Die Rolle der Religion in der modernen Gesellschaft

Die Rolle der Religion in der modernen Gesellschaft

Das Thema Religion hat in den vergangenen Jahren eine ungeahnte Renaissance und mediale Aufmerksamkeit erlebt. Dem Wissen über die persönliche Religiosität der Menschen und die gesellschaftlichen Ausprägungen von Religion kommt angesichts der zunehmenden religiösen Pluralität innerhalb unserer Gesellschaft und angesichts des steigenden Austausches mit kulturell und religiös anders geprägten Gesellschaften im Zuge der Globalisierung eine besondere Bedeutung zu.

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Am 19. Januar 2006 startete die Bertelsmann Stiftung in Berlin ihr Projekt "Die Rolle der Religion in der modernen Gesellschaft". Zu einer Impuls-Konferenz hatte die Stiftung Politiker, Theologen und Soziologen eingeladen, um sich mit ihnen über Inhalte, Formen und Motive sowie strategische Arbeitsperspektiven auszutauschen.

Die Bilder von der Beisetzung Johannes Paul II. und der Amtseinführung Benedikt XVI. haben weithin einen großen Eindruck hinterlassen. Die Bestürzung und die Begeisterung der Menschenmassen haben bei vielen zu der Beobachtung geführt, die lange totgesagte Religion kehre triumphal zurück als gestaltende Kraft moderner Gesellschaften.

Hatte man bis dahin die Religion insbesondere seit dem 11. September 2001 und den verheerenden Anschlägen in den Vereinigten Staaten als politisch-destruktive Kraft fundamentalistischer Eiferer in vormodernen Gesellschaften vor allem des Nahen und Mittleren Ostens erlebt, vermeinte man, ihre friedensstiftenden Bestandteile nun im Westen am Werk zu sehen.

Von einer Wiederkehr des Religiösen oder der Religion wurde allenthalben gesprochen. Dagegen hat der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirchen in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, geltend gemacht, dass von einer Wiederkehr zu reden bedeute, eine Abwesenheit des Religiösen zu konstatieren. Dies sei seinem Empfinden nach unzutreffend, äußerte er anlässlich der Konferenz der Bertelsmann Stiftung über "Die Rolle der Religion in der modernen Gesellschaft". Weder lasse sich die Weltgesellschaft im Sinne Habermas als post-säkular beschreiben, noch gelte dies für Deutschland. Er empfahl stattdessen, von einer Belebung des Religiösen zu reden. Auch zog er aus den römischen großrituellen Ereignissen selbstkritisch den Schluss, dass es dieser Rituale offenbar bedürfe, um durch Wiedererkennbarkeit den Glauben als Heimat zu vermitteln. Den Kirchen empfahl Huber, sich selbst als missionarische Kirchen wiederzuentdecken.

In der von Prof. Werner Weidenfeld und Liz Mohn moderierten Konferenz erläuterte der Wiener Theologe Paul Zulehner, dass insbesondere säkulare Gesellschaften eine starke Neigung zur Spiritualität zeigten, sei es als Flucht vor den Zumutungen der Moderne oder als genuiner Ausdruck religiöser Sehnsucht. Er konstatierte aber auch, dass dies die Schrumpfung der Kirchen nicht verhindere. Paradox sei es, dass viele Menschen nicht Mitglied in einer Kirche sein wollten, gleichwohl von ihr aber die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung verlangten.

Der Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, Hans Langendörfer, ermunterte die Kirchen, den mit dem Christentum einhergehenden Begriff von Freiheit in den Vordergrund zu stellen, um so einer Vereinseitigung im Sinne einer "Maximierung von Optionen" Einhalt zu gebieten. Insgesamt, so Langendörfer, könne es ohne diese umfassendere Freiheit der Persönlichkeit auch keine Achtung vor dem Anderen geben.

Die mediale Wirksamkeit der jüngsten großen römischen Rituale, aber auch die Erfolge amerikanischer Freikirchen mit großen kirchlichen Inszenierungen, müsse die Kirchen zum Nachdenken über den Einsatz moderner Kommunikationstechniken bringen, sagte Werner Weidenfeld.

