Zwei Personen schauen sich ein Röntgenbild eines Brustkorbs an
PhotoAlto/Vincent Hazat

Wo sehen Sie die Herausforderungen für das deutsche Gesundheitswesen?

Unser Gesundheitssystem gilt vielen als eines der besten der Welt. Und sicher dürfen wir als Gesellschaft auch ein bisschen stolz darauf sein – nicht zuletzt deshalb, weil es breiten Bevölkerungsteilen Zugang zu umfangreichen Leistungen bietet. Doch mich erinnert die Feststellung der Leistungsstärke unseres Gesundheitswesens regelmäßig an die Geschichte vom Frosch im Wasserglas: Wird das Wasser schnell erhitzt, reagiert der Frosch und springt heraus. Steigt die Temperatur nur langsam, aber kontinuierlich, ermattet der Frosch. Zum Schluss hat er nicht mehr die Kraft, sich zu befreien. Obacht also vor schleichenden Veränderungen.

In allen Industrieländern steigt der Reformdruck: Die Menschen werden immer älter, die Zahl der chronisch-degenerativen Erkrankungen wächst. Immer mehr Menschen benötigen medizinische Versorgung und Pflege über viele Jahre ihres Lebens. Zugleich steigen die Kosten aufgrund des medizinisch-technischen Fortschrittes. Nun stellt sich die Frage, wie wir die daraus resultierenden Finanzierungslasten bewältigen können. Ob im Rahmen der Kranken- und Pflegeversicherung, durch ergänzende private Vorsorge oder – falls beides nicht ausreicht – staatlicherseits über die Sozialhilfe. Politik und Gesellschaft sind gefordert. Beide müssen reagieren. Je früher, desto leichter fällt der befreiende Sprung.

Ein für hochentwickelte Länder typisches Problem ist zudem das Nebeneinander von Über-, Unter- und Fehlversorgung. Das bedeutet, dass sich die Versorgung trotz eines insgesamt hohen Niveaus nicht immer am Patientennutzen orientiert. Bestimmte Behandlungen werden viel zu häufig durchgeführt, andere zu selten oder fehlerhaft. Damit müssen wir uns auch in Deutschland auseinandersetzen. Ein Beispiel: In unserem Projekt „Faktencheck Gesundheit“ konnten wir zeigen, dass die Zahl der Mandeloperationen in manchen Kreisen Deutschlands bis zu acht Mal höher ist als andernorts – Unterschiede, die sich medizinisch nicht erklären lassen.

Hinzu kommt, dass die Behandlungsergebnisse zum Teil nur durchschnittlich sind. Und das, obwohl die Deutschen bei der Zahl der Arztbesuche oder Krankenhausbehandlungen weit vorn liegen. Für den Einzelnen von hoher Bedeutung sind die durchaus existierenden Unterschiede in der Qualität zwischen einzelnen Krankenhäusern, Ärzten oder Pflegeeinrichtungen. Denn hier besteht weitgehend freie Wahl.

Unser Gesundheitssystem gilt vielen als eines der besten der Welt. Doch Vorsicht vor schleichenden Veränderungen.

Welche Entwicklungen sind für Ihre Arbeit besonders relevant?

Neben der mangelnden Bedarfs- und Qualitätsorientierung der Versorgung beobachten wir in den vergangenen Jahren einen fundamentalen Wandel der Rollen im Gesundheitssystem. Patienten übernehmen mehr und mehr einen aktiven Part in der Behandlung und wollen stärker an Entscheidungen beteiligt werden. Zugleich wachsen die Anforderungen an die Ärzte. Von Ihnen wird erwartet, dass sie immer auf dem aktuellen Stand der Medizin sind und sich stärker als bisher mit anderen Ärzten und Gesundheitsberufen austauschen. Zudem sollen sie in der Lage sein, empathisch auf die Belange der Patienten einzugehen.

Diesen Entwicklungen trägt das Gesundheitssystem nicht ausreichend Rechnung: Die Gesundheitskompetenzen vieler Bürger reichen noch nicht aus, um Verantwortung als „Co-Produzent“ ihrer Gesundheit zu übernehmen. Ärzte werden in ihrer Ausbildung nur ungenügend auf die neuen Anforderungen vorbereitet, etwa im Bereich der Patientenkommunikation. 

Patienten übernehmen mehr und mehr einen aktiven Part im Gesundheitssystem. Zugleich wachsen die Anforderungen an Ärzte.

Mit welchen Zielen arbeitet die Bertelsmann Stiftung im Gesundheitsbereich?

In einem Satz formuliert: Wir sind für ein Gesundheitssystem, das sich an den Bürgern orientiert. Denn – so banal das klingt – es sind die Patienten, Pflegebedürftigen und Angehörigen, für die das System da ist. Und schließlich finanzieren sie es auch. Das wird zuweilen vergessen. Wir wollen dazu beitragen, dass die Qualität der Versorgung dort steigt, wo sie noch nicht zufriedenstellend ist. Und wir wollen, dass sich das Behandlungsgeschehen stärker am tatsächlichen Bedarf der Menschen orientiert. Angesichts der bereits angesprochenen Tendenz zur Überversorgung setzen wir dabei ganz bewusst die Botschaft „Weniger ist manchmal mehr“.

Manche Gesundheitsfunktionäre führen ins Feld, die Grenzen des Machbaren seien erreicht. Bei begrenzten Ressourcen könne man sich eben nicht alles leisten. Darauf lautet unsere Antwort: „Rationalisierung vor Rationierung“. Leistungen sollen also nicht aus reinen Kostengründen gekürzt, sondern rationaler erbracht und nachgefragt werden.

