Der Boxclub Royal Gym in Mechelen.
Achim Multhaupt

Auszug Change-Magazin 1/2018: Heimat für 138 Nationen

Autor: Torsten Meise

 

Die europäische Stadt des 21. Jahrhunderts ist darauf angewiesen, kulturelle und ethnische Vielfalt zu leben. Ein Besuch im belgischen Mechelen zeigt, wie das tatsächlich funktioniert – dank eines unkonventionellen Bürgermeisters und vieler Initiativen, die ihren Beitrag dazu leisten.

 


Der Grote Markt im Zentrum von Mechelen erzählt von der wechselvollen Geschichte der Stadt. Mal Hauptstadt, mal Bischofssitz, mal Handelsmetropole, mal in Bedeutungslosigkeit versunken. Ein sauberer Platz, eingerahmt von mittelalterlichen Bürgerhäusern, einem stolzen Rathaus und der gewaltigen St.-Rombuts-Kathedrale mit ihrem wuchtigen, nie zu Ende gebauten Turm. Touristen schlendern durch den Ort oder sitzen in einem der Restaurants und Cafés. Dabei ist es noch gar nicht lange her, da war der Grote Markt alles andere als schick und repräsentativ. „Als ich vor sieben Jahren hier ins Zentrum gezogen bin, haben mich meine Freunde entsetzt angesehen“, erzählt Hélène Stevens, „die konnten das gar nicht glauben.“ Die 32-jährige Maklerin hat auf dem Marktplatz gerade ihre Kollegin Martine van Loon getroffen.

Ja, bestätigt Martine, sie wohne seit 1999 hier, aber früher habe ihre Mutter immer gesagt, ihre Tochter komme ‚aus der Nähe von Mechelen‘. „Man hat sich geschämt, in Mechelen zu wohnen“, so die 47-Jährige. Die Stadt galt als eine einzige No-go-Area. Die Kriminalitätsrate war die höchste in Belgien. In den historischen Gassen sammelte sich der Müll, jedes dritte Geschäft stand leer, Frauen trauten sich bei Dunkelheit nicht mehr auf die Straße, weil sie dann von Gangs jugendlicher Migranten verfolgt wurden. Das zunehmend von Einwanderern geprägte Mechelen war auf dem besten Weg, ein multikultureller Alptraum zu werden. Doch dann passierte etwas Ungewöhnliches.

Der Grote Markt in Mechelen bei Nacht
Der Grote Markt in Mechelen bei Nacht.

Der beste Bürgermeister der Welt

Im Jahr 2001 gab es in Mechelen einen politischen Unfall. Die Stadt wählte einen jungen Liberalen zum Bürgermeister, Bart Somers. „Das war völlig unerwartet, auch für mich, ich wusste ja nicht einmal, wo der Bürgermeister überhaupt sein Büro hat“, erinnert sich der heute 54-Jährige. „Mechelen hatte bis dahin noch nie einen Liberalen als Bürgermeister, das durfte es eigentlich gar nicht geben.“ Doch für die Stadt erwies es sich als Glücksfall. Dank Somers, darüber sind sich in der Stadt alle einig, hat Mechelen den Wandel geschafft. Sogar mehr als das. Mit einer Kombination aus Law-and-Order-Politik und einer vorbildlichen Integrationsarbeit hat er die 138 Nationalitäten in der 90.000-Einwohner-Gemeinde auf eine Weise zusammengebracht, die weitgehend ohne Vergleich ist. Seit Bart Somers Anfang 2017 von der City Mayors Foundation zum „World Mayor“, zum besten Bürgermeister der Welt, gewählt wurde, ist es quasi offiziell: Somers hat in seinen drei Amtszeiten ein beispielhaftes Integrationsmodell für das neue Europa geschaffen. Wie hat er das gemacht?

Somers hat in seinen drei Amtszeiten ein beispielhaftes Integrationsmodell für das neue Europa geschaffen.