Dass es ohne eine engagierte Führung in den Kirchen nicht gelingen könne, die Menschen an sich zu binden, führte Liz Mohn in Anknüpfung an die Erfahrungen mit einer partnerschaftlichen Unternehmenskultur aus. Die Führungstechniken in den Kirchen müssten fortgeschrieben werden, die Mitarbeiter brauchten viel mehr Freiraum, wenn die Kirchen wieder eine größere Anziehungskraft entwickeln sollen. Sie empfahl aber auch, die Unternehmen als sinnstiftende Institutionen stärker in den Blick zu nehmen bei der Fragestellung der geistigen Orientierung für die gesamte Gesellschaft.

Bei aller Einigkeit über eine belebte Religiosität blieb doch eine leise Skepsis, wie tragfähig diese in Richtung ihrer Verstetigung zur Moralität sei. Dies scheint nun aber dringend geboten, wenn moderne westliche Gesellschaften, insbesondere diejenigen Europas, ihren Zusammenhalt sicherstellen und sich in einer Welt behaupten wollen, die von immer stärkeren moralischen Ansprüchen anderer Kulturen durchsetzt ist.

Das Thema Religion hat in den vergangenen Jahren eine ungeahnte Renaissance und mediale Aufmerksamkeit erlebt. Dem Wissen über die persönliche Religiosität der Menschen und die gesellschaftlichen Ausprägungen von Religion kommt angesichts der zunehmenden religiösen Pluralität innerhalb unserer Gesellschaft und angesichts des steigenden Austausches mit kulturell und religiös anders geprägten Gesellschaften im Zuge der Globalisierung eine besondere Bedeutung zu. Die Bertelsmann Stiftung setzt sich auf Anregung ihres Stifters Reinhard Mohn seit Jahren mit Themen der geistigen Orientierung auseinander, zuletzt verstärkt mit der vielfältigen Bedeutung des Religiösen für eine zukunftsfähige Gesellschaft.

Schwerpunkte

Religionsmonitor

Wegen der besonderen Bedeutung und Aktualität von Religion in der modernen Gesellschaft bedarf es verlässlichen Datenmaterials, auf das sich die Diskussionen stützen können. Die Bertelsmann Stiftung hat deshalb gemeinsam mit Religionswissenschaftlern, Soziologen, Theologen und Psychologen ein Instrument entwickelt, das die verschiedenen Dimensionen von Religiosität umfassend untersucht: den RELIGIONSMONITOR. Wesentliche Elemente des RELIGIONSMONITORs bilden eine repräsentative Erhebung in 21 Ländern sowie eine Online-Umfrage zu Religiosität und Glaube, an der sich jeder Internetnutzer beteiligen kann.

Zukunftsperspektive Christentum

Die Zukunftsperspektive des Christentums in Deutschland bildet einen weiteren Schwerpunkt des Projektes. Zwar bekennen sich heute noch weit über 50 Millionen Menschen in Deutschland zu dieser Religion. Aber welche Auswirkungen werden demographischer Wandel und gesellschaftliche Heterogenität zukünftig auf die Strukturen des Christentums und der Gesellschaft haben? Durch Gesprächsforen, Arbeitsgruppen und Dialogveranstaltungen möchte die Bertelsmann Stiftung die Kirchen dabei unterstützen, ihre gesamtgesellschaftlichen Aufgaben noch intensiver wahrzunehmen.

Interreligiöse Kompetenz

Interreligiöse Kompetenz wird angesichts zunehmender Internationalisierung und Pluralität in unserer Gesellschaft zu einer wichtigen Schlüsselqualifikation. Das Projekt entwickelt Konzepte für erfolgreichen interreligiösen Dialog und beschäftigt sich besonders mit der Frage der Vermittlung interreligiöser Kompetenz. Die interreligiöse Kompetenz von Multiplikatoren und Entscheidungsträgern in Politik und Gesellschaft soll durch Expertengruppen, Begegnungen und Gespräche gefördert werden.

Schnittstellenthemen

Neben diesen drei Projektsträngen beschäftigt sich die Bertelsmann Stiftung mit einer Reihe von Schnittstellenthemen, die eine Verbindung von Religion und anderen gesellschaftlichen Themenbereichen aufweisen. Eine solche Schnittstelle ist beispielsweise die von "Religion und Bildung". Gibt es eine nachhaltige Bildung ohne religiöse Bezüge? Welche Rolle spielt die Religion bei der Werteerziehung? Ist religiöse Bildung Privatsache?

 

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