Prall gefüllte Tablettenbox
Robert Kneschke / PantherMedia.net

Zu viel Medizin?: Warum weniger oft mehr ist

Noch eine Pille, noch ein EKG und eine weitere Computertomografie – in Deutschland ist es fast selbstverständlich, dass es im Gesundheitssystem von allem immer viel gibt. Doch macht das die Bürger keineswegs gesünder. Der Faktencheck Gesundheit erläutert, warum auch in der Medizin weniger oft mehr ist.

Deutschland investiert über 300 Milliarden Euro im Jahr in das Gesundheitssystem. In vielen Fällen ist der Nutzen dieser enormen Ausgaben nicht nachgewiesen. Auch überflüssige Untersuchungen, Behandlungen und Eingriffe tragen zu den hohen Kosten bei. Ein Beispiel dafür: Untersuchungen mit Geräten sind im Gegensatz zu Gesprächen gut bezahlt. Daher lohnt es sich für den Arzt, ein teures Gerät anzuschaffen. Damit sich das Gerät rechnet, muss der Arzt aber dafür sorgen, dass es häufig zum Einsatz kommt.

Wir reden viel über Mängel in unserem Gesundheitswesen. Worüber kaum öffentlich gesprochen wird: Wir haben ein echtes Problem an Zuviel. Daraus entstehen viele Risiken für Patienten.
Dr. Stefan Etgeton, Gesundheitsexperte der Bertelsmann Stiftung

Marktwirtschaftliche Gründe sind mitverantwortlich, dass es in Deutschland ein Zuviel an Medizin gibt. Den Patienten geht es dadurch gesundheitlich nicht besser, denn hohe Ausgaben stellen keine Garantie für eine gute Gesundheitsversorgung dar. Forscher des renommierten Dartmouth Institute for Health Policy and Clinical Practice (USA) kommen zu ernüchternden Erkenntnissen, die auf die medizinische Versorgung in Deutschland übertragbar sind.

  • Wo viel Geld ausgegeben wird, ist das Angebot größer: Es gibt mehr Ärzte, mehr Krankenhäuser, mehr Ausstattung. Ärzte und Patienten nutzen das in manchen Fällen ohne medizinische Notwendigkeit.
  • Die Patienten sind durch ein größeres Angebot keineswegs automatisch besser versorgt. Bei vielen Erkrankungen ist die Todesrate sogar höher. Insgesamt sind die Patienten unzufriedener. Die Wartezeiten sind länger. Ärzte halten sich weniger an wissenschaftlich überprüfte Behandlungsabläufe.

An diesen Ergebnissen lässt sich ablesen, dass viel leider nicht immer viel hilft, aber sehr viel kostet. Sogar manche Routine-Checks sollten hinterfragt werden. Ein Beispiel aus der deutschen Praxis: Das jährliche Routine-EKG kann unklare Befunde ergeben, die weitere Untersuchungen mit größeren Risiken für den Patienten nach sich ziehen. Deshalb gilt: Routine-EKGs sind bei Patienten ohne Symptome überflüssig.

Auch bei diesen Untersuchungen, Behandlungen und Operationen wäre weniger manchmal mehr:

Wenn Arzt und Patient sich gemeinsam auf das Notwendige konzentrieren, ist das gut für die Gesundheit und spart darüber hinaus Geld. Dieses kann dort gezielt ausgegeben werden, wo es wirklich gebraucht wird.

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Faktencheck Gesundheit: Weniger ist mehr

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