Landärztin
Thomas Kunsch

, Ärztedichte: Reportage: Wie viele Ärzte braucht das Land?

In Deutschland konzentrieren sich die Arztpraxen in den Städten, während es auf dem Land an Medizinern mangelt. Wissenschaftsjournalistin Christina Sartori berichtet aus dem Alltag der 62-jährigen Landärztin Christel Ordel. Ihre Reportage zeigt, dass Planung und Versorgungsrealität weit auseinander liegen.

13.05 Uhr an einem ganz normalen Donnerstag in der Gemeinde Löwenberger Land. Seit fünf Minuten ist die Praxis von Christel Ordel geöffnet. Und seit fünf Minuten herrscht hier reger Betrieb. Im Behandlungszimmer kümmert sich die 62-jährige Ärztin um den ersten Patienten. Eine Sprechstundenhilfe begrüßt eine Mutter mit ihrem Sohn.  „Wir werden hier sehr gut behandelt“, sagt Andrea Robert. „Frau Ordel ist nett und nimmt sich Zeit“. Außerdem sei dies hier der nächste Kinderarzt für sie.

30 Kilometer bis zum nächsten Kinderarzt

Bereits 30 Kilometer ist Michaela Müller mit ihrem hustenden Sohn im Auto bis zur Praxis gefahren. Das Angebot des öffentlichen Nahverkehrs ist spärlich. Wenigstens konnte sie heute ihrem jüngeren Sohn Max die Autofahrt ersparen, denn er wird im Kindergarten betreut. Wenn Max krank ist, dann besucht auch er „Tante Ordel“, wie manche Kinder die freundliche Ärztin nennen. „Aber Max ist nur hier, weil mein Ältester schon hier war“, erzählt seine Mutter, „neue Kinder werden gar nicht mehr aufgenommen, grundsätzlich, nur Geschwisterkinder halt, wegen der Überlastung.“

Schlimm findet das auch die Ärztin, deren Arbeitstag 14 Stunden hat. „Privatleben gibt es in der Woche nicht“, bedauert Christel Ordel, die gerne mehr Zeit mit ihren Enkelkindern verbringen würde. „Aber wenn ich aufhöre, ist hier keine Kinderbetreuung mehr gewährleistet.“ In der näheren Umgebung gibt es derzeit keinen niedergelassenen Kinderarzt. Bernd-Christian Schneck, Bürgermeister der Gemeinde Löwenberger Land: „Zur Zeit sind wir grundsätzlich vernünftig versorgt. Sorgen macht uns die Zukunft, weil die Kollegin, die hier in Löwenberg tätig ist, in absehbarer Zeit in Ruhestand geht.“

Wenn Christel Ordel ihre Praxis aufgibt, wird es keinen Kinderarzt mehr in der Gemeinde Löwenberger Land geben.

Er befürchtet, dass es dann keinen Nachfolger geben wird. „Nach meinem Kenntnisstand ist es abzusehen, dass diese Stelle in Löwenberg nicht mit einem Kinderarzt besetzt wird.“ Christian Wehry, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KVBB), bestätigt: „Mit der aktuellen Zahl an Ärzten ist die Region gesperrt.“ Das heißt, dass keine neuen Kinderarztsitze vergeben werden. Nach der Berechnung der KVBB gilt die Region Oberhavel als „überversorgt“: In der gesamten Region haben derzeit mehr Kinderärzte einen Kassenarztsitz, als es die aktuelle Planung vorsieht.

Versorgungsrealität versus Planung

Dipl.-med. Christel Ordel ist zwar Fachärztin für Kinderheilkunde, doch ihr Arztsitz ist für eine praktische Ärztin bestimmt. Wenn sie in Rente geht, wird in Löwenberg kein Kinderarztsitz frei. Wie kann es sein, dass trotz der berechneten Überversorgung in einigen Gemeinden die Patienten weite Wege auf sich nehmen müssen? Dafür ist die so genannte Bedarfsplanung verantwortlich: Die errechnete Zahl der Kinderarztsitze bezieht sich auf die gesamte Region. Innerhalb einer Region, von Gemeinde zu Gemeinde, kann es daher zu deutlichen Unterschieden kommen, wenn es um die Versorgung mit Kinderärzten geht.

„Die sind falsch verteilt“, ärgert sich der Bürgermeister der Gemeinde Löwenberger Land, „dass es in Löwenberg bald keine Kinderärztin mehr geben soll, halte ich für absolut nicht machbar! Wir haben zurzeit in unseren Kindereinrichtungen - sieben an der Zahl - eine Vollauslastung, d. h. wir haben wieder steigende Kinderzahlen, so dass hier der Bedarf durchaus da ist.“ Ein Hinweis auf ein weiteres Planungsmanko: Für eine Region werden aktuelle Einwohnerzahlen verwendet. Ob die Zahlen in den kommenden Jahren steigen oder sinken, wird nicht berücksichtigt.

Wie so eine Planung richtig und am besten gemacht werden kann, das ist eine Frage, an der sich schon sehr viele kluge Leute den Kopf zerbrochen haben.
Christian Wehry, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KVBB)

Arztsitze so zu verteilen, dass Patienten überall kurze Wege und Wartezeiten genießen können – das erachtet Christian Wehry von der KVBB als eine große Herausforderung. Faktencheck Gesundheit plädiert dafür, mehr Faktoren zu berücksichtigen: zum Beispiel die Sozialstruktur, die Krankheitshäufigkeit und die zukünftige Bevölkerungsentwicklung. Doch selbst wenn die Planung optimiert würde, bleibt offen, wie Nachwuchs-Ärzte für eine Tätigkeit auf dem Lande motiviert werden können.

Weitere Informationen auf Faktencheck Ärztedichte.

Publikationen

Publikation: Faktencheck Ärztedichte 2014

Diese Studie analysiert, ob die neue Bedarfsplanung zu einer gerechteren Verteilung der Haus-, Kinder-, Frauen- und Augenärzte führt.

Projekte

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