Frau mit einem Zeugnis in der Hand
Arne Weychardt

Das Wichtigste lernt man im Job – aber wie gelingt der Nachweis?

Berufserfahrung schlägt Schulbank: Für Deutschlands Arbeitgeber und Arbeitnehmer rangiert informelles Lernen deutlich vor formaler und non-formaler Bildung. Im Job gesammelte Praxiserfahrungen sind wertvoller als Schul-, Ausbildungs- und Uniabschlüsse oder Weiterbildungen. Das zeigt unsere neue Studie. Informelles Lernen ist aber häufig unsichtbar, denn es wird nicht entsprechend zertifiziert. Arbeitszeugnisse dokumentieren Kompetenzen, die Menschen im Beruf erwerben, nicht standardisiert. Nötig sind daher neue, offiziell anerkannte Zeugnisse.

Für 78 Prozent der Personalverantwortlichen in Firmen ist das, was Menschen täglich im Job lernen, "sehr wichtig" oder "wichtig" für Erfolg im Berufsleben. Weit weniger relevant sind für sie Weiterbildungen sowie die Schul- und Hochschulbildung (63 beziehungsweise 57 Prozent). Und das Thema informelles Lernen gewinnt weiter an Bedeutung: 56 Prozent der Arbeitgeber und 70 Prozent der Arbeitnehmer sagen, Learning by doing im Job sei während der vergangenen zehn Jahre wichtiger geworden, um im Berufsalltag zu bestehen.

“Die neue Entwicklung fordert all diejenigen heraus, die sich jahrzehntelang auf ihren einmal erreichten Abschlüssen ausgeruht haben. Und sie gibt Hoffnung nicht nur für formal weniger Qualifizierte, sondern für alle Beschäftigten, die bereit sind, etwas dazuzulernen.”

Entnommen aus dem Interview mit Frank Frick, Bertelsmann Stiftung, geführt mit der Welt am Sonntag, 04.12.16.

Geringqualifizierte und Flüchtlinge könnten von neuen Zeugnissen profitieren

Die hohe Bedeutung des informellen Lernens sei ein Dilemma, betont Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung. Denn die für Arbeitnehmer wie Arbeitgeber wichtigste Lernform sei am schwierigsten nachzuweisen. Zwischen einem vollwertigen Berufsabschluss und einer ungelernten Tätigkeit gebe es vielfältige Kompetenzen, die es aufzudecken und anzuerkennen gelte, so Dräger. Das unterstütze nicht nur Bewerber und Arbeitgeber bei der Stellen- und Personalauswahl. Dadurch könnten auch die 5,7 Millionen formal Geringqualifizierten in Deutschland sowie Einwanderer und Flüchtlinge ihre beruflichen Fachkenntnisse besser dokumentieren als bislang. Den zuweilen händerringend nach Fachkräften suchenden Arbeitgebern erschlösse sich so eine neue Gruppe an möglichen Mitarbeitern.

Wie macht man informell erworbene Fähigkeiten sichtbar?

Um die informell erworbenen Fähigkeiten dennoch sichtbar zu machen, haben Bewerber und Personalentscheider Strategien entwickelt. Arbeitgeber interpretieren Zeugnisse. So bewerten mehr als 60 Prozent der befragten Personalverantwortlichen Examenszeugnisse und Weiterbildungszertifikate als nützlich, um informell Gelerntes offen zu legen. Diese Informationen transportieren klassische Zeugnisse aber gar nicht.

Grafik_Welche Bewerbungsunterlaen eignen sich zum Nachweis Mit welchen Dokumenten lässt sich Berufserfahrung bisher am besten nachweisen? Das sagen Deutschlands Arbeitnehmer.

Auswahlgespräche und Probezeit weiter unverzichtbar

Was ein Mitarbeiter wirklich kann, zeigt sich oft erst in der Probezeit. Für 94 Prozent der Arbeitgeber ist sie "sehr wichtig" oder "wichtig" für die Personalauswahl. Endet die Probezeit mit einer Trennung, war die Einstellung für beide Seiten eine Fehlinvestition. Geeignete Nachweise informeller Kompetenzen  könnten das in Zukunft eventuell vermeiden. Auch Auswahlgespräche halten Personalverantwortliche weiter für unverzichtbar: Für 92 Prozent sind sie "sehr wichtig" bis "wichtig". Weiterbildungszertifikate sind ebenfalls ein Faktor (63 Prozent ), noch vor Hochschul- und Ausbildungszeugnissen. Kaum eine Rolle spielen Profile in den sozialen Medien.

Arbeitszeugnisse vorübergehend ein Mittel, um informell erworbene Kompetenzen sichtbar zu machen

Unsere Studie zeigt: Bewerber unterschätzen, welche Aussagekraft Personalverantwortliche schriftlichen Bewerbungsunterlagen beimessen. Bis es neue Zeugnisse gibt, die informell Gelerntes nachweisen, sollten Bewerber nicht allein auf das Vorstellungsgespräch setzen. Was man im Beruf gelernt hat, macht bereits ein gutes Anschreiben deutlich, erst recht aber ein ausführliches Arbeitszeugnis. Und fachlich passende Weiterbildungen lassen Arbeitgeber zumindest positive Rückschlüsse auf den Lernwillen des Bewerbers ziehen.