Fazit

Thüringen ist mit einem BIP von 23.870 Euro pro Einwohner das Bundesland mit der zweitniedrigsten Wirtschaftskraft, die sich jedoch im vergangenen Jahrzehnt wesentlich dynamischer entwickelt als in fast allen anderen Ländern und auch mit Blick auf die (unter allen ostdeutschen Ländern niedrigste) Arbeitslosenquote positiv ausgewirkt zu haben scheint. Die Beschäftigtenquote in Produktionsberufen ist mit 33 % die höchste aller Bundesländer und auch der mit 73 % höchste Beschäftigtenanteil mit Aus- und Fortbildungsabschluss verdeutlicht für Thüringen die große Bedeutung der beruflichen Ausbildung für Fachkräftesicherung sowie berufliche Perspektiven und soziale Chancen der Jugendlichen. Für beides ist die Berufsbildungspolitik angesichts der demographischen Entwicklung besonders gefordert. Die im Ländervergleich ausgesprochen hohen Ausgaben für berufliche Schulen (6.200 Euro je Schüler) verweisen hier bereits auf eine Verstärkung der berufsbildungspolitischen Anstrengungen. So ist vermutlich auch zu erklären, dass sich erstens bei den Neuzugängen der demographische Rückgang am wenigsten auf das Schulberufssystem auswirkte, während das Übergangssystem erheblich schrumpfte und 2013 nur noch 16 % aller Einmündungen ausmacht. Und zweitens verzeichnet Thüringen eine stetige Entwicklung von einem Nachfrageüberhang hin zu einem Angebotsüberhang, d. h. einer beinahe ausgeglichenen Angebots-Nachfrage-Relation.

Bei der Einmündung ins Ausbildungssystem sind besonders die Befunde nach schulischer Vorbildung bemerkenswert. Mit 57 % der Neuzugänge, die maximal einen Hauptschulabschluss haben, münden bereits überdurchschnittlich viele in eine vollqualifizierende Ausbildung ein. Mit mittleren Abschluss gelingt sogar 97 % der Einstieg ins duale oder Schulberufssystem, der höchste Wert im Ländervergleich. Die im Vergleich zu anderen Ländern hohen Einmündungsquoten in vollqualifizierende Ausbildung, die sich auch für Ausländer zeigen, führen allerdings nicht für alle Jugendlichen zum Abschlusserfolg. Mit jeweils 75 % der weiblichen und männlichen Auszubildenden beenden in Thüringen nur unterdurchschnittlich viele Jugendliche erfolgreich ihre Berufsausbildung, wobei - im Unterschied zu vielen anderen Ländern - die Absolventenquoten der dualen und der vollzeitschulischen Ausbildung über die Zeit sehr nah beieinanderliegen und kein Effektivitätsvorsprung in einem der beiden Sektoren zu konstatieren ist. Hier hat Berufsbildungspolitik zur Verbesserung der Ausbildungsqualität anzusetzen.

 

Autoren: Prof. Dr. Martin Baethge, Markus Wieck (Soziologisches Forschungsinstitut Göttingen, SOFI); Prof. Dr. Susan Seeber, Beatrice Lenz, Christian Michaelis (Universität Göttingen); Prof. Dr. Kai Maaz, Dr. Daniela Julia Jäger, Dr. Stefan Kühne, Sebastian Wurster (Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung, DIPF).