Arzte im OP-Saal
Arne Trautmann / PantherMedia.net

, Studie: OP-Häufigkeit hängt vom Wohnort ab

Rein medizinisch nicht erklärbar: In manchen Regionen wird acht Mal häufiger operiert als andernorts. Zwei Studien von uns und der OECD belegen große regionale Unterschiede in der Gesundheitsversorgung. Die Studienautoren sprechen von einem Warnsignal für Qualität, Effizienz und Gerechtigkeit.

Selbst in sehr leistungsstarken Gesundheitssystemen hängt eine angemessene medizinische Versorgung oftmals vom Wohnort ab. Das weisen wir und die OECD in zwei aktuellen Studien für Deutschland und zwölf weitere Industrienationen nach. Regionale Unterschiede gibt es bei der Entfernung der Mandeln, des Blinddarms, der Prostata oder beim Einsetzen eines Defibrillators am Herzen. Rein medizinisch sind derart hohe Abweichungen ebenso wenig zu erklären wie durch Alters- oder Geschlechtsstrukturen. "Große regionale Unterschiede in der Gesundheitsversorgung sind ein klares Zeichen für Qualitäts-, Effizienz- und Gerechtigkeitsprobleme", sagte OECD-Direktor Mark Pearson.

Die Ergebnisse beruhen auf einer Langzeituntersuchung. Seit 2007 beobachtet unsere Stiftung im Faktencheck Gesundheit die Häufigkeit von Operationen in allen 402 deutschen Kreisen und kreisfreien Städten. Dabei haben wir Verblüffendes festgestellt: Das Ausmaß der regionalen Unterschiede innerhalb Deutschlands bleibt über die Jahre hinweg bei den einzelnen medizinischen Eingriffen nahezu gleich. Und es sind auch überwiegend dieselben Regionen, die konstant unter besonderer Über- oder Unterversorgung leiden. In einigen kreisfreien Städten und Landkreisen wie Bad Kreuznach, Bremerhaven oder Delmenhorst werden seit Jahren acht Mal so vielen Kindern die Mandeln herausgenommen wie anderswo.

"Offensichtlich spielen hier andere Faktoren eine Rolle als nur die medizinische Notwendigkeit."
Vorstand Brigitte Mohn

Auch beim Einsatz von künstlichen Kniegelenken, bei Kaiserschnitten oder Gebärmutterentfernungen unterscheidet sich die Operationshäufigkeit zwischen den Regionen um das Zwei- bis Dreifache. Die OECD-Studie kommt für die anderen untersuchten Länder, darunter Frankreich, Spanien und England, zu ganz ähnlichen Ergebnissen.

Verantwortlich für die großen regionalen Unterschiede sind keineswegs nur wenige Ausreißer. Bei den Mandelentfernungen etwa weichen 137 der 402 deutschen Städte und Gemeinden um mehr als 30 Prozent vom Bundesdurchschnitt ab. Das legt die Vermutung nahe, dass betroffene Kinder in jeder dritten Stadt und jedem dritten Kreis entweder über- oder unterversorgt werden. Auffällig ist zudem, dass einige kreisfreie Städte und Landkreise gleich bei mehreren Eingriffen die deutschlandweit höchsten Operationsraten aufweisen. Zusammen mit der OECD empfehlen wir den Ärztekammern und Fachgesellschaften, aber auch den zuständigen Aufsichtsbehörden dringend, diese auffälligen Regionen einer eingehenden Untersuchung zu unterziehen.

"Die großen regionalen Unterschiede bestehen seit längerem. Es ist schwer zu verstehen, warum niemand nach den Ursachen forscht, denn hinter den Zahlen können sich in einigen Regionen echte Fehlentwicklungen zulasten der Patienten verbergen."
Vorstand Brigitte Mohn

Warum die Versorgungslage zwischen den Regionen so unterschiedlich ist, dazu kann auch die Forschung bislang nur erste Erklärungsansätze liefern. Die beiden Studien der OECD und unserer Stiftung stellen übereinstimmend fest, dass das Fehlen klarer medizinischer Leitlinien die Gefahr von regionalen Unterschieden vergrößert. Zudem sind Extremwerte in bestimmten Städten und Kreisen ein Indiz dafür, dass ärztliche Aufklärung regional unterschiedlich wahrgenommen wird. Entscheidungen für oder gegen eine Operation dürfen nicht, wie die Versorgungsforschung es für möglich hält, eine Frage der Angebotskapazität oder von Gewohnheiten der ortsansässigen Ärzte sein.

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