Während Somers durch die Stadt geht, hebt er hier und da ein Stück Verpackungsmüll auf und steckt es in den nächsten Mülleimer. Sieht er eine Beschädigung am Straßenrand, macht er ein Bild davon und schickt es an seinen Amtsleiter. „Das war das Erste, was ich als Bürgermeister getan habe“, erinnert sich Somers, „ich habe für Sauberkeit auf den Straßen gesorgt.“ Eine kluge Maßnahme, denn Mechelen galt damals als dreckigste Stadt Belgiens.

Davon ist heute nichts mehr zu erkennen. Auch nicht im Stadtteil Pennepoel, wo schlichte Reihenhäuser dominieren. Würde Bart Somers nicht darauf hinweisen, dass man hier in einem der ärmsten und multikulturellsten Viertel der Stadt unterwegs ist, man würde es nicht vermuten. Dönerbuden-Klischees sucht man vergebens. Die Stadt investiert in das Viertel. Somers zeigt auf die neu gepflasterten und asphaltierten Straßen, und auf die, die demnächst erneuert werden. Hinter den Häusern liegt ein kleiner Park mit weitläufigen Grünflächen, einem Bolzplatz und Spielgeräten für die Kleineren. „Solche Parks haben wir jetzt in der ganzen Stadt neu angelegt“, sagt Somers. Da die Häuser in Vierteln wie diesem keine Gärten besitzen, sei das wichtig, damit die Menschen sich draußen aufhalten und sich treffen können. Aber auch hier achtet die Stadt penibel auf Ordnung und Sauberkeit. Abends werden die Tore verschlossen, und an den Laternen hängen Kameras, die das Areal überwachen.

Bart Somers, Bürgermeister von Mechelen, im Obergeschoss der "Kazerne Dossin", einem Museum und Holocaust-Mahnmal.
Gute Stimmung in Mechelen. Bürgermeister Bart Somers schaut zufrieden auf seine Stadt.
Ich bekomme jeden Monat hundert Briefe, in denen die Leute sagen, wir möchten auch Kameras in unserer Straße haben.
Bart Somers

Überhaupt gehören Überwachungskameras heute zum Stadtbild. Auch in diesem Bereich ist Mechelen in Belgien Spitze. In der historischen Innenstadt wachsen an manchen Stellen beeindruckende Kamera-Bäume am Wegesrand. Manche Linsen überwachen die Autokennzeichen und verteilen automatisch Knöllchen, wenn Fahrzeuge ohne Zugangsberechtigung in die verkehrsberuhigte Zone fahren. Andere überwachen die Plätze. Die Aufzeichnungen werden nur genutzt, wenn tatsächlich etwas passiert ist, aber es schreckt ab. Zusammen mit den 80 zusätzlich eingestellten Polizisten hat die Überwachung in Mechelen die Kriminalitätsrate unter den Landesdurchschnitt gedrückt. „Unsere Innenstadt ist heute sicher“, sagt Somers. Kritik an diesem strikten Konzept wehrt er ab. „Ich bekomme jeden Monat hundert Briefe, in denen die Leute sagen, wir möchten auch Kameras in unserer Straße haben.“ Ohne Sicherheit und Ordnung, weiß Somers, hätte er niemanden gefunden, der ihn bei der anderen, liberalen Seite seines Erfolges unterstützt hätte: der Integration.

Vorbildliche Integration

Mitten im Stadtteil Pennepoel gibt es ein 2011 neu eröffnetes Sportzentrum, in dem auch Salaam Mechelen seine Räume hat. Der Fußballverein ist eines der Aushängeschilder für die Integrationserfolge in der Stadt. Salaam Mechelen bringt seit 1995 Jugendliche unterschiedlichster Herkunft zusammen. Sie spielen nicht nur Fußball und Futsal hier. „Wir betreuen die Jugendlichen auch bei ihren Hausaufgaben, achten darauf, dass sie zur Schule gehen und keinen Unsinn machen“, sagt Frédéric Thiebaut. Der Mechelener Strafverteidiger ist Präsident des Vereins und hat früher selbst für Salaam im Tor gestanden. Mittlerweile arrangiert Salaam sogar Arabisch-Kurse. „Viele muslimische Jugendliche sind hier geboren und sprechen nur Flämisch, das ist eine Chance für Islamisten“, weiß der Anwalt. „Es ist gut, wenn die Kids den Koran lesen können und verstehen, was wirklich dort steht.“

Das Projekt Saalam Mechelen
Der Fußballverein Salaam Mechelen öffnet sein Vereinsheim auch für kleine Familienfeiern.

