Zwei Hände in Handschuhen halten eine Eisenstange vor einer Werkbank
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, STUDIE: Geringqualifizierte in Deutschland: mehr Arbeit, aber zu welchem Preis?

Je geringer die Qualifikation, desto schlechter die Aussichten auf gute Jobs, angemessene Löhne und beruflichen Aufstieg. Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass Geringqualifizierte in Deutschland häufiger im Niedriglohnsektor arbeiten und ein niedrigeres Niveau an Grundkompetenzen haben. Die kürzlich verabschiedete Nationale Weiterbildungsstrategie ist ein wichtiger Schritt, um diese Situation zu verbessern – konkrete Maßnahmen müssen nun folgen. Zudem müssen arbeitsmarktpolitische Instrumente auch Geringqualifizierten gute Arbeit ermöglichen.

Entgegen der weit verbreiteten Annahme, dass Globalisierung und Strukturwandel die Arbeitsplätze Geringqualifizierter bedrohen, sind Geringqualifizierte in Deutschland heute vermehrt in Arbeit: Die Erwerbstätigenquote Geringqualifizierter in den alten Bundesländern hat sich zwischen 1985 und 2016 von 48 auf 63 Prozent erhöht. Dennoch liegt sie immer noch 19 Prozentpunkte unter derjenigen Mittelqualifizierter (82 Prozent). Dazu kommt: Die Hälfte der Geringqualifizierten in Deutschland arbeitet im Niedriglohnsektor. Ein deutlich höherer Wert als bei vielen unserer europäischen Nachbarn. Bei diesen sind jedoch die Grundkompetenzen Geringqualifizierter, wie Lese- und Mathematikverständnis, besser ausgeprägt. Zu diesen Ergebnissen kommt eine aktuelle Langzeituntersuchung der Bertelsmann Stiftung, für die ein WissenschaftlerInnen-Team um Prof. Dr. Werner Eichhorst vom IZA und INES Berlin die Situation Geringqualifizierter am deutschen Arbeitsmarkt zwischen 1985 und 2016 untersucht hat.

Atypische Beschäftigung und niedriger Lohn unter Geringqualifizierten weit verbreitet

Geringqualifizierte sind heute zwar vermehrt in Beschäftigung, doch macht sich Arbeit für sie häufig nicht bezahlt. Seit den 1990er Jahren ist der Anteil Geringqualifizierter, die im Niedriglohnsektor arbeiten, erheblich gestiegen: in Westdeutschland von 18 (1995) auf 31 Prozent (2016), in den neuen Ländern im selben Zeitraum von 64 auf rund 80 Prozent. Zum Vergleich: Unter den mittelqualifizierten Personen ist der Anteil der Niedriglohnempfänger jeweils nur halb so groß. Laut aktuellen Daten liegt er bei 15 Prozent in Westdeutschland und bei 40 Prozent in Ostdeutschland (2016).

Eine wesentliche Ursache für die niedrigen Löhne liegt laut der Studie in der Beschäftigungsform. Während der Anteil Geringqualifizierter in unbefristeter Vollzeitbeschäftigung zwischen 1985 und 2016 in Westdeutschland unverändert blieb (rund 30 Prozent), ist der Anteil Geringqualifizierter in atypischen Beschäftigungsverhältnissen erheblich gestiegen: Zum Beispiel hat sich der Anteil Geringqualifizierter in Befristung oder Zeitarbeit im selben Zeitraum verdreifacht (von drei auf zehn Prozent). Ebenfalls gestiegen (von 6 auf 10 Prozent) ist der Anteil von Beschäftigungsverhältnissen mit sehr geringen Arbeitszeiten von unter 20 Stunden, zum Beispiel Minijobs. Die individuellen Erwerbsverläufe Geringqualifizierter wurden zudem – über die Zeit betrachtet – instabiler und unsicherer. 

Die europäischen Nachbarn als Vorbild für Deutschland

Der Blick ins europäische Ausland lässt erkennen, dass es besser geht; insbesondere fällt der geringere Anteil im Niedriglohnsektor bei vergleichbarem Beschäftigungsniveau auf. Während insgesamt in Deutschland die Hälfte der Geringqualifizierten im Niedriglohnsektor arbeitet, gilt dies in Schweden nur für fünf, in Frankreich für 18 Prozent. Auch in Dänemark sind mit 25 und in Großbritannien mit 33 Prozent die Quoten deutlich geringer als hierzulande.

Balkendiagramm Geringqualifizierte im internationalen Vergleich
Geringqualifizierte in Deutschland. Beschäftigung, Entlohnung und Erwerbsverläufe im Wandel.

Beim Vergleich sind stets länderspezifische Besonderheiten zu berücksichtigen, dennoch zeigt die Studie, an welchen Stellschrauben auch Deutschland drehen könnte: Während in Schweden und Dänemark Geringqualifizierte weitaus häufiger als in Deutschland an Weiterbildungen teilnehmen, hat Großbritannien mit seinem hoch flexiblen Arbeitsmarkt über Jahre sukzessive den Mindestlohn angehoben. Frankreich setzt auf einen noch höheren Mindestlohn, allerdings um den Preis massiver staatlicher Lohnsubventionen.

Niedrige Löhne müssen nicht der Preis für einen hohen Beschäftigungsstand Geringqualifizierter sein. Unsere europäischen Nachbarn zeigen, wie es besser geht.
Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung

Hausaufgaben für Deutschland: Weiterbildung und bessere Beschäftigung fördern

Für Deutschland ist vor diesem Hintergrund die kürzlich beschlossene Nationale Weiterbildungsstrategie ein wichtiger Schritt. Die Strategie sieht unter anderem vor, informelle Kompetenzen besser anzuerkennen und Geringqualifizierte zu formalen Abschlüssen, auch durch Teilqualifikationen, zu führen. Dies gilt es nun mit konkreten Instrumenten und finanziellen Mitteln in die Tat umzusetzen.  

Ein wesentliches Dilemma hierbei ist, dass Weiterbildung meist an unbefristete Vollzeitstellen gekoppelt ist: Geringqualifizierte, die häufig in atypischen Beschäftigungsverhältnissen sind, fallen dabei durchs Raster. Dabei würden gerade sie von Weiterbildungen am meisten profitieren. Das ist in Deutschland besonders wichtig, denn hierzulande sind im europäischen Vergleich die Grundkompetenzen Geringqualifizierter weniger ausgeprägt. 

Mehr Gleichheit bei den Kompetenzen erlaubt mehr Gleichheit bei den Löhnen. Ein steigendes Kompetenzniveau würde es ermöglichen, den gesetzlichen Mindestlohn weiter anzuheben, um so die Einkommenssituation Geringqualifizierter zu verbessern. Dies sollte mit Augenmaß geschehen, um mögliche negative Auswirkungen auf die Beschäftigung zu vermeiden. 

Darüber hinaus sollte die deutsche Arbeitsmarktpolitik durch Reformen des Steuer- und Transfersystems Beschäftigung über die Geringfügigkeit hinaus finanziell attraktiver machen. So ließen sich laut den AutorInnen Abhängigkeiten von Sozialtransfers reduzieren und die Erwerbsverläufen insbesondere Geringqualifizierter stabilisieren.

Studie

Publikation: Geringqualifizierte in Deutschland

Diese Studie zeichnet ein detailliertes Bild der Arbeitsmarktsituation Geringqualifizierter in Deutschland seit 1985. Sie beleuchtet die Entwicklung ...

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