Valérie Paris von der OECD
Sebastian Pfütze

, OECD-Studie: Gesundheitsversorgung im internationalen Vergleich

Bei einer gemeinsamen Tagung mit der Bertelsmann Stiftung hat die OECD ihre internationale Studie zu regionalen Versorgungsunterschieden vorgestellt. Die Studie belegt, dass regionale Unterschiede in der medizinischen Versorgung länderübergreifend auftreten. Analysiert wurden zehn medizinische Verfahren in 13 OECD-Staaten.

Besonders große regionale Unterschiede zeigen sich bei Kniegelenk-Erstimplantationen. Innerhalb der Länder, zum Beispiel in Kanada, werden in manchen Regionen 5-mal mehr Knie-OPs durchgeführt als in anderen. Deutschland zählt neben Australien, der Schweiz, Finnland und Kanada mit über 200 OPs pro 100.000 Einwohner zu den Ländern mit den höchsten Raten. Zum Vergleich: In Israel, dem Land mit der geringsten Rate, werden nur 56 OPs pro 100.000 Einwohner durchgeführt.

Arzt zeigt Patientin die Funktionsweise des Kniegelenks.
Beim Einsetzen künstlicher Kniegelenke lassen sich zwischen den Ländern Unterschiede bis zum 4-fachen beobachten.

Auch bei den betrachteten Eingriffen am Herzen, Bypass-Operationen und Koronarangioplastien, werden große Abweichungen offenbar. Die Studie legt Unterschiede bis zum 3-fachen zwischen den analysierten Ländern dar. Zudem sind die regionalen Unterschiede innerhalb der einzelnen Länder bei diesen Eingriffen oft am größten, sie sind höher als bei den anderen von der OECD betrachteten Eingriffen.

Einige dieser Schwankungen haben medizinische Gründe oder liegen an unterschiedlichen Präferenzen der Patienten. Andere sind ungerechtfertigt und lassen sich nicht erklären.
Valérie Paris, Co-Autorin der Studie

Paris erläutert, dass häufig auch der sozioökonomische Hintergrund eine Rolle spielt. So werden in Regionen, in denen der sozioökonomische Status geringer ist, häufiger künstliche Kniegelenke eingesetzt und auch häufiger Gebärmutterentfernungen vorgenommen. Anders verhält es sich hingegen bei Kaiserschnittentbindungen: Sie sind bei Frauen mit niedrigerem sozioökonomischen Status seltener.

Maßnahmen gegen unerwünschte regionale Unterschiede

Die OECD schlägt diverse Maßnahmen vor, um unerwünschte Variationen zu verringern: Die wichtigste Maßnahme ist die Entwicklung und Umsetzung von Leitlinien. Darüber hinaus können das Festlegen regionaler Behandlungsziele und eine Rückmeldung zur Zielerreichung an Ärzte und Krankenhäuser sinnvoll sein. Auch finanzielle Anreize sollten erprobt werden. Viele Länder hätten bereits reagiert, zum Beispiel mit Konzepten gegen regional zu hohe Kaiserschnittraten. In Italien werden konkrete Zielvorgaben gesetzt. In Belgien erhalten Krankenhäuser Feedback zu ihren Kaiserschnittraten im Vergleich zu anderen Häusern und Regionen. In beiden Ländern kam es durch die Maßnahmen zu einem Rückgang der Kaiserschnitte. Auch Großbritannien geht neue Wege: Bald sollen Kaiserschnitt- und natürliche Geburten gleich hoch vergütet werden.

Zudem müssen laut OECD mehr Anstrengungen unternommen werden, um den Patienten in seiner Rolle zu stärken. Zum einen geht es dabei um das systematische Erfassen und Evaluieren von Patientenerfahrungen nach erfolgtem Eingriff, wie es beispielsweise schon in Schweden und Großbritannien geschieht. Zum anderen sollten Patienten in ihrer Entscheidungsfindung gestärkt werden, und zwar durch wissenschaftlich fundierte und gleichermaßen laienverständliche Entscheidungshilfen. So kann sichergestellt werden, dass Patienten sich explizit für oder gegen einen Eingriff entscheiden.

Die Studie der OECD können Sie kostenlos abrufen, zum Download.

Zur Dokumentation der Tagung von OECD und Faktencheck Gesundheit.

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