Sportvereine sind wichtige Verbündete für Bart Somers. Hier treffen Jugendliche mit unterschiedlicher Herkunft aufeinander, hier lässt sich praktische Sozialarbeit leisten. Das war auch die Idee von Mustafah Lahrach, den alle nur Musti nennen, als er den Kickboxverein Royal Gym gründete. Er hat damals eine heruntergekommene Sporthalle eigenhändig wiederhergerichtet, dafür kann der Verein sie nutzen. Jeden Abend trainieren Kinder und Jugendliche jeglicher Hautfarbe und jeglichen Leistungsstandes zusammen. Anfänger ebenso wie amtierende Weltmeister. „Das ist mein Sohn“, sagt Musti und zeigt stolz zuerst auf einen schmächtigen Jungen und dann auf ein Handyfoto mit zig Pokalen und Gürteln, „der ist auch Weltmeister.“ Alle zwei Wochen geht Musti mit Vereinsmitgliedern durch die Viertel der Stadt. Sie sprechen dann Jugendliche an und motivieren sie, auch einmal vorbeizukommen.

Das Royal Gym kennt jeder in Mechelen. Nicht nur wegen des Sports. Wenn die Trainer merken, dass einer ihrer Schützlinge von extremistischen Ideen beeinflusst wird, reagieren sie sofort. Sie konnten so schon mehrere Jugendliche vor schlechten Entscheidungen bewahren. Wenn Mechelen heute die einzige Stadt aus der gesamten Region ist, aus der keine IS-Kämpfer nach Syrien gegangen und in der keine Terroristen herangewachsen sind wie in Antwerpen oder Brüssel, dann haben das Royal Gym und andere Sportvereine einen erheblichen Anteil daran.

"Klein Marrakesch" – Restaurant in der Nähe des Hauptbahnhofs von Mechelen bei Nacht.
"Klein Marrakesch" – Restaurant in der Nähe des Hauptbahnhofs von Mechelen bei Nacht.

Besuch vom Königspaar

Deshalb lässt Bart Somers keine Gelegenheit aus, auf die wichtige Arbeit der Vereine hinzuweisen. Und auf das Konzept des ROJM, des Regionalen Offenen Jugendzentrums Mechelen. Kaum hat das Haus seine Türen geöffnet, trudeln auch schon die ersten Kinder und Jugendlichen ein. In der Sporthalle wird sofort gekickt. „Normalerweise kann jeder jederzeit Fußball spielen“, sagt Sozialarbeiter Mohamed Belhadji, „aber samstags haben wir die ersten zwei Stunden für die Kids neu angekommener Flüchtlinge reserviert.“ Das Jugendzentrum will die Neuankömmlinge von Anfang an einbinden. Darum dreht sich hier alles: Integration. „Wir haben ungefähr tausend Jugendliche mit über hundert Nationalitäten“, erklärt Belhadji. Damit ist das ROJM das wohl diverseste Jugendzentrum der Welt. Ein Haus für alle, das ist die Idee. Statt Clubs für Marokkaner, Ägypter, Kongolesen, Russen oder Flamen gibt es in Mechelen nur das ROJM. Alle kommen hier hin, machen Sport, schauen Filme oder nehmen Musik auf. Mittlerweile verweist das Zentrum stolz auf Profifußballer, Hip-Hop-Stars und Hollywood-Schauspielerinnen, die hier begonnen haben. Vor zwei Jahren, als das Jugendzentrum seine neuen Räume bezogen hatte, kam sogar das belgische Königspaar zusammen mit dem damaligen deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck und würdigte die Arbeit.

Auch Bart Somers ist regelmäßig in dem Jugendzentrum zu Gast, so wie er überhaupt den ständigen Kontakt zu allen Stakeholdern seiner Stadt sucht. Eines seiner größten Geheimnisse ist der regelmäßige Austausch mit allen sowie die Fähigkeit, diese Menschen wiederum mit anderen zusammenzubringen. „Wir treffen uns in festgelegten Abständen mit gesellschaftlichen Gruppen und besprechen Dinge“, berichtet auch Polizeichef Yves Bogaerts, der einen der schwierigsten Jobs in der Stadt hat. Die belgische Polizei gilt bis heute als wenig freundlich zu Migranten. Wer Jugendliche in Mechelen fragt, was sich in der Stadt noch verbessern müsste, hört dies zuerst. Bogaerts will das ändern. „Die Polizei selbst diverser zu machen, ist meine größte Herausforderung“, sagt er. Doch welche Polizisten eingestellt werden, kann er lokal nicht beeinflussen. Deshalb hat er mit Bart Somers eine andere Idee entwickelt. Die Stadt hilft jetzt jungen Migranten dabei, die recht hohen Einstiegshürden bei der belgischen Polizei zu erfüllen. Irgendwann, so die Hoffnung, würde auch die Polizei in der Stadt davon profitieren. Jeder muss mit jedem reden, das ist das Ziel in Mechelen. Stellvertretend dafür steht die Initiative „Samen Inburgeren“ (Gemeinsam integrieren). Seit 2012 bringt sie Bürger mit Neuankömmlingen zusammen. „Am Anfang ist das immer ganz paternalistisch“, berichtet Bart Somers. Ein Einheimischer zeige „seinem“ Paten die Stadt. Doch wenn beide sich wirklich kennenlernen, so Somers, passiere etwas ganz anderes.

Junge Frau mit Kopftuch in einem Café
Treffpunkte verschiedener Nationalitäten, die in Mechelen zu Hause sind, finden sich in der ganzen Stadt.

Die Menschen würden sich öffnen, von ihren Ängsten und Hoffnungen erzählen, sich plötzlich als Menschen begegnen, nicht als Flame oder Flüchtling. Das ist der Punkt, auf den Somers ganze Politik abzielt. „Wir leben in einer neuen, superdiversen Realität“, sagt der Bürgermeister, der auch im flämischen Parlament sitzt und auf EU-Ebene kürzlich für den Ausschuss der Regionen ein langes Papier geschrieben hat, wie man Radikalisierung und Extremismus verhindern kann. Dieses „neue Mechelen“ gehe nicht wieder weg. Deshalb müsse sich jeder anpassen, egal ob Einwanderer oder immer schon Dagewesener.

Mit einer Vielzahl von Maßnahmen und einer wachsenden Anzahl von Unterstützern in der ganzen Stadt hat es Somers in 17 Jahren geschafft, diese neue Realität so zu gestalten, dass fast jeder in der Stadt unisono sagt: „Ja, vor zehn Jahren war es noch schlimm, aber heute ist es viel besser.“ Die Stimmung ist zum Guten gekippt. Die Geschäfte florieren, die Stadt wächst wieder, in den engen Straßen werden Baulücken so anspruchsvoll geschlossen, als gelte es, jedes Mal einen Architekturwettbewerb zu gewinnen. Mechelen, die Handelsstadt mit der langen, wechselvollen Geschichte, hat sich wieder einmal neu erfunden.

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Auszug aus dem aktuellen change-Magazin (1/2018).

Bart Somers

Bart Somers

Der belgische Politiker Bart Somers ist seit 2001 Bürgermeister von Mechelen. Für seine Verdienste zur Integration in seiner Stadt wurde er in London vom Weltverband der Bürgermeister zum „besten Bürgermeister der Welt“ gewählt. Über seine Integrationspolitik hat er das Buch „Zusammen leben – Meine Rezepte gegen Kriminalität und Terror“ geschrieben.

Weblink: www.bartsomers.be

Kontakt: burgemeester@mechelen.be

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