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, Studie: Wie weit hilft höhere Erwerbsbeteiligung Älterer gegen den Arbeitskräftemangel?

Der Rückgang der Zahl der Arbeitskräfte durch den demografischen Wandel könnte zu einem gewissen Teil kompensiert werden, wenn die Erwerbsbeteiligung älterer Arbeitnehmer in Zukunft noch höher wäre. Allerdings stößt die Beschäftigung im rentennahen Alter auf vielfache Hindernisse. Und sie benachteiligt jene Älteren mit ohnehin geringeren Erwerbsmöglichkeiten. 

Das Arbeitskräftepotenzial älterer Arbeitnehmer ist erheblich und könnte weiter aktiviert werden. Bei weitgehender Ausschöpfung ließe sich damit der bevorstehende Arbeitskräftemangel rein rechnerisch zum erheblichen Teil verringern und so auch ein Stück weit die Sozialkassen entlasten. Gleichzeitig verstärkt aber der Trend zu längerem Arbeiten die Ungleichheit zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und kann diejenigen noch weiter zurückfallen lassen, die heute bereits schlechtere Arbeitsbedingungen haben. Zu diesem Ergebnis kommen unsere Arbeitsmarktexperten  auf der Grundlage einer Analyse des Deutschen Instituts der Wirtschaft DIW.

Durch den demographischen Wandel wird danach die erwerbstätige Bevölkerung in Deutschland auf der Basis aktueller Prognosen - bis zum Jahr 2035 um 4,7 Millionen Menschen - abnehmen (Variante G1-L1-W2 der 13. Koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung: Geburtenrate 1,4 Kinder je Frau, Lebenserwartung bei Geburt 2060 für Jungen 84,4, für Mädchen 88,8 Jahre, langfristiger Wanderungssaldo 200.000). Dem zu erwartenden Mangel an Arbeitskräften und Sozialversicherungszahlern stehen im Jahr 2035 andererseits im Vergleich zu 2015 zusätzlich 3,2 Millionen Männer und Frauen im Alter von 66 bis 74 Jahren gegenüber-

Könnte man im Rahmen einer vereinfachten Modellrechnung die Menschen in der Altersgruppe der 60-69jährigen so aktivieren, dass sie mit den gleichen Beschäftigungsquoten und in gleichem Umfang tätig sind, wie die Gruppe der heute 55-59jährigen, so stünden sogar mehr Beschäftigte zur Verfügung als noch 2015. Obwohl Ältere häufiger Teilzeit arbeiten und deutlich weniger Stunden leisten, blieben bei einer Ausweitung der Arbeitszeit beim Übergang zur Rente dennoch die Arbeitskraft von 2 bis 2,5 Millionen Erwerbstätigen (in Vollzeit-Äquivalenten) erhalten.

Der Trend geht in eine solche Richtung: Wie die Analyse zeigt, sind heute immer mehr Menschen in höherem Alter vor oder nach dem Übergang zur Rente berufstätig. So hat sich seit dem Jahr 2000 die Zahl der Erwerbstätigen zwischen 55 und 64 Jahren von 4,9 auf 8,1 Millionen erhöht und die Zahl der 65-74jährigen, die auf dem Arbeitsmarkt aktiv sind, auf knapp eine Million sogar mehr als verdreifacht. Insbesondere Frauen in höherem Alter sind heute vierfach so häufig wie zur Jahrtausendwende berufstätig. Insgesamt weniger Arbeitnehmer als früher scheiden zudem durch Altersteilzeit, Frühverrentung, Erwerbsminderung oder als Arbeitslose aus dem Berufsleben aus. Das durchschnittliche Renteneintrittsalter stieg von 62 auf 64 Jahre.

