2008 - 2008: Salzburger Trilog 2008 "Globale Visionen"

Globale Visionen - Sprechen wir eine gemeinsame Sprache?"

Globale Vision heisst für mich, eine Welt zu schaffen, die für alle Sinn macht." (J. C. Glenn, The Millennium Project)"

Wenn wir nicht zu einer gemeinsamen Sprache finden, wird die Welt im Chaos versinken." Mit dieser Einschätzung und konkreten Vorschlägen zur Förderung von globalem Bewusstsein, zur Erweiterung und Reform bestehender multilateraler Organisationen sowie verbesserter Teilhabe benachteiligter Bevölkerungsgruppen und nachwachsender Generationen an globalen Gestaltungsaufgaben fasste Dr. Wolfgang Schüssel den siebten Salzburger Trilog, ein internationales Kolloquium im Rahmen der Salzburger Festspiele, zusammen. Liz Mohn, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung, und die österreichische Außenministerin Ursula Plassnik hatten vom 14. bis 16. August dazu 34 Persönlichkeiten aus 18 Ländern und sechs Kontinenten eingeladen.

Unter dem Thema "Globale Visionen – Sprechen wir eine gemeinsame Sprache?" diskutierten Vertreter globaler Initiativen, Künstler, sowie Entscheidungsträger aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft über die Perspektiven der Weltgesellschaft angesichts drängender und einander verstärkender globaler Herausforderungen. Zu den internationalen Teilnehmern gehörten unter anderem die Handelsministerin der Vereinigten Arabischen Emirate, I.H. Sheikha Lubna Al Qasimi, die frühere kanadische Ministerpräsidentin, Kim Campbell, die Initiatorin des Weltzukunftsrates, Bianca Jagger, der Präsident des Club of Rome, Ashok Khosla, der Zukunftsforscher Jerome C. Glenn, sowie der Stifter des "Forum für Verantwortung", Dr. Klaus Wiegandt.

Ausgehend von einem Hintergrundpapier, das die Bertelsmann Stiftung zum Salzburger Trilog vorgelegt hatte, bestimmten drei Themenkreise die anderthalbtägige Diskussion des Salzburger Trilogs: Globale Herausforderungen und die sich abzeichnende Weltkrise, Werte und Visionen globalen Zusammenlebens sowie Strategien zur Lösung der drängendsten Menschheitsfragen.

Einigkeit bestand bei den Teilnehmern, dass sich die Menschheit einer Vielzahl zusammenhängender, drängender und globaler Herausforderungen gegenüber sieht, die nur noch durch globale Kooperation und langfristige Strategien bewältigt werden können. Jerome Glenn, Herausgeber des State of the Future Reports, summierte 15 globale Herausforderungen, von nachhaltiger Entwicklung und Klimawandel, über Bevölkerungsexplosion, Wasser-, Energie- und Nahrungsmittelversorgung, Armutsgefälle, drohende Epidemien bis hin zu globalen Konfliktherden. Für Ashok Khosla ist die Bevölkerungsexplosion von derzeit ca. sechs Milliarden Menschen auf voraussichtlich neun Millarden um 2050 eine der schwerwiegendsten Herausforderungen, die alle weiteren Krisenursachen verstärken wird. Bianca Jagger, Mitbegründerin des Weltzukunftsrates, sieht nur noch ein geringes Zeitfenster, in dem das Überleben der Menschheit an sich bewahrt werden kann. Für Klaus Wiegandt, Stifter des Forum für Verantwortung, ist die Welt weniger nachhaltig als je zuvor. Um das verbleibende Zeitfenster zu nutzen und den globalen Herausforderungen angemessen zu begegnen, sind unter anderem eine Verringerung des Ressourcenverbrauches, die Erfüllung internationaler Abkommen (beispielsweise Millenium Development Goals, Afrika Hilfen, Kyoto Abkommen etc.), gemeinsame Werte und effektive globale Institutionen erforderlich – Ziele, von denen die Menschheit jedoch noch weit entfernt ist.

