Fazit

Thüringen hat zwar gemessen am BIP pro Einwohner die viertniedrigste Wirtschaftskraft, die sich jedoch im vergangenen Jahr wesentlich dynamischer entwickelt hat als in allen anderen Ländern. Das Land weist unter allen ostdeutschen Ländern die niedrigste Arbeitslosenquote auf, was allerdings auch mit der räumlichen Nähe zu Hessen und Bayern und hohen Pendlerquoten zu tun hat. Der Ausbildungsmarkt ist weitgehend ausgeglichen, bis auf wenige Regionen wie Gotha, wo eine Unterversorgung besteht. Die im Ländervergleich ausgesprochen hohen Ausgaben für berufliche Schulen (6.700 € je Schüler) verweisen auf besondere Anstrengungen, die erforderlich sind, um angesichts der demografischen Entwicklung berufsschulische Angebote in der Fläche aufrechtzuerhalten. Die Förderung von Mobilität innerhalb des Bundeslandes spielt schon aktuell bei der Gewinnung von Auszubildenden eine wichtige Rolle. Die verringerten Schulabgängerzahlen und die Ausdifferenzierung von Berufen haben in teilweise dünn besiedelten Regionen Konzentrationsprozesse in der Berufsschullandschaft eingeleitet, die in Thüringen im Vergleich zu anderen ostdeutschen Bundesländern besonders häufig zu weiteren Wegen zur Berufsschule führen (Putzing u. a. 2017) Dabei unterstützen die Betriebe ihre Auszubildenden bei den Fahrtkosten im Vergleich zu Ostdeutschland insgesamt überdurchschnittlich häufig (ebd.).

Diese demografisch bedingte Situation ist auch die eigentliche Ursache für die positive Entwicklung des Ausbildungsmarkts in den letzten zehn Jahren, denn dem praktisch halbierten Angebot an Ausbildungsplätzen von 2007 im Vergleich zu 2016 steht eine noch stärker gesunkene Nachfrage gegenüber. So ist vermutlich auch zu erklären, dass sich bei den Neuzugängen der demografische Rückgang am wenigsten auf das Schulberufssystem und das duale System auswirkte, während der Übergangssektor erheblich schrumpfte. Thüringen verzeichnet eine stetige Entwicklung von einem Nachfrageüberhang hin zu einem Angebotsüberhang. Bei Fortsetzung dieses Trends und einer zudem steigenden Studierneigung von Personen mit (Fach-)Hochschulzugangsberechtigung können allerdings empfindliche Engpässe in der Sicherung des Fachkräftenachwuchses perspektivisch entstehen. In einzelnen Regionen und Berufsbereichen wird dies schon aktuell erkennbar.

Ein Problem der im Vergleich zu anderen Ländern hohen Einmündungsquoten in vollqualifizierende Ausbildung, die sich auch auf Jugendliche mit maximal Hauptschulabschluss beziehen, denen ein relativ breites Spektrum an Berufen zur Auswahl steht, besteht darin, dass die Ausbildungserfolge im dualen System begrenzt sind. Dies zeigt sich an der vierthöchsten vorzeitigen Vertragslösungsquote, die bei 30 % liegt, aber auch in einer weiter rückläufigen Absolventenquote, die mit 72 % rund 8 Prozentpunkte unter dem Bundesdurchschnitt liegt. Das heißt in Thüringen beenden nur unterdurchschnittlich viele Jugendliche erfolgreich ihre Berufsausbildung. Hier laufen zwei Entwicklungen einer Sicherung des Fachkräftenachwuchses entgegen: Die insgesamt günstige Ausbildungsmarktlage und hohe Angebots-Nachfrage-Relation in bestimmten Berufsbereichen, aber auch die Zahl der unbesetzten Ausbildungsstellen, die die ungedeckte Nachfrage übersteigt, verweisen auf bereits bestehende ernsthafte Probleme der künftigen Fachkräftedeckung – besonders in Berufen des Ernährungshandwerks und der Lebensmittelindustrie, die für die Thüringer Wirtschaft eine besondere Rolle spielen. Die hohen Vertragslösungsquoten und die niedrigen Absolventenquoten in der dualen Ausbildung können zusätzlich zur Verschärfung des Fachkräftenachwuchsproblems beitragen.

Hinzu kommen fehlende attraktive Ausbildungsgelegenheiten für Jugendliche mit Fachhochschul- und Hochschulzugangsberechtigung, erkennbar an den im Bundesdurchschnitt geringeren Einmündungsanteilen dieser Jugendlichen in Berufen des oberen Segments der dualen Ausbildung. Diese Situation kann Pendlerbewegungen in Ausbildungsmärkte angrenzender Länder verstärken; es bleibt unklar, ob diese dann als ausgebildete Fachkräfte zurückkommen oder dauerhaft auspendeln bzw. abwandern. Auch diese Entwicklung kann das Nachwuchsproblem auf dem Arbeitsmarkt verschärfen.

In dünn besiedelten Regionen sind Mobilitätslösungen (und neue Ausbildungsorganisationslösungen) für die Teilnahme am berufsschulischen Unterricht und für die Nutzung von vollzeitschulischen Angeboten eine Herausforderung, die vor allem in den nächsten Jahren bei einem weiteren demografischen Rückgang wachsen und selbst bei der sich abzeichnenden Stabilisierung bestehen bleiben wird.

Thüringen hat bereits angefangen, die bislang am Ausbildungsmarkt benachteiligten Gruppen, Jugendliche mit Hauptschulabschluss wie auch ausländische Jugendliche, verstärkt für den Ausbildungsmarkt zu erschließen. Die relativ ungünstigen Abschlussquoten im dualen System wie auch im Schulberufssystem verweisen jedoch darauf, dass Anstrengungen der Ausbildungsintegration mit einer Unterstützung und Förderung im Ausbildungsverlauf gekoppelt werden müssen, um Stabilität und eine Verbesserung der Abschlussquote zu erreichen. Die Integration der in den letzten beiden Jahren zugewanderten Personen kann für den Thüringer Ausbildungsmarkt eine Chance sein, vorausgesetzt die Ausbildungsbarrieren für diese Gruppen werden weiter abgebaut. Beide Gruppen haben durch ihre soziale Herkunft und ihre Bildungsbiografie schlechtere Voraussetzungen für einen erfolgreichen Ausbildungsverlauf- und -abschluss, sie haben seltener eine Ausbildung in einem zukunftsträchtigen Beruf, was ebenfalls zu Motivations- und Lernproblemen führen kann.

Insgesamt zeichnen sich für Thüringen also zwei zentrale Herausforderungen ab: Die erste betrifft die Verbesserung der Qualität der beruflichen Ausbildung: Hier sind Maßnahmen zur Förderung der Stabilität von Ausbildungsverhältnissen, ggfs. auch Maßnahmen zur Verbesserung der Berufsorientierung, und zur Unterstützung erfolgreicher Ausbildungsprozesse von Berufsbildungspolitik und den Akteuren in der Berufsbildungspraxis gefordert. Dabei ist der Blick vor allem auf lernschwächere und ausländische Jugendliche zu richten. Verbinden sich mit dieser ersten Herausforderung Fragen der Leistungsfähigkeit und der Chancengerechtigkeit gleichermaßen, so richtet sich die zweite Herausforderung stärker auf die Leistungsfähigkeit: Das Land ist gefordert, auch die Bereitstellung von attraktiven Ausbildungsplätzen im oberen Berufssegment, die besonders interessant für Jugendliche mit Studienberechtigung sind, im Auge zu behalten, um einer Abwanderung leistungsstarker potenzieller Ausbildungsbewerber entgegenzuwirken und diese im Bundesland für eine Ausbildung und als Fachkräfte zu gewinnen. 

 

Autoren: Prof. Dr. Martin Baethge, Dr. Maria Richter (Soziologisches Forschungsinstitut Göttingen, SOFI); Prof. Dr. Susan Seeber, Dr. Meike Baas, Dr. Christian Michaelis, Robin Busse (Universität Göttingen).