A male medicine pointing at a total knee endoprosthesis of a patient`s knee. Doctor pointing at total knee prostesis of patient. Ein Arzt im Gespräch mit einem Patienten, dieser hält eine Knieprothese an sein Knie.
Bestellt am 14.06.2018 für ST-VV ID- 226 Knieprothesen – großer Anstieg und regionale Unterschiede
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Pressemeldung, , : Immer mehr unter 60-Jährige erhalten künstliche Kniegelenke

Immer mehr Menschen wird bei Kniearthrose ein künstliches Kniegelenk eingesetzt. Zunehmend erhalten auch unter 60-Jährige Knieprothesen. Zwischen 2013 und 2016 sind die Operationszahlen in dieser Altersgruppe um 23 Prozent gestiegen. Das Problem: Je jünger die Patienten, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Prothese später ausgewechselt werden muss. Wird vorschnell operiert?

Gütersloh, 19. Juni 2018. Seit 2013 werden in Deutschland wieder mehr künstliche Kniegelenke eingesetzt. Zwischen 2013 und 2016 ist die Zahl der Eingriffe von 143.000 auf 169.000 gestiegen. Dieser Anstieg um 18 Prozent folgt auf Jahre stabiler und zuletzt rückläufiger Knieprothesen-Eingriffe. Erklärbar ist dieser Trend weder durch medizinische, noch durch demographische oder geografische Einflussfaktoren. Bei den unter 60-Jährigen stiegen die Operationszahlen von 27.000 auf 33.000 sogar um 23 Prozent. "Dass immer mehr jüngere Patienten Knieprothesen bekommen, lässt fragen, ob die Operationen wirklich medizinisch notwendig indiziert sind. Dies ist besorgniserregend", sagt Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.  

Neuer Kooperationspartner mit wissenschaftsjournalistischer Expertise

Die steigenden Operationszahlen hat das Science Media Center (SMC) in Köln ermittelt. Zusammen mit dem neuen Kooperationspartner SMC setzt sich die Bertelsmann Stiftung auch nach dem Projektende des Faktencheck Gesundheit dafür ein, Zusammenhänge über medizinische Über- und Unterversorgung in Deutschland transparent zu machen. "Wir freuen uns, das Science Media Center als kompetenten Partner gefunden zu haben. Seine wissenschafts-journalistische Arbeit macht es möglich, weiterhin auf über- und unterversorgte Regionen in Deutschland hinzuweisen", sagt Mohn.

Jüngere müssen häufiger erneut operiert werden

Die deutliche Zunahme von Knieprothesen-Operationen bei Jüngeren ist aufgrund des hohen Risikos einer Wechseloperation besonders problematisch. Studien zeigen: Je jünger die Patienten bei der Erst-Operation sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Prothesen im Laufe des Lebens ausgetauscht werden müssen. Bei Patienten, die bereits zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr eine Knieprothese erhalten, liegt das Risiko zwischen 15 und 35 Prozent. Bei den über 70-Jährigen liegt es lediglich zwischen vier und acht Prozent. Wechseloperationen sind nicht nur belastend für die Patienten, sondern führen auch häufiger zu Komplikationen und zu schlechteren Ergebnissen als die Erst-Operation.

Im Bundeslandvergleich: Bayern und Thüringen mit den höchsten OP-Zahlen

In der aktuellen Analyse zeigen sich gravierende regionale Unterschiede beim erstmaligen Einsatz eines künstlichen Kniegelenks. In Bayern (260 Eingriffe je 100.000 Einwohner) und Thüringen (243) wurde 2016 am meisten operiert. Deutlich weniger Patienten wurden in Berlin (153) und in Mecklenburg-Vorpommern (164) mit einem künstlichen Kniegelenk versorgt. Bei den unter 60-jährigen Patienten ergeben sich ähnliche regionale Muster. 

Finanzielle Anreize beeinflussen die Entscheidung zur Knieoperation

Im Rahmen seiner Recherchen hat das Science Media Center neben den Datenanalysen zahlreiche Interviews mit Fachärzten für Orthopädie, Krankenkassen- und Klinikvertretern, Gesundheitsökonomen und Klinik-Controllern geführt. Dabei kristallisierten sich mehrere Erklärungsansätze für den Anstieg der Knieoperationen und die regionalen Unterschiede heraus: So spielen finanzielle Anreize eine große Rolle. Durch mehrfache Erhöhungen einer zentralen Fallpauschale ab 2013 sind Knieprothesen-Operationen für die Kliniken lukrativer geworden. Außerdem fragen offenbar mehr Patienten nach künstlichen Kniegelenken. Niedergelassenen Ärzten scheint darüber hinaus nicht genügend Budget für konservative Therapieansätze wie Physiotherapie zur Verfügung zu stehen.

Empfehlungen: bessere Diagnose und Aufklärung, höhere Mindestmengen

Knieprothesen können segensreich für viele Patienten sein, bereiten jedoch oft auch Probleme. Daher sollten Ärzte und Patienten Nutzen und Risiken eines künstlichen Kniegelenks gut abwägen. Wenn Patienten sorgfältig informiert werden, entscheiden sie sich seltener für eine Operation. Auch konservative Therapien können bei Kniearthrose die Beschwerden lindern. Ist eine Operation unumgänglich, sollten Patienten spezialisierte Kliniken mit hohen Fallzahlen auswählen.

Mit folgenden Maßnahmen könnten unnötige Operationen vermieden werden:

•    Ärzte müssen verständlich über Nutzen und Risiken beim Einsatz von künstlichen Kniegelenken aufklären, insbesondere bei jüngeren Patienten
•    Patienten sollten nach Behandlungsalternativen fragen und sie mit ihrem Arzt besprechen
•    Niedergelassene Ärzte sollten für konservative Behandlungen wie beispielsweise Physio- und Ergotherapie ein höheres Budget erhalten
•    Für Krankenhäuser sollten höhere Mindestmengen für Knieprothesen-Implantationen eingeführt werden, und die Einhaltung der Vorgaben sollte überprüft werden
•    Krankenhäuser sollten sich auf bestimmte Fachgebiete spezialisieren

Zusatzinformationen

Der "Faktencheck Gesundheit", der seit 2011 über medizinische Unter- und Überversorgung informiert, wurde als Projekt der Bertelsmann Stiftung beendet. Um die wichtige Aufklärungsarbeit in diesem Feld dennoch weiter zu unterstützen, kooperiert die Bertelsmann Stiftung mit dem wissenschaftsjournalistischen Science Media Center (SMC) in Köln. Dieses nutzt für seine vertiefenden Analysen zur Versorgung in Deutschland den "Operation Explorer". Mit diesem webbasierten Recherche-Tool können Daten des Statistischen Bundesamtes altersstandardisiert ausgewertet werden. Die Daten des "Operation Explorer" beruhen auf dem Wohnort des Patienten – nicht auf dem Standort der Klinik, die den Eingriff durchgeführt hat. Das SMC unterstützt Regionaljournalisten bei der Nutzung des "Operation Explorer"und bei Vor-Ort-Recherchen.

Weitere Ansprechpartnerin:

Meike Hemschemeier, Science Media Center (SMC)
Telefon: 02 21 88 88 25 13   
E-Mail: meike.hemschemeier@sciencemediacenter.de