Fazit

Das nördlichste Bundesland der Republik steht vor erheblichen berufsbildungspolitischen Herausforderungen, die zum Teil wirtschaftsstrukturelle Gründe haben, zum Teil mit auf die Bildungspolitik in der Vergangenheit zurückgehen dürften. Die niedrigste Quote der Neuzugänge zum dualen System von allen Bundesländern kann man am ehesten aus der Verbindung des geringen Anteils industrieller Beschäftigung und der dominant kleinbetrieblichen Struktur der Wirtschaft erklären. Gleichzeitig aber ist der relativ niedrige Anteil von Studienberechtigten und der hohe Anteil von Absolventen mit maximal Hauptschulabschluss ebenso als Resultat der Bildungspolitik zu verstehen wie der unterproportionale (zum Bundesdurchschnitt) Anteil an Anfängern im Schulberufssystem als Ergebnis der Berufspolitik. Eine chronische und sich - entgegen dem Bundestrend - in den letzten Jahren noch verschlechternde Angebots-Nachfrage-Relation im dualen System verbindet sich mit starken Benachteiligungen der Jugendlichen mit maximal Hauptschulabschluss.

Sowohl aus ökonomischen Gründen der Sicherung des Fachkräftepotenzials als auch zur Verbesserung der sozialen und beruflichen Chancen der jungen Generation erscheint die Reduzierung der Neuzugänge zum Übergangssystem als die erste Priorität der Berufsbildungspolitik in Schleswig-Holstein. Zu ihr könnte eine bessere Koordinierung der in Schleswig-Holstein noch recht zergliederten Maßnahmen des Übergangssystems z. B. im Sinne eines Konzepts "dualer Berufsvorbereitung" einen ersten Beitrag leisten, dem aber ohne eine Erhöhung des betrieblichen und schulischen Angebots an vollqualifizierenden Ausbildungsmöglichkeiten keine nachhaltigen Wirkungen zugesprochen werden könnten. Reduzierung des Übergangssystems beginnt unabweisbar in der allgemeinbildenden Schule durch Erhöhung des kognitiven Niveaus und verbesserte Berufsorientierung und -vorbereitung. Nachdem Schleswig-Holstein mit der Schulstrukturreform in der Zusammenfassung von Haupt‑ und mittleren Schulen zur Gemeinschaftsschule dafür eine wichtige Voraussetzung geschaffen hat, wären inhaltliche Reformen folgerichtig der nächste Schritt.

Berufsbildungspolitik in einem Flächenland mit der spezifischen Wirtschaftsstruktur Schleswig-Holsteins ist schwierig und nicht isoliert von Wirtschafts‑ und Arbeitsmarktpolitik zu betreiben. Das dürfte den politisch Verantwortlichen auch klar sein und soll hier nur in Erinnerung gerufen werden.

 

Autoren: Prof. Dr. Martin Baethge, Markus Wieck (Soziologisches Forschungsinstitut Göttingen, SOFI); Prof. Dr. Susan Seeber, Beatrice Lenz, Christian Michaelis (Universität Göttingen); Prof. Dr. Kai Maaz, Dr. Daniela Julia Jäger, Dr. Stefan Kühne, Sebastian Wurster (Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung, DIPF).