Deutschlands Leistungsbilanzüberschüsse in der Kritik

Was sind die Gründe für die deutschen Exportüberschüsse und welche Wirkungen lassen sich ihnen zurechnen? Welche Handlungsoptionen gibt es und wer muss aktiv werden? Am 25. April 2018 diskutierten in Berlin Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft diese Fragen.

Der deutsche Exportüberschuss schafft es immer wieder sowohl auf die deutsche als auch die europäische, ja sogar die internationale politische Agenda. Der Vorwurf – von Donald Trump bis hin zu Emmanuel Macron – gegenüber den deutschen Exporten ist immer derselbe: Deutschland exportiere zu viel, importiere zu wenig und lebe somit auf Kosten der importierenden Staaten. Die deutsche Öffentlichkeit hingegen sieht im Exportüberschuss meist ein Zeichen für die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Wirtschaft, die Qualität der exportierten Produkte und schlussendlich eine Entwicklung, die dazu beiträgt, Arbeitsplätze in Deutschland zu sichern.

Was ist dran an den Argumenten, die beide Seiten vorbringen? Und warum mehren sich auch in Deutschland Stimmen, die zu einem Abbau des Exportüberschusses aufrufen? Die Veranstaltung „Leistungsbilanzüberschüsse – lebt Deutschland auf Kosten der übrigen Welt?“ sollte Licht ins Dunkel bringen. Was sind die Gründe für die deutschen Exportüberschüsse und welche Wirkungen lassen sich ihnen zurechnen? Welche Handlungsoptionen gibt es und wer muss bzw. kann hier aktiv werden?

Nach der Begrüßung der rund 60 Teilnehmer aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft durch unseren Vorstandsvorsitzenden Aart De Geus gab Thieß Petersen einen kurzen Überblick (siehe Präsentation unten) über Ausmaß, Ursachen und Folgen der deutschen Export- und Leistungsbilanzüberschüsse. Die anschließende Diskussion moderierte die Journalistin Astrid Frohloff. An ihr nahmen u. a. Anke Hassel (Direktorin des WSI Düsseldorf), Gabriel Felbermayr (ifo München), Stormy-Annika Mildner (BDI Berlin), Florian Moritz (DBG Berlin) und Henrik Müller (TU Dortmund) teil.

In der kontrovers geführten Diskussion zeigte sich schnell, dass dieses Thema die Gemüter bewegt. Sowohl bei den Ursachen der deutschen Handelsüberschüsse (Lohnzurückhaltung, Kapitalabwanderung wegen mangelnder Investitionsmöglichkeiten, Euroeinführung) als auch der Beurteilung dieser Überschüsse (zum Beispiel Schaffung von Arbeitsplätzen im Ausland durch deutsche Investitionen oder Steigerung der Arbeitslosigkeit wegen der Verdrängung heimischer Produkte) gingen die Ansichten auseinander.

Bei allem Dissens gab es jedoch auch Übereinstimmungen: Alle Teilnehmer waren sich einig, dass die deutschen Exportüberschüsse politisch problematisch sind, weil sie im Ausland protektionistische Reaktionen hervorrufen können und den Zusammenhalt der Eurozone beziehungsweise der EU gefährden. Bei der Suche nach Handlungsoptionen herrschte Konsens, dass es nicht um eine Reduzierung der deutschen Exporte gehen darf, sondern um eine Steigerung der Binnennachfrage und damit auch der Importe. Höhere private und staatliche Investitionen sind eine sinnvolle Stellschraube zur Erreichung dieses Ziels.

Vision Europe wählt jedes Jahr ein Thema, das den Schwerpunkt der gemeinsamen Arbeit bildet. 2017 lautete das Thema „Gewinner und Verlierer der Globalisierung“. Im Anschluss an die gemeinsame Jahreskonferenz, die im November in Turin stattfand, führt jeder der acht Institutionen eine Veranstaltung in der Hauptstadt des eigenen Landes durch, um das Jahresthema zu vertiefen. Für die Veranstaltung in Berlin wählte die Bertelsmann Stiftung den Titel „Leistungsbilanzüberschüsse – lebt Deutschland auf Kosten der übrigen Welt?“ 

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Publikation: Germany's export surpluses - Asset accumulation for the future?

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