Eine Frau und ein Mann betrachten ein technisches Gerät
Shutterstock / Olena Yakobchuk

Die "Industrie 4.0" und die damit einhergehenden Veränderungen in der deutschen Wirtschaft sind in aller Munde. Welche Konsequenzen werden Digitalisierung und Automatisierung für Wachstum und Wohlstand in Deutschland haben? Viele befürchten, dass vor allem gut Ausgebildete von diesen Veränderungen profitieren werden – und schlechter Qualifizierte stärker denn je vom Arbeitsplatzabbau bedroht sind. Damit wäre das Kernversprechen der Sozialen Marktwirtschaft in Gefahr: dass Wirtschaftswachstum der breiten Gesellschaft zugutekommt und nicht nur einigen Wenigen.

Technologische Innovationen sind entscheidend für Inklusives Wachstum

Unsere Studie in Zusammenarbeit mit den Ökonomen Wim Naudé (Universität Maastricht) und Paula Nagler (Universität Rotterdam) zeigt, dass diese Sorgen möglicherweise unberechtigt sind. Im Gegenteil: die Studie zeigt, dass technologische Innovationen ein wichtiger Treiber für inklusives Wachstum waren und in Zukunft weiterhin sein können. Zum einen wertet die Studie historische Daten aus, die belegen, dass Deutschland immer dann wirtschaftlich robust wuchs und die Ungleichheit abnahm, wenn tiefgreifende Innovationen Einzug in die deutsche Wirtschaft hielten.

Zum anderen arbeitet die Studie heraus, über welche Wege technologische Innovationen auf inklusives Wachstum wirken: So ist die Arbeitsproduktivität zentral für inklusives Wachstum. Innovationen erhöhen die Arbeitsproduktivität, die wiederum für höhere Reallöhne sorgt. Das Problem: In Deutschland stagniert das Wachstum der durchschnittlichen Arbeitsproduktivität seit Jahren – dieser Umstand führte lange Zeit zu stagnierenden Reallöhnen für viele Beschäftigte. Auf der anderen Seite wuchsen die Erträge aus Kapital und Vermögen. Die Folge: Die Ungleichheit nahm zu.

Produktivität stagniert wegen mangelnder Innovationskraft

Die Autoren der Studie argumentieren, dass zu wenige tiefgreifende Innovationen in den letzten Jahrzehnten die Arbeitsproduktivität stagnieren und die Ungleichheit in Deutschland vergrößern ließen. Beispielsweise hat das Wachstum der "Totalen Faktor Produktivität", ein oft verwendetes Maß für den Innovationsgrad, massiv abgenommen: in den 1970er Jahren wuchs diese noch um rund 1,5 Prozent - heute wächst sie nur noch um rund 0,7 Prozent. Außerdem sind deutsche Unternehmen weniger "erfolgreich" bei Patentanmeldungen als in der Vergangenheit: Wurde in den 1980er Jahren noch fast jedes zweite Patent aus Deutschland als wesentliche Neuerung eingestuft, ist dies heute nur noch bei jedem fünften der Fall.

"Tiefgreifende Innovationen können die Produktivität von Beschäftigten steigern und so zu höheren Lohnzuwächsen führen – so werden Innovationen zum Motor für inklusives Wachstum und zahlen auf das Wohlstandsversprechen der Sozialen Marktwirtschaft ein."

Dominic Ponattu, Wirtschaftsexperte der Bertelsmann Stiftung

Ebenfalls zeigt sich: Andere Länder unternehmen mehr Anstrengungen zur Steigerung ihrer Innovationskraft. Beispielsweise stellen Investoren in den USA 0,32 Prozent des Bruttoinlandsprodukts als Risikokapital für innovative Unternehmen und sogenannten Startups zur Verfügung – in Deutschland liegt dieser Wert bei gerade einmal knapp 0,05 Prozent.

Die Studie schlägt unter anderem vor, gezielt Branchen zu fördern, die als künftige Schlüsselindustrien gelten, etwa die Halbleitertechnologie und die Robotik. Ebenfalls sinnvoll ist eine Wettbewerbspolitik, welche die Diffusion tiefgreifender Technologien in der deutschen Wirtschaft besser ermöglicht. In der kurzen Frist ist auch die Sozial- und Bildungspolitik von Bedeutung: So sollten Haushalte mit kleinen Einkommen entlastet und ihnen der Zugang zu besserer Bildung ermöglicht werden. "Schon heute die Weichen für eine neue Innovationsstrategie zu stellen, wird nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft erhalten, sondern gleichzeitig sozial ausgleichend wirken", sagt Dominic Ponattu.

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