Landärztin auf Hausbesuch
Thomas Kunsch

Bedarfsplanung berücksichtigt Bedürfnisse der Bevölkerung nicht

Fast drei Viertel der Erwerbstätigen ziehen ein wohnortnahes medizinisches Angebot einer Versorgung nahe ihrem Arbeitsort vor. Wenn es nach den Präferenzen der Bevölkerung geht, wäre die Konzentration der Ärzte gerade in großen Städten weitaus geringer. Die gegenwärtigen Planungsansätze wirken aber in eine andere Richtung: Über rechnerische Pendlersalden wird ein Mitversorgereffekt der Städte für das Umland einkalkuliert. Im Ergebnis läuft eine darauf basierende Bedarfsplanung Gefahr, historisch bedingte höhere Ärztedichten in Städten entgegen den Bedürfnissen der Bevölkerung zu zementieren.

Fast jeder zweite Landbewohner unzufrieden mit fachärztlicher Versorgung

Die fachärztlichen Versorgungsunterschiede zwischen Stadt und Land in Deutschland werden deutlich, wenn man die Entfernung der Patienten zur nächsten Facharztpraxis betrachtet: Nur sechs Prozent der Stadtbewohner, aber 25 Prozent der Bewohner auf dem Land müssen mehr als 20 Kilometer zu ihrem Hautarzt fahren. Zum Allgemeinmediziner fahren dagegen über 90 Prozent der Bewohner beider Regionen weniger als 10 Kilometer.
Von den Möglichkeiten, ambulante medizinische Versorgung künftig erreichbarer zu machen, bevorzugen die Bürger ambulante Behandlungen im Krankenhaus (57 Prozent) oder in Gemeinschaftspraxen, in denen an bestimmten Tagen in der Woche unterschiedliche Haus- und Fachärzte arbeiten (54 Prozent).

Vertrauensverhältnis zum Arzt ist wichtig

Zu einem vertrauten Arzt und für kürzere Wartezeiten fahren Patienten weitere Wege. Wichtiger als die Nähe der Arztpraxis zum Wohn- bzw. Arbeitsort (70 Prozent) sind den Befragten das Vertrauensverhältnis zu ihrem Arzt (90 Prozent) und kürzere Wartezeiten (80 Prozent). Für einen guten Arzt scheint die Bereitschaft der Befragten groß, längere Anfahrten in Kauf zu nehmen: Nur 10 bzw. 4 Prozent haben Termine beim Haus- bzw. Facharzt verschoben oder nicht wahrgenommen, weil ihnen die Anfahrt zu beschwerlich war.

Studienautoren plädieren für flexiblere ambulant-medizinische Bedarfsplanung

Laut den Autoren bestätigen die Studienergebnisse zwar die größere Wahrnehmung von Ärztemangel bei der Landbevölkerung. Jedoch mahnen sie an, dass die ärztliche Versorgungsplanung künftig auch Stadtbewohner in Betracht ziehen muss, von denen sich ein beträchtlicher Teil ebenfalls unterversorgt fühlt. Die Verfasser der Studie schlagen vor, künftig auch Pro-Kopf-Ärztedaten in der Bedarfsberechnung zu verwenden, um besser auf die Bedürfnisse der Bevölkerung eingehen zu können. Außerdem treten die Autoren dafür ein, in Zukunft mehr in gezielte Öffentlichkeitsarbeit zu investieren, um weitere alternative Möglichkeiten der ambulanten Versorgung salonfähig zu machen.