt ist ein Deutschkurs", weiß sie. Die Angestellte ist froh, dass es inzwischen auch einige kommunale Angebote für Flüchtlinge ohne Bleibe-Garantie gibt. "Sonst sind sie jahrelang zum Nichtstun verdammt. Wird ihnen dann der Aufenthalt gewährt, können sie nichts, was ihnen bei der Jobsuche weiterhelfen würde." Immer mehr Unternehmen melden sich bei Maria Prem, um Praktika oder Förderprogramme für Flüchtlinge anzubieten.

"Integration ist kein schneller Prozess. Es handelt sich um die Fachkräfte von übermorgen, nicht von morgen. Man muss diesen Menschen Hilfsmittel anbieten, ihnen aber auch die Zeit geben, sie zu nutzen."

Maria Prem, Amt für Wohnen und Migration der Stadt München

Neue Perspektiven

Christian Herget arbeitet bei der Landeshauptstadt München in der Servicestelle zur Erschließung ausländischer Qualifikationen als Anerkennungsberater. Er weiß, wie schwer es ist, ausländische Berufsabschlüsse geltend zu machen. "In vielen Fällen ist es schwer, den deutschen Referenzberuf zu ermitteln." Bei Ärzten, Akademikern oder Pädagogen entstehen häufig hohe Kosten für das Anerkennungsverfahren und Sonderprüfungen, die sich kaum jemand leisten kann. Herget hat schon vieles erlebt. Auch dass ein Studienabschluss nicht akzeptiert wurde, weil das Uni-Gebäude auf Google Maps zu unscheinbar wirkte.

Seit über einem Jahr betreut er Mohammad. Das ist nicht der echte Name des 36-Jährigen. Der medizinisch-technische Ingenieur will auch nicht von vorne fotografiert werden. "Meine Eltern und Geschwister sind in Syrien. Wenn dort jemand erfährt, dass ich in Deutschland arbeite, könnte man sie kidnappen und mich erpressen." Dabei ist Mohammad alles andere als reich: "Die 25.000 Dollar, die ich angespart hatte, gingen für die Flucht drauf." Momentan macht er ein bezahltes Praktikum bei einem Münchner Start-up-Unternehmen, das neue Techniken zur medizinischen Gewebediagnostik entwickelt. Die Firma hätte Mohammad gerne fest angestellt. Da auch er noch keine Aufenthaltsgenehmigung hat, benötigte er dafür die Zustimmung der Agentur für Arbeit. Doch die Behörde lehnte ab, weil das Gehalt nicht dem eines Ingenieurs entsprach. "Diese Regelung soll natürlich einerseits dafür sorgen, dass Flüchtlinge nicht ausgenutzt werden – andererseits verschließt sie viele Türen", so Herget. Er beschaffte Mohammad durch ein legales Hintertürchen die Möglichkeit eines dreimonatigen Praktikums, das gerade noch einmal um die gleiche Zeit verlängert wurde.

Mohammads Ziel: "Ich will in Frieden leben. In meiner Heimat hätte ich auf der Seite des Regimes kämpfen oder mich einer gegnerischen Truppe anschließen können. Aber ich will keine Waffe tragen. Ich träume davon, einen Fußabdruck in der Geschichte der Wissenschaft zu hinterlassen."

"Seit ich arbeite, habe ich wieder das Gefühl, ein Mensch zu sein. Vorher war ich wie ein Tier, das nur herumsitzt, schläft und isst."

Mohammad, medizinisch-technischer Ingenieur und Flüchtling aus Syrien

Hassan Matti, 33, ist amtlich betrachtet schon einen Schritt weiter – er darf in Deutschland seinen Bachelor-Titel in Maschinenbau nutzen. Trotzdem fand der Iraker, der 2009 mit einem Flüchtlingsvisum ankam, bisher keinen festen Job. Im Ausland bekleidete er leitende Funktionen als Logistikmanager oder Chief Operating Officer. "Hier gab's nur Absagen. Ich hatte nie die Chance, meine fachliche Kompetenz unter Beweis zu stellen." Nun darf er es: beim Programm "Work Here!" von BMW, das im November 2015 initiiert wurde. 34 Flüchtlinge schnuppern neun Wochen lang in verschiedene Unternehmensbereiche hinein. Dazu kommen täglicher Deutschunterricht und ein Training zur Vermittlung interkultureller Schlüsselqualifikationen: Es geht um Wertvorstellungen, um die Rolle der Frau, angemessene Kleidung und mögliche Kommunikationsfallen in der deutschen Arbeitswelt. Viele Feinheiten waren neu für Hassan Matti. "Ich weiß jetzt, dass man beim Smalltalk mit Geschäftspartnern erst mal mit dem Wetter oder den Hobbys startet und nicht gleich mit Fragen nach Familie und Kindern." Er baute außerdem eigene Vorurteile ab: "Vorher hatte ich eine Riesenangst", erzählt Matti. "Ich dachte, dass die BMW-Mitarbeiter arrogant oder distanziert sind. Aber das ist nicht so, alles läuft ganz normal ab."

Bei Fragen hilft ihm Barbara Beer, die Leiterin der Gruppe Konzeptbau und Funktionswerkstatt Exterieur. Sie ist Mattis Vorgesetzte – und seine Mentorin. "Es war uns wichtig, dass jeder Teilnehmer einen persönlichen Ansprechpartner hat", sagt Inga Jürgens, Leiterin Personalstrategie bei der BMW Group und Programmleiterin von "Work Here!". Auch Beer und ihre 26 Mitarbeiter profitieren von der Zusammenarbeit mit Hassan Matti: "Es klappt prima", sagt sie. "Diese Erfahrung ist etwas ganz anderes, als den Fernseher einzuschalten und dort Nachrichten über Flüchtlinge zu verfolgen."

"Es gibt so viel Unwissen. Unsere Mitarbeiter sprechen in Zukunft anders über Integration. Man darf Flüchtlinge nicht nur als Masse sehen. Hinter jedem Menschen steht eine Geschichte."

Inga Jürgens, Leiterin Personalstrategie der BMW Group und Leiterin des Integrationsprogramms "Work Here!"

Alle Teilnehmer erhalten abschließend ein Zertifikat. "Das kommt in meine Bewerbungsmappe. Mir ist inzwischen klar, wie wichtig den Deutschen Dokumente sind", sagt Matti mit einem verschmitzten Lächeln. "Außerdem habe ich jetzt Referenzen. Jeder potenzielle Arbeitgeber kann Frau Beer anrufen und ihr Fragen über meine Leistung stellen. Ich habe noch über 30 Arbeitsjahre vor mir – die würde ich gerne nutzen."

Der Syrer Hassan Matti und Barbara Beer, Leiterin der Gruppe Konzeptbau und Funktionswerkstatt Exterieur der BMW Group stehen vor dem Tower der BMW-Werke in München. Integration durch Arbeit: Der irakische Maschinenbauingenieur Hassan Matti lernt die BMW Group kennen und wird dort von Barbara Beer, Leiterin der Gruppe Konzeptbau und Funktionswerkstatt Exterieur, betreut.

Nicht nur die Münchner Innung für Elektro- und Informationstechnik und BMW helfen Flüchtlingen bei der Integration. Auch die Deutsche Bahn ist aktiv. Lesen Sie den kompletten Artikel in unserem kostenfrei bestellbaren change Magazin.

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