Unterschiedliche Kontexte und Lebensbedingungen, wachsender Wettbewerb um endliche Ressourcen, Interessengegensätze und kurzfristiges Denken verhindern ein gemeinsames Verständnis als Weltgesellschaft, die sich gemeinsamen Herausforderungen gegenüber sieht, alle Menschen als gleichwertig behandelt, in ihrem Menschsein und wechselseitigen Abhängigkeiten verbunden ist und gemeinsame Lösungsstrategien verfolgt. Der Anchorman des chinesischen Staatsfernsehens, Yang Rui, wies beispielsweise auf den eigenen Entwicklungspfad hin, den China verfolgt und der in Widerspruch zu westlichen Erwartungshaltungen geraten kann. Für Peter Sutherland ist das Scheitern der Doha-Runde ein alarmierendes Zeichen für die Zerrissenheit der Welt und dafür, dass die Menschheit globale Herausforderungen kaum mehr in den Griff bekommen wird.

Konkrete Lösungsstrategien , die beim Salzburger Trilog als Antwort auf die drängendsten Fragen unserer Zeit diskutiert wurden, umfassten:

a) Information und Bildung

Angesichts der Komplexität globaler Herausforderungen wird es immer wichtiger, entscheidungsrelevante Informationen über die globalen Entwicklungen zu haben und konstruktiv mit Differenz, Heterogenität und Vielfalt umzugehen. Bedeutung gewinnen daher Maßnahmen, die das Wissensmanagement der globalen Herausforderungen verbessern (Jerome Glenn), Leadership in globalen Fragestellungen erhöhen und globales Bewusstsein bei weiten Teilen der Weltbevölkerung im Sinne von Global Citizenship Education wecken (V. Chu; D. Vogel; V. Sorger).

b) Weltweite Konsultationsprozesse

Globales Denken zu fördern, und einen weltweiten Konsultationsprozess zu den Defiziten der Globalisierung und einem neuen Sozialen Vertrag zu ermöglichen, der auch jene Stimmen berücksichtigt, die ansonsten außen vor bleiben, wurde insbesondere von Frithjof Finkbeiner, Gründer des Global Commons Projektes, der palästinensischen Politikerin Dr. Hanan Ashrawi, und Kim Cambell, Mitglied des Club of Madrid, als wesentlich erachtet. Dafür sind verschiedene Plattformen aufzubauen, die weite Teilhabe ermöglichen sowie Experten und globale Denker zusammen führen. Weltweite Verständigungsprozesse sind besonders geeignet, um Werte der Toleranz, Solidarität und globaler Verantwortung zu fördern und globale Visionen zu entwickeln, die die Zukunft der Welt als Ganzes in den Blick nehmen und den wechselseitigen Abhängigkeiten, Gefahren wie Möglichkeiten der gesamten Menschheit in der globalisierten Welt angemessen sind.

c) Vernetzung Globaler Initiativen

Weltweit existieren eine Vielzahl globaler Initiativen, die ihre Kräfte bündeln müssen, um Synergien zu ermöglichen, die bisher noch nicht genutzt werden. (F. Finkbeiner).

d) Globale Institutionen

Globale Visionen brauchen geeignete Strukturen (A. Khosla). Globale Institutionen müssen deshalb so reformiert oder neu geschaffen werden, dass die drängendsten Herausforderungen der Menschheit angemessen adressiert werden können (K. Campbell). Wo die Entscheidungsprozesse nicht den politischen Konstellationen der globalisierten Welt entsprechen (G8 or UN Security Council), müssen die Teilhabemöglichkeiten erweitert werden (P. Sutherland; W. Schüssel); Wo Themen adressiert werden müssen, für die es noch keine Institutionen gibt, sind neue Organisationen anzustreben (bspw. eine World Environment Organization oder eine International Renewable Energy Organization).