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Studie: Wer gewinnt? Wer verliert?

Die Entwicklung auf dem deutschen Arbeitsmarkt seit den frühen Jahren der Bundesrepublik bis heute


Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft

Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft

Seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland haben verschiedene Megatrends die Entwicklungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt maßgeblich beeinflusst. Insbesondere die voranschreitende Globalisierung hat zur weiteren Öffnung der deutschen Volkwirtschaft entscheidend beigetragen und den sektoralen Strukturwandel, das heißt den Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft beschleunigt. Gleichzeitig hat das durchschnittliche Wirtschaftswachstum seit den 1950er-Jahren bedeutend nachgelassen.

Flexibilisierung auf dem Arbeitsmarkt

Flexibilisierung auf dem Arbeitsmarkt

Als Reaktion auf die gesunkenen Wachstumsraten, verursacht u. a. durch die Ölkrisen in den 1970er-Jahren, wurden auf dem Arbeitsmarkt bereits Jahrzehnte vor der Einführung der Hartz-Reformen Flexibilisierungsmaßnahmen durchgesetzt, um einem Anstieg der Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken. 

Bildungsexpansion in Deutschland

Bildungsexpansion in Deutschland

Mit der Bildungsexpansion der 1970er-Jahre stieg der Anteil der Personen mit Hochschulabschluss in Deutschland stark an. Gleichzeitig ging der Anteil der Personen ohne Schul- oder Berufsabschluss zurück. Historisch hatten Frauen in Westdeutschland ein deutlich niedrigeres Bildungsniveau als Männer. Inzwischen haben die Frauen aufgeholt, sodass die Bildung beider Gruppen heute ein ähnliches Niveau aufweist. In Ostdeutschland lagen hingegen bereits vor der Wiedervereinigung die Bildungsniveaus der beiden Geschlechter nah beieinander. Seither ist das durchschnittliche Bildungsniveau der ostdeutschen Frauen weiter angestiegen, während es bei den ostdeutschen Männern stagnierte. 

Die Bedeutung von Bildung am Arbeitsmarkt nimmt zu

Die Bedeutung von Bildung am Arbeitsmarkt nimmt zu

Der historische Verlauf zeigt darüber hinaus, dass ein höheres Qualifikationsniveau über alle Gruppen und in Ost und West hinweg eine wichtige Schutzfunktion erfüllt. Mit den höchsten Arbeitslosenraten und Einkommensverlusten über die Zeit gehören Geringqualifizierte zu den größten Verlierern der vergangenen Jahrzehnte. Seit den 1970er-Jahren sind sie zunehmend stärker von Arbeitslosigkeit betroffen als Mittel- und Hochqualifizierte.  

Westdeutsche Frauen arbeiten mehr als früher, häufig in Teilzeit

Westdeutsche Frauen arbeiten mehr als früher, häufig in Teilzeit

Das Arbeitszeitvolumen der west- als auch der ostdeutschen Männer hat sich im Laufe der Zeit trotz gestiegener Beschäftigtenanzahl kaum verändert, damit ist die Wochenarbeitsstunde pro Mann gesunken. Hingegen hat die Arbeitsmarktbeteiligung der westdeutschen Frauen stark zugenommen. In der Folge haben sich die Beschäftigtenzahlen von Frauen in Westdeutschland zwischen 1973 und 2013 von rund 6 auf 12 Millionen verdoppelt. Allerdings ist die Summe wöchentlich geleisteter Arbeitsstunden von Frauen im gleichen Zeitraum um nur 50 Prozent gestiegen. Dies zeigt, dass erwerbstätige Frauen früher eher in Vollzeit beschäftigt waren, während sie heute immer häufiger in Teilzeit arbeiten. Im Osten kam es seit der Wiedervereinigung gar zu Beschäftigungsverlusten. Zudem ist festzustellen, dass das Arbeitsvolumen im Zuge des technologischen Wandels in Jobs mit komplexeren Tätigkeiten zugenommen, in solchen mit einfachen Tätigkeiten hingegen abgenommen hat. Insgesamt lässt sich der Anstieg des Arbeitsvolumens auf die gestiegene Frauenerwerbstätigkeit zurückführen. 

Unterschiede zwischen den Geschlechtern bestehen auch mit Blick auf Qualifikation und ausgeübter Tätigkeit

Unterschiede zwischen den Geschlechtern bestehen auch mit Blick auf Qualifikation und ausgeübter Tätigkeit

Trotz einer starken Zunahme von Frauen in hohen Tätigkeiten (wie z. B. Ingenieurs- oder Managementberufe) arbeiten über die Hälfte der Frauen in Ost und West mit Hochschulabschluss in Jobs, für die sie formal überqualifiziert sind (2013 West, Ost: Knapp 60 Prozent). Dies trifft nur auf etwa jeden dritten Mann zu (2013 West: 42 Prozent, Ost: 47 Prozent). Der Bildungserfolg von Frauen spiegelt sich nicht in den von ihnen ausgeübten Tätigkeiten am Arbeitsmarkt wider. Auch dies trägt dazu bei, dass Frauen aufholen, aber nicht einholen. 

Personen mit geringem Bildungsniveau (Realschule oder weniger) sind in West- wie in Ostdeutschland stärker von Arbeitslosigkeit betroffen als alle anderen Gruppen. Im Einzelnen betrachtet ist die Arbeitslosigkeit Geringqualifizierter in Ostdeutschland bedeutend höher als in Westdeutschland. Von der Arbeitsmarktentwicklung besonders profitiert haben hochqualifizierte westdeutsche Frauen; diese üben heute deutlich häufiger als früher Tätigkeiten aus, die ihrem formalen Bildungsniveau entsprechen. Allerdings entspricht die Verteilung der Tätigkeiten insgesamt bei Frauen immer noch nicht derjenigen bei Männern: Frauen mit Hochschulabschluss arbeiten sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland besonders häufig in Berufen, für die sie formal überqualifiziert sind. 

Männer haben höhere verfügbare Einkommen über alle Bildungsstufen hinweg

Männer haben höhere verfügbare Einkommen über alle Bildungsstufen hinweg

Der Blick auf die verfügbaren Einkommen zeigt eine deutliche Lücke. Frauen hinken der Einkommensentwicklung von Männern rund 40 Jahre hinterher. 2013 haben sie immer noch nicht das Einkommensniveau erreicht, das Männer in den 1970er-Jahren hatten: Während hochqualifizierte Frauen 1976 in der Bundesrepublik ein Einkommen von rund 1.650 Euro (in Preisen von 2015) zur Verfügung hatten, waren es bei den Männern rund 3.700 Euro. Hochqualifizierte Frauen haben 1976 im Durchschnitt mit rund 1.650 Euro dasselbe verfügbare Einkommen gehabt, wie geringqualifizierte Männer. Auch heute, fast 40 Jahre später, steht männlichen Akademikern in Westdeutschland mit rund 3.800 Euro weiterhin ein fast doppelt so hohes Einkommen zur Verfügung wie Frauen in der gleichen Qualifikationsstufe (2.050 Euro).

Männer haben höhere verfügbare Einkommen über alle Bildungsstufen hinweg

Geringqualifizierte Männer haben bundesweit Einkommensverluste erlitten

Im Kreis der Männer sind die realen Einkommen in Westdeutschland nur in der Gruppe der Hochschulabsolventen und in Ostdeutschland in der Gruppe derjenigen mit Hochschul- oder berufsbildendem Abschluss gestiegen. Geringqualifizierte Männer hingegen haben in ganz Deutschland Einkommensverluste erlitten. Insgesamt haben bundesweit Personen mit tertiären Bildungsabschlüssen von den Arbeitsmarktentwicklungen profitiert, während geringqualifizierte Männer verloren haben.  So hatte ein geringqualifizierter westdeutscher Mann  2013 ein Einkommen von 1.460 Euro zur Verfügung – 1976 waren es rund 1.600 Euro (in Preisen von 2015).

Frauen ohne Kinder arbeiten mehr und haben höhere verfügbare Einkommen als Frauen mit Kindern

Frauen ohne Kinder arbeiten mehr und haben höhere verfügbare Einkommen als Frauen mit Kindern

Sowohl die Erwerbstätigkeit als auch die verfügbaren Einkommen alleinstehender Frauen ohne Kinder sind durchschnittlich höher als jene alleinstehender Frauen mit Kindern. Dies drückt sich auch deutlich in der Einkommensverteilung aus: Alleinerziehende Frauen finden sich hier nur selten in der oberen Hälfte wieder. In der unteren Einkommenshälfte ist die Arbeitsmarktpartizipation westdeutscher alleinerziehender Frauen im Lauf der Zeit am stärksten gestiegen. Dagegen ist die Erwerbstätigkeit ostdeutscher alleinstehender Frauen in der unteren Einkommenshälfte stark zurückgegangen. Im Zuge dieser Entwicklung sind die Einkommen alleinstehender Frauen bundesweit in der oberen Einkommenshälfte stark gestiegen, wohingegen die Einkommen alleinstehender Frauen in der unteren Einkommenshälfte nur leicht zugenommen haben. 

Der Beitrag von Frauen zum Haushaltseinkommen ist wichtiger geworden

Der Beitrag von Frauen zum Haushaltseinkommen ist wichtiger geworden

Zwar sind Männer in Paarhaushalten immer noch häufiger die Haupteinkommensbezieher, jedoch tragen Frauen zunehmend einen großen Teil zum Haushaltseinkommen bei. Durch die gestiegene Erwerbstätigkeit der Frauen war es möglich, die Haushaltseinkommen gerade im Bereich der unteren Einkommen zu stabilisieren. Konkret hat sich die Erwerbstätigkeit westdeutscher Frauen in Paarhaushalten mit Kindern in der unteren Einkommenshälfte in dem Zeitraum von 1973 bis 2013 fast verdreifacht, ihr durchschnittlich verfügbares Haushaltseinkommen ist lediglich um die Hälfte gestiegen.  

Studie

Publikation: Wer gewinnt? Wer verliert?

Wer gewinnt? Wer verliert? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt einer von der Bertelsmann Stiftung geförderten Langzeitstudie. Dafür hat ein ...

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