Eine weitere repräsentative Befragung der Bertelsmann Stiftung hatte kürzlich zudem ermittelt, dass heute nur noch halb so viele Menschen vor dem gesetzlichen Rentenbeginn aus dem Berufsleben ausscheiden möchten als noch zur Jahrtausendwende. Gleichzeitig hat sich die Zahl derer, die sogar noch länger arbeiten wollen, mehr als verdoppelt.

"Der Trend zur längerer Beschäftigung ist aus demografischer Perspektive sicherlich zu begrüßen. Man sollte dabei das Potenzial nicht zu gering bemessen, das in einer Erhöhung der Alterserwerbstätigkeit liegt, auch wenn diese nur ein Teil einer Gesamtstrategie zur Fachkräftesicherung sein kann, die etwa auch auf Zuwanderung und bessere Qualifikation setzen muss", unterstreicht dabei Arbeitsmarktexperte Eric Thode.

Der Trend zur längeren beruflichen Tätigkeit, dies zeigen die weiteren Details der Analyse, ist in den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen dabei sehr unterschiedlich ausgeprägt. So sind es vor allem Männer und Frauen mit höherer Bildung und Qualifikation, die heute länger arbeiten. Bei geringer Qualifikation liegen die Beschäftigungsquoten mit bis zu 20 Prozentpunkten niedriger. Die Arbeitnehmer mit der größten beruflichen, zumeist körperlichen Belastung quittieren ihr Erwerbsleben ebenfalls im Schnitt fünf Jahre früher, als diejenigen mit dem geringsten Belastungsindex. Umgekehrt gehören diejenigen, die sogar über das gesetzliche Rentenalter hinaus tätig sind, tendenziell zu den höher Qualifizierten oder Selbständigen. Ältere Arbeitslose haben deutlich schlechtere Perspektiven, noch einmal eine Beschäftigung zu finden. Ebenso Behinderte oder Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen.

Die Autoren der Studie weisen zudem auf die erkennbar zunehmenden Verpflichtungen älterer Arbeitskräfte durch die häusliche Pflege von Angehörigen hin. Bereits heute sind etwa 10 Prozent der Frauen und 5 Prozent der Männer im rentennahen Alter mit der häuslichen Pflege von Angehörigen gebunden. In den kommenden Jahrzehnten wird sich die Zahl der Pflegebedürftigen, die zuhause versorgt werden müssen, auf ungefähr 4 Millionen verdoppeln. Damit steigt der Druck auf die Angehörigen und hier zumeist die Frauen, die als potenzielle Erwerbstätige dem Arbeitsmarkt nicht oder nur noch eingeschränkt zur Verfügung stehen.

Eric Thode: "Um die positiven Effekte einer längeren Erwerbstätigkeit der Älteren zu erschließen, müssten eine Reihe von Voraussetzungen und begleitenden Rahmenverbesserungen geschaffen werden. Neben einer Stärkung der häuslichen und stationären Pflege setzt sie eine hinreichende Nachfrage des Arbeitsmarktes und bessere Chancen auch für ältere Arbeitnehmer, Teilzeitkräfte und geringer qualifizierte Personen voraus." Möglichkeiten wären hier zusätzliche Qualifizierungen, eine weitere Flexibilisierung des Renteneintritts oder soziale Ausgleichmaßnahmen. "Eine gesetzliche lineare Ausweitung der Erwerbsarbeit im Alter", so Eric Thode weiter, "ohne eine Veränderung der Rahmenbedingungen oder einen Ausgleich würde dagegen die soziale Ungleichheit weiter spürbar verschärfen."

Eine zunehmende Erwerbstätigkeit im Alter  dürfte in der Praxis somit den zu erwartenden Fachkräftemangel nicht ausgleichen. Weitere Lösungsansätze im Rahmen einer Gesamtstrategie, wie etwa eine verstärkte Arbeitsmigration und bessere Qualifizierung, sind damit weiterhin unerlässlich.

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Publikation: Erwerbstätigkeit am Übergang zwischen der Erwerbs- und Ruhestandsphase

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