Zwei Lehrerinnen begleiten Kinder beim Hausaufgabenmachen
Veit Mette

Immer mehr Schulen in Deutschland stellen auf Ganztagsbetrieb um: Während vor 15 Jahren noch nicht einmal jede fünfte Schule auf ganztägige Bildung ausgerichtet war, sind es heute rund 60 Prozent. Der Ausbau war aber nicht an einheitliche Qualitätsstandards gekoppelt. Die Rahmenbedingungen für Ganztagsschulen unterscheiden sich daher stark zwischen den Bundesländern und den Schulstufen. Die Ressourcenausstattung an weiterführenden Schulen ist durchschnittlich schlechter als an Grundschulen. Das ist ein Ergebnis unserer aktuellen Studie, für die der Bildungsforscher Klaus Klemm und Dirk Zorn die Regelungen der 16 Bundesländer für Ganztagsschulen in gebundener Form verglichen haben. Die Studie ermöglicht erstmals eine differenzierte Abschätzung der Lernbedingungen an gebundenen Ganztagsschulen.

"Wo in Deutschland Ganztag drauf steht, ist leider nicht immer Ganztag drin. Die unterschiedlichen Rahmenbedingungen gebundener Ganztagsschulen weisen auf ein konzeptionelles Vakuum hin."

Jörg Dräger, Mitglied des Vorstands der Bertelsmann Stiftung

Große Unterschiede zwischen den Schulstufen

Die Zeit, die Ganztagsschülern über den Unterricht hinaus zum Lernen zur Verfügung steht, ist abhängig von Schulstufe und Bundesland. Grund dafür sind unterschiedliche Vorgaben der Länder zu Anzahl und Umfang der Ganztage. Mit dem Wechsel von Grund- zu weiterführenden Schulen sinkt diese Lernzeit: Die zusätzliche Zeit an Grundschulen mit verpflichtendem Ganztagsbetrieb beträgt durchschnittlich knapp 14 Stunden pro Woche. An weiterführenden Schulen umfasst sie nur acht Stunden.

Große Unterschiede zwischen den Bundesländern

Zwischen den Bundesländern sind die Unterschiede ebenfalls groß: In den Grundschulen reicht die zusätzliche Lernzeit von acht (Thüringen, Sachsen, Nordrhein-Westfalen) bis 22 Stunden (Hessen) pro Woche. Auch in der Sekundarstufe I bieten Ganztagsschulen in Hessen mit 16 Stunden die meiste zusätzliche Lernzeit. Mit rund vier Stunden bilden Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen die Schlusslichter.

Große Unterschiede bei der personellen Ausstattung durch die Länder

Die Zahl qualifizierter Pädagogen im Ganztag – hierzu gehören auch Erzieher und Sozialpädagogen –  variiert ebenfalls stark. Grundschulklassen erhalten im Schnitt von den Ländern zusätzliches Personal für elf, an weiterführenden Schulen für fünf Wochenstunden. Die Spannweite zwischen den Bundesländern reicht bei Ganztagsgrundschulen von drei (Bremen) bis zu knapp 26 zusätzlichen Wochenstunden (Berlin). In der Sekundarstufe I liegen die Unterschiede zwischen einer bis eineinhalb Wochenstunden (Bremen, Sachsen, Thüringen) und zehn zusätzlichen Wochenstunden (Berlin, Rheinland-Pfalz, Saarland).

Zusätzliche Lernzeit und Personalausstattung passen oft nicht zueinander

Zusätzliche Lernzeit und Personalausstattung sind in vielen Bundesländern nicht aufeinander abgestimmt. Zwar deckt das vom Land gestellte zusätzliche Personal bei gebundenen Ganztagsgrundschulen im Schnitt 86 Prozent der zusätzlichen Lernzeit ab, aber zwischen den Ländern gibt es große Unterschiede: Die geringste Abdeckung im Ländervergleich liegt bei 22 Prozent (Bremen und Hessen), die höchste in Thüringen. In der Sekundarstufe I liegt die durchschnittliche Abdeckung bei 70 Prozent (Gymnasien) beziehungsweise 68 Prozent (nicht gymnasiale Schulformen). Auch hier gibt es große Länderunterschiede: Die geringste Abdeckung von 20 Prozent findet sich an Thüringer Gymnasien und mit 22 Prozent bei den nicht gymnasialen Schulen in Bremen. Sachsen-Anhalt verfügt über die höchste Abdeckung bei den weiterführenden Schulen, allerdings bei sehr wenig zusätzlicher Lernzeit.

"Bundesweite Mindeststandards für Ganztagsschulen sind notwendig, um gleichwertige Lernchancen zu ermöglichen. Es braucht mehr Transparenz über die tatsächlichen Ausstattungen der Ganztagsschulen und eine pädagogische Debatte über angemessene zeitliche und personelle Rahmenbedingungen."

Jörg Dräger, Mitglied des Vorstands der Bertelsmann Stiftung

Gutes Verhältnis zwischen Lernzeit und Personalausstattung

Ein gutes Verhältnis zwischen ausgeprägter zusätzlicher Lernzeit und entsprechender Personalausstattung durch das jeweilige Land bieten in allen Stufen gebundener Ganztagsschulen lediglich Berlin und das Saarland. In der Sekundarstufe I gibt es außerdem in Rheinland-Pfalz ähnlich gute Rahmenbedingungen an den dortigen gebundenen Ganztagsschulen.

Die komplette Studie finden Sie hier.

 

Anmerkung der Autoren

Die am 28. April 2016 veröffentlichte Version unserer Studie zur Ressourcenausstattung gebundener Ganztagsschulen im Ländervergleich wies den Umfang der durch das Land finanzierten Personalausstattung im Saarland und in Hamburg nicht korrekt aus. Die entsprechenden Werte für die Personalausstattung haben wir deshalb korrigiert.

Für das Saarland bedeutet dies: Für Grundschulen reduziert sich der landesfinanzierte Anteil von Nicht-Lehrpersonal von 24,4 auf 12,2 Wochenstunden, für weiterführende Schulen von 1,6 auf 1,5 Wochenstunden.

Für Hamburg bedeutet dies: Für Grundschulen erhöht sich der landesfinanzierte Anteil von Nicht-Lehrpersonal von 8,3 auf 10,3 Wochenstunden, für Gymnasien von 2,5 auf 4,5 Wochenstunden und für Stadtteilschulen von 4 auf 6 Wochenstunden.

An den zentralen Ergebnissen und Ableitungen der Studie ändern diese Korrekturen nichts: Die Abweichungen zwischen Ländern und Schulstufen in der landesseitig finanzierten Personalausstattung sind erheblich. Weiterhin gilt: Nur das Saarland und Berlin bieten in allen Stufen gebundener Ganztagsschulen ein gutes Verhältnis zwischen ausgeprägter zusätzlicher Lernzeit und entsprechender Personalausstattung. 

Die entsprechenden Werte und methodischen Erläuterungen haben die Autoren korrigiert. Vielen Dank an die Hinweisgeber! Die Studie steht nun in der aktualisierten Fassung als Download zur Verfügung.

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