Ältere Frau stapelt Centmünzen aufeinander und zählt die Stapel durch. Elderly woman counting money, making stacks of Euro cents; 
bestellt am 30.05.2017 für die Altersarmutsstudie ST-NW, Standard-Lizenz
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Gütersloh, 26. Juni 2017. Das deutsche Rentensystem ist nicht ausreichend vorbereitet auf die steigende Zahl von Personen mit flexiblen Arbeitsverhältnissen, unterbrochenen Erwerbsbiographien und geringen Einkommen. Bis 2036 wird das Risiko für Altersarmut weiter steigen. Am stärksten davon betroffen sind alleinstehende Frauen, Menschen ohne Berufsausbildung und Langzeitarbeitslose. Doch viele der aktuell diskutieren Reformvorschläge können den Trend steigender Altersarmut nicht umkehren, da sie nicht zielgenau auf die Risikogruppen und die Ausbreitung des Niedriglohnsektors eingehen. Das sind die Ergebnisse einer Untersuchung zur Altersarmut, die auf Grundlage repräsentativer Haushaltsdaten die Alterseinkommen aus gesetzlicher, privater und betrieblicher Altersvorsorge von 2015 bis 2036 prognostiziert. Die Berechnungen haben die Wirtschaftsforschungsinstitute DIW Berlin und ZEW im Auftrag der Bertelsmann Stiftung durchgeführt.

Die Analyse bis zum Jahr 2036 liefert erstmals auch Erkenntnisse über den Verlauf der Altersarmut der geburtenstarken Jahrgänge, der sogenannten Babyboomer, die ab 2022 in Rente gehen werden. Laut Studienautoren wird das Risiko der Altersarmut bis 2036 auf 20 Prozent steigen (2015: 16 Prozent). Damit wäre zukünftig jeder fünfte deutsche Neurentner (ab 67 Jahren) von Altersarmut bedroht. Als armutsgefährdet gelten Rentner laut Studie dann, wenn ihr monatliches Netto-Einkommen unter 958 Euro liegt. Parallel prognostizieren die Autoren einen weiteren Anstieg der Grundsicherungsquote: 7 Prozent der Neurentner könnten zukünftig auf staatliche Unterstützung angewiesen sein (2015: 5,4 Prozent), weil ihr Einkommen nicht für den Lebensunterhalt reicht.

Alleinstehende Frauen, Langzeitarbeitslose und Geringqualifizierte am stärksten betroffen

Als wesentlich für den Trend steigender Altersarmut nennen die Autoren zwei Ursachen: Zum einen die Zunahme von unterbrochenen Erwerbsbiographien und prekären Arbeitsverhältnissen im Niedriglohnsektor. Zum anderen sinkt das Rentenniveau durch die demografische Entwicklung und rentenrechtliche Veränderungen kontinuierlich, während die zum Ausgleich geschaffenen Instrumente der privaten Altersvorsorge keine flächendeckende Wirkung entfalten. "Wir brauchen Reformen für den Ruhestand: Wenn die Babyboomer-Generation in Rente geht, könnte es zu einem bösen Erwachen kommen. Um das Alterssicherungssystem zukunftsfest zu gestalten, müssen wir es an die veränderten Rahmenbedingungen der Arbeitswelt anpassen", so Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung.

Alleinstehende Frauen, Langzeitarbeitslose und Niedrigqualifizierte haben insgesamt das größte Risiko, von Altersarmut betroffen zu sein. Fast jede dritte alleinstehende Neurentnerin könnte zukünftig auf Grundsicherung angewiesen sein. Für sie steigt die Grundsicherungsquote zwischen 2015 und 2036 von 16 auf fast 28 Prozent. Damit ist das Risiko zur Altersarmut bei alleinstehenden Frauen rund viermal so hoch wie im Durchschnitt (7 Prozent). Bei Langzeitarbeitslosen steigt die Grundsicherungsquote von rund 19 auf 22 Prozent, bei Menschen ohne Berufsausbildung von 10 auf 14 Prozent. Auch zwischen Ost und West gibt es starke Unterschiede. Für Rentner aus den neuen Bundesländern verdoppelt sich das Risiko zur Altersarmut von 5 auf 11 Prozent. In den alten Bundesländern wird die Grundsicherungsquote hingegen nur auf 6 Prozent steigen (2015: 5,5 Prozent). Laut Christof Schiller, Arbeitsmarktexperte der Bertelsmann Stiftung, sind diese Entwicklungen vor allem auf die Umbrüche auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt seit den 1990er Jahren zurückzuführen. Das geringste Risiko zur Altersarmut haben Personen, die mindestens 35 Jahre in Vollzeit erwerbstätig waren (Grundsicherungsquote 2036: 1,8 Prozent).

Rentensystem muss Risikogruppen und Erwerbsbiographien besser berücksichtigen

Für eine grundlegende Trendumkehr der steigenden Altersarmut müssten Reformen stärker die Risikogruppen, die veränderten Erwerbsbiographien und die Situation an den Kapitalmärkten in den Blick nehmen. "Die aktuellen Reformdebatten gehen oft an der Wirklichkeit vorbei und lösen kaum die grundlegenden Ursachen der Altersarmut. Diskussionen um eine Stabilisierung des Rentenniveaus helfen Risikogruppen nicht weiter, die schon während ihrer Berufsjahre nur schlecht von ihrem Gehalt leben können", so Christof Schiller. Zwar sei zu begrüßen, dass die Reformdebatte zuletzt wieder deutlich an Fahrt aufgenommen hat. Es bleibe aber größtenteils ungeklärt, ob und wie sich die Ziele einer künftigen Sicherung des Lebensstandards und der Armutsvermeidung im Alter miteinander vereinbaren lassen.

Dreh- und Angelpunkt eines niedrigeren Armutsrisikos für Rentner ist einerseits die Schaffung flexiblerer und sicherer Übergänge im Erwerbsverlauf sowie eine verbesserte Arbeitsmarktintegration für Risikogruppen. Gleichzeitig muss das Alterssicherungssystem zukunftsfester und weniger krisenanfällig gestaltet werden - sowohl mit Blick auf den Wandel der Arbeitswelt als auch auf die aktuelle Entwicklung an den Kapitalmärkten.

Zusatzinformationen

Die Studie "Entwicklung der Altersarmut bis 2036: Trends, Risikogruppen und Politikszenarien" basiert auf einer Mikrosimulation der Alterseinkommen 2015 bis 2036, die durch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) durchgeführt wurde. Grundlage für die Simulationsrechnungen sind repräsentative SOEP-Haushaltsdaten. Das SOEP ist eine repräsentative Wiederholungsbefragung, bei der etwa 30.000 Bürgerinnen und Bürger in fast 12.000 Haushalten befragt werden. Die Studie erfasst die Geburtsjahrgänge zwischen 1947 bis 1969. Berechnet wird der gesamte zukünftige Einkommensmix im Alter, bestehend aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Altersvorsorge.