Wir setzen uns für eine stabile Finanzierung und ein solidarisch getragenes System ein. Wir möchten, dass alle Bürger Zugang zu einer angemessenen und guten Versorgung haben. Mit Projekten wie der Weissen Liste oder dem Befunddolmetscher wollen wir sie befähigen, gute Entscheidungen in Gesundheitsfragen zu treffen. In der Gesundheitsversorgung gilt es, die organisatorische Vernetzung und Koordination zwischen verschiedenen Gesundheitsanbietern weiter zu verbessern.

 Für uns ist das Gesundheitssystem mehr als ein „Reparatursystem“. Deswegen sollte die Gesundheit der Bürger in allen Politikbereichen ein wichtiges Ziel sein. Gesundheitsfördernde Maßnahmen sollten direkt in die Lebenswelten der Menschen eingebunden werden – in sogenannte Settings wie Kita, Schule, Arbeitsplatz oder Wohnumfeld.

Wir wollen, dass sich das Behandlungsgeschehen stärker am Bedarf der Menschen orientiert. Dabei kann weniger manchmal mehr sein. Jedoch geht es um Rationalisierung, nicht um Rationierung.

Welche besonderen Ziele verfolgen Sie im Bereich Pflege?

Die Pflege steht vor besonderen Herausforderungen: Immer mehr Menschen benötigen Pflege, die dafür benötigten Pflegekräfte stehen nicht zur Verfügung. Unser „Pflegereport 2030“ hat gezeigt, dass 500.000 Pflegekräfte bis zum Jahr 2030 fehlen werden, wenn sich die aktuellen Tendenzen fortsetzen. Wir stehen für eine konsequente Umsetzung des Grundsatzes „ambulant vor stationär“ – weil sich dadurch die Versorgungslücke verkleinern lässt. Aber auch, weil es den Bedürfnissen der Menschen in unserem Land entspricht. Darüber hinaus muss die Steuerungsverantwortung der Kommunen gestärkt werden – denn Pflege findet am Ort statt.

Bei der Pflege stehen wir für eine konsequente Umsetzung des Grundsatzes "ambulant vor stationär".

Wie würden Sie Ihre Rolle als Stiftung im Gesundheitswesen beschreiben?

Im Gesundheitswesen ringen zahlreiche Akteure – Ärzte, Krankenhäuser, Krankenkassen, Patientenorganisationen und Industrie – fortwährend darum, was richtigerweise zu tun ist. Als Stiftung können wir frei von eigenen Interessen auf Probleme und mögliche Fehlentwicklungen hinweisen. Wir erschließen Wissen und stellen es Entscheidungsträgern zur Verfügung. Zudem können wir in Lücken stoßen, die – aus welchen Gründen auch immer – nur unzureichend ausgefüllt werden. Ein Beispiel ist der Faktencheck Gesundheit, mit dem wir auf regionale Ungleichgewichte in der Versorgung aufmerksam machen.

Wie finden Sie Ihre Themen?

Wir analysieren unser Gesundheitssystem kontinuierlich – auf Basis aktueller gesundheitswissenschaftlicher Erkenntnisse sowie nationaler und internationaler Reformerfahrungen. Entscheidend ist, welche gesellschaftliche Bedeutung ein Thema hat und ob die Stiftung mit einem Projekt etwas bewirken kann. Oder, anders formuliert: ob wir einen Unterschied machen können. Als operative Stiftung konzipieren wir unsere Projekte selbst. Jedoch arbeiten wir in fast allen Projekten mit einem breiten Netzwerk an Experten zusammen. Wir versuchen, Organisationen und Personen mit den gleichen Zielen an einen Tisch zu bringen.

Wir analysieren, ob wir bei einem Thema mit einem Projekt einen Unterschied machen können. Und wir versuchen, Organisationen mit gleichen Zielen an einen Tisch zu bringen.

Mit welcher Ausrichtung gehen Sie Ihre Projekte an?

Als operative Stiftung wollen wir nicht nur Probleme analysieren, sondern Positives für unsere Gesellschaft bewirken. Dort wo Erkenntnisdefizite vorliegen, versuchen wir durch wissenschaftliche Forschung Licht ins Dunkel zu bringen. Im Gesundheitswesen – mit all seinen institutionellen Verflechtungen – geht es bisweilen aber auch darum, bereits bekannten Änderungserfordernissen zusätzliche Schubkraft zu verleihen.

Und da gilt für uns: „Viele Wege führen nach Rom.“ So richten wir uns zum einen mit möglichst handlungsorientierten Studien und Konzepten an die Entscheider in Politik und Selbstverwaltung. Zum anderen adressieren wir die Bürger – nicht zuletzt, weil wir sie an vielen Stellen als Teil der Lösung begreifen. Als Patienten, Angehörige oder auch Wähler tragen sie direkt oder indirekt mit dazu bei, unserer Gesundheitssystem zu sichern und weiter zu verbessern. Nehmen wir das Beispiel Weisse Liste: Indem wir die Qualität und Leistungsprofile von Gesundheitsanbietern öffentlich transparent machen, unterstützen wir den Patienten in seiner Auswahlentscheidung. Wir fördern damit aber auch den systeminternen Wettbewerb um die beste Versorgungsqualität oder um möglichst bedarfsgerechte Angebote zum Beispiel im Pflege-Bereich. Individueller Nutzen und Systemfortschritt gehen Hand in Hand.

Wir richten uns mit Studien und Konzepten an Entscheider in Politik und Selbstverwaltung. Wir adressieren aber auch die Bürger mit konkreten Projekten. Idealerweise gehen dabei indiviudueller Nutzen und Systemfortschritt Hand in Hand.