Kinder trommeln
Bertelsmann Stiftung

Ausgangslage

Musik hat für viele Kinder und Jugendliche eine immense Bedeutung. Insbesondere das Musikhören zählt zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen, wie Studien der vergangenen Jahre zeigen. Relativ wenig ist hingegen darüber bekannt, wer im Kindes- und Jugendalter Musik macht. Diese Forschungslücke soll mit unseren Expertisen und Studien bis Ende des Jahres 2020 geschlossen werden. Die Studienergebnisse sind Grundlage für unsere Empfehlungen und sollen Expertenforen und öffentliche und politische Diskurse zum Thema "Zugänge für alle Kinder und Jugendliche zur musikalischen Bildung" anregen.

Einkommen und Bildung der Eltern entscheiden

Die Studien "Jugend und Musik " und "Familie und Musik" aus 2017 zeigen, dass sich die soziale Ungleichheit unseres Bildungssystems auch in der musikalischen Bildung fortsetzt. Kinder und Jugendliche aus Familien mit geringem Einkommen, niedrigerem Bildungs- und Berufsstatus (ISEI) und von Eltern, nehmen signifikant weniger an Angeboten zur musikalischen Bildung teil. Die Expertise zum Thema, die Berichte zu den Studien und ein Zeichentrickfilm machen diese Zusammenhänge deutlich und zeigen gleichzeitig Möglichkeiten auf, wie die Teilhabe an musikalischer Bildung für benachteiligte Heranwachsende verbessert werden kann, wenn diese Interesse haben, Musik zu machen.

Erklärvideo

Musikalische Bildung: Gleiche Chancen für alle Kids?

Der kurze Film zeigt, was es braucht, damit alle Kinder und Jugendliche die gleiche Chance haben, ihren eigenen musikalischen Weg selbst zu gestalten. weiterlesen

"Musik ist ein wichtiger Teil der Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen. Daher sollte es nicht vom Bildungsstatus oder dem Einkommen der Eltern abhängen, ob ein junger Mensch ein Instrument spielt oder im Chor singt."

Liz Mohn, stellv. Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung

Zu erfüllende Bedingungen

Die Analyse der Daten zeigt, dass die familiären Faktoren beim Erlernen eines Musikinstruments eine wichtige Rolle spielen. Damit alle Kinder und Jugendlichen Zugang zu den jeweils passenden musikalischen Aktivitäten erlangen können, sollten folgende Bedingungen erfüllt sein:  

Eine gelungene Teilhabe an musikalischer Bildung bedeutet nicht, dass alle Kinder ein klassisches Instrument lernen oder im Chor, im Blasorchester oder in einer Band musizieren. Doch sie beinhaltet, dass sich alle jungen Menschen nach ihren Interessen und Möglichkeiten einen eigenen musikalischen Weg suchen können.

Um gerade die Potenziale informeller und digitaler Musikpraxen auszuschöpfen und Räume dafür zu öffnen, sollten zielgruppenspezifische Programme entwickelt werden, welche die Interessen von Kindern und Jugendlichen einbeziehen. Nur wenn sie mit ihrer Erfahrung und Kompetenz ernst genommen werden, sind sie motiviert, ihren eigenen Kulturraum aktiv zu gestalten. Programme für Kinder und Jugendliche sollten daher mit ihnen gemeinsam konzipiert und umgesetzt werden. Besondere Ansprache brauchen junge Menschen jenseits traditioneller bildungsbürgerlicher Milieus.

Die Ergebnisse legen nahe, die Teilhabe von Kindern und Jugendlichen an musikalischer Bildung stärker als bisher von familiären Bedingungen zu entkoppeln. Künftig sollte es flächendeckend möglich sein, dass alle interessierten Kinder auch ohne die finanzielle Unterstützung ihrer Eltern, ohne Fahrdienste und ohne die elterliche Begleitung von Übungszeiten ein Musikinstrument spielen.

 

Da Eltern die kulturellen Aktivitäten ihrer Kinder stark prägen, sollten gleichzeitig gezielt einkommensschwache und eher bildungsferne Familien adäquat angesprochen und eingebunden werden. Das Ziel sollte sein, eine positive Einstellung zu musikalischen Aktivitäten zu entwickeln. Niedrigschwelligen Angeboten, die keine Vorkenntnisse benötigen, kommt dabei besondere Bedeutung zu. Beim Erproben musikalischer Aktivitäten kann das Interesse der Eltern geweckt werden, können sie positive Erfahrungen machen und für die Begleitung der musikalischen Aktivitäten ihrer Kinder gestärkt werden. Dafür sind neue Formate jenseits der klassischen Zugänge zu entwickeln, die bereits sehr früh Kinder wie Eltern gleichermaßen ansprechen und zu gemeinsamen Aktivitäten einladen.

Die Orte, an denen alle Kinder und Jugendlichen erreicht werden, sind Kindergarten und Schulen inklusive des schulischen Ganztags. Diese Einrichtungen müssen eine Grundversorgung mit musikalisch-kultureller Bildung insgesamt gewährleisten. Kulturelle Bildung muss bundesweit durchgehend im Bildungsweg – von der Kita bis zum Abitur – verankert und verfügbar sein. Dafür ist es notwendig, künstlerische Angebote und Fachunterricht von der Elementar- bis zur Oberstufe anzubieten.

Insbesondere der ganztägige Bildungsbereich – wenn er sich denn als Bildungsakteur versteht und entsprechend ausgebaut und gefördert wird – kann durch eine konsequente Verankerung musikalischer Bildung eine echte Alternative zum bezahlten außerschulischen Musikunterricht bieten. Um ein vielfältiges Angebot in den ganztägigen Bildungseinrichtungen gewährleisten zu können, sind Kooperationen notwendig: mit außerschulischen Kultur- und Bildungspartnern, wie Musik- und Kunstschulen, Chören und Orchestern, Tanzvereinen und -studios sowie lokalen Musikern und Bands. Um diese Träger von Kulturangeboten stärker als bisher mit den Bildungseinrichtungen vor Ort zu vernetzen, sind Politik und Administration von der kommunalen bis zur Bundesebene aufgefordert, fördernde Rahmenbedingungen für das gemeinsame Handeln aller Bildungs- und Kultureinrichtungen aufzubauen – und hemmende abzubauen.

 


Auch wenn die Politik sich einig ist, dass alle Kinder, unabhängig von der familiären Herkunft, ein Recht auf faire Bildungs- und Teilhabechancen haben sollten, erfüllen die bestehenden Fördermaßnahmen zur soziokulturellen Teilhabe nur bedingt diese Forderung. Der geringe Mittelabruf etwa der Fördergelder des Bildungs- und Teilhabepakets (BuT) zeigt, dass die Ressourcen an Haushalten mit geringem Einkommen fast spurlos vorbeigehen. Eine Reform des Bildungs- und Teilhabepakets ist daher ein notwendiger Schritt. Die Finanzmittel müssen den Familienbedarfsgerecht zur Verfügung stehen. Das heißt, es muss ermöglicht werden, dass alle anfallenden Kosten übernommen werden, auch wenn Heranwachsende an verschiedenen oder teureren Angeboten teilnehmen. Und die Mittel müssen vor allem ohne finanzielle, bürokratische und sprachliche Barrieren sowie ohne das Risiko der Stigmatisierung zur Verfügung stehen.

Infografik


 
Infografik "Macht Jugend Musik?" Infografik "Macht Jugend Musik?"

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