Der Grote Markt in Mechelen (Belgien)
Archiv Bertelsmann Stiftung

Erwin Wauters und Lamine Sambou kennen sich seit vier Jahren. Kennengelernt haben sie sich 2013 in Mechelen bei „Samen Inburgeren“, was so viel heißt wie: „zusammen integrieren“ – oder man könnte auch sagen: „Vielfalt zusammen leben“. Seitdem hat sich eine herzliche Freundschaft zwischen ihnen entwickelt. 

Samen Inburgeren ist ein Projekt der Stadt Mechelen zur Förderung eines guten Miteinanders in kultureller Vielfalt. Es handelt sich dabei nicht um ein „klassisches Hilfs- oder Integrationsprojekt“, wie Koordinatorin Katrien Vleugels betont. Vielmehr stehen der Spaß an neuen Kontakten und gemeinsamer Freizeitgestaltung auf der Basis von gegenseitiger Sympathie und geteilten Interessen im Vordergrund, erklärt sie.  

Bei Erwin war es seine grundsätzliche Neugier auf andere Kulturen, die ihn dazu bewegte, bei Samen Inburgeren mitzumachen: diese Neugier habe er immer schon gehabt, erzählt er. Lamine, der aus Senegal stammt und 2012 nach Mechelen gekommen war, nachdem er zuvor bereits viele Jahre in Spanien gelebt hatte, wollte die Stadt besser kennenlernen und Kontakte knüpfen.

Lamine Sambou und Erwin Wauters haben sich 2013 in Mechelen bei Samen Inburgeren kennengelernt. Lamine Sambou (links) und Erwin Wauters haben sich 2013 in Mechelen bei Samen Inburgeren kennengelernt.

257 interkulturelle Freundschaften in 5 Jahren

Mit Samen Inburgeren verfolgt die Stadt Mechelen das Ziel, die Entstehung neuer Freundschaften über kulturelle Grenzen hinweg zu erleichtern und zu fördern. Das Projekt ist ein voller Erfolg: In diesem Jahr feiert Samen Inburgeren bereits sein fünfjähriges Jubiläum. 257 interkulturelle Freundschaften sind vermittelt durch das Projekt bislang entstanden. Deren Geschichten werden, zum Beispiel in Filmen, in einer mobilen Ausstellung erzählt, die derzeit durch die Stadt wandert: vom Kulturzentrum über die Stadtbibliothek und die Integrationsagentur bis ins Rathaus. Und natürlich geht das erfolgreiche Projekt weiter: Die zweite Runde für das Jahr 2017 ist gerade kürzlich im Oktober gestartet.

Der Einstieg in den interkulturellen Austausch fällt leicht, denn Samen Inburgeren bietet Interessierten über einen Zeitraum von sechs Monaten einen organisatorischen Rahmen zur Orientierung. Zweimal im Jahr können sich die Einwohner Mechelens für das Projekt anmelden. Am Anfang steht dann zunächst ein persönliches Einzelgespräch, in dem die Interessenten genauere Informationen über das Projekt erhalten und diese mit ihren Erwartungen abgleichen können. Weiter werden Interessen, Hobbies, familiäre Situation und zeitliche Verfügbarkeit erfragt, um den späteren Matching-Prozess, also die Zusammenführung passender Duos, vorzubereiten. Im zweiten Schritt nehmen die Teilnehmer dann an einem nach dem Modell des „Speed Dating“ organisierten Kennenlernen teil. Bei Erwin und Lamine hat dies gut funktioniert: es sprang sofort der Funke über, berichten die beiden einstimmig. 

Gemeinsame Unternehmungen festigen die Beziehung

Wenn sich dann solche Konstellationen ergeben haben, bei denen es von beiden Seiten aus passt, kann es losgehen mit der gemeinsamen Stadterkundung und Freizeitgestaltung. Hierfür stellt das Projekt ein Startpaket zur Verfügung, das Anregungen und auch Gutscheine, wie z.B. Eintrittskarten für ein Museum, enthält. Die Teilnehmer sind aber völlig frei in der Wahl ihrer Unternehmungen: Manche treffen sich zum gemeinsamen Kochen, andere gehen zusammen mit ihren Kindern auf den Spielplatz im Park. Das Projekt sieht lediglich vor, dass in etwa zweimal im Monat Treffen stattfinden sollten. Weiter sollen die Teilnehmer sich möglichst auf Niederländisch verständigen, was den Neuankömmlingen die Gelegenheit bietet, ihre Sprachkenntnisse zu erweitern.

Während der sechsmonatigen Laufzeit des Programms steht den Teilnehmern bei Fragen und eventuellen Problemen ein Ansprechpartner zur Verfügung, erklärt Projektkoordinatorin Katrien Vleugels. Darüber hinaus werden innerhalb dieser Zeit zweimal Gruppenaktivitäten organisiert, bei denen alle Teilnehmer der aktuellen Projektphase eingeladen sind, zusammenzukommen und sich über ihre Erfahrungen auszutauschen. Des Weiteren bietet eine Facebook-Gruppe die Möglichkeit, sich zu vernetzen und miteinander in Kontakt zu bleiben. Am Ende der sechs Monate gibt es eine Abschlussveranstaltung, bei der alle eine Urkunde über ihre erfolgreiche Teilnahme an Samen Inburgeren erhalten.

Danach liegt es dann an den Teilnehmern selbst, ihre neu geschlossenen Freundschaften weiter zu pflegen und aufrechtzuerhalten. Im Idealfall sind in den sechs Monaten echte Verbindungen gewachsen, die sich auch ohne den organisatorischen Rahmen des Projekts weiterentwickeln. Erwin und Lamine sind hierfür das beste Beispiel. Ihre Freundschaft hat inzwischen einige Jahre überdauert, und ihre gemeinsamen Erkundungen beschränken sich längst nicht mehr auf Mechelen: Vor knapp einem Jahr, im Dezember 2016, reiste Erwin mit Lamine in dessen ursprüngliche Heimat Senegal und hatte so die Gelegenheit, den kulturellen Hintergrund seines Freundes noch besser kennenzulernen.

Recherchen zum Reinhard Mohn Preis 2018: Wie geht es weiter?

„Vielfalt leben – Gesellschaft gestalten“ ist das Motto unseres Reinhard Mohn Preises 2018. Dazu recherchiert das Projektteam weltweit nach guten Praxisbeispielen. 

Die vielfältigen Infos und Erfahrungen, die das Team bei seinen internationalen Recherchen sammelt, fließen in unterschiedlicher Form in die weitere Projektarbeit ein. In Kürze berichten wir hier von weiteren Beispielen für gutes Zusammenleben in Vielfalt – das nächste Mal aus dem Vereinigten Königreich.

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