2008 - 2010: Europäisches Praxisassessment (EPA): Integrierte Versorgung

Im Rahmen des Projekts "Europäisches Praxis Assessment (EPA)" konnten verschiedene Qualitätsinstrumente und -verfahren zwischenzeitlich bis zur Einsatzreife entwickelt werden. Das mit internationalen Wissenschaftlern, 60 Praktikern und Qualitätsexperten aus den beteiligten Ländern gemeinsam erarbeitete Instrumentarium erweist sich als gut umsetzbar und erfährt eine hohe Akzeptanz bei den niedergelassenen Ärzten.

Damit steht in Deutschland ein praktikables und umfassendes Qualitätsentwicklungs- und -bewertungsverfahren zur Verfügung, das Ärzten hilft, die ab Anfang des Jahres geltenden Anforderungen des Gesundheitsmodernisierungsgesetzes zu erfüllen.

Die potenziellen Nutzer des EPA- Instrumentariums sind zunächst die ca 53.000 Hausärzte und hausärztlich tätigen Internisten. Mittelfristig ist eine Anpassung des Instrumentariums an weitere Arztgruppen, Versorger und Versorgungseinrichtungen geplant.

Prof. Joachim Szecsenyi vom Göttinger AQUA-Institut ist für die Durchführung des deutschen Projektteils von EPA verantwortlich. Inzwischen sind in Deutschland knapp 200 hausärztliche Pilotpraxen bei EPA dabei, davon haben ca. 100 das Verfahren komplett durchlaufen.

Weitere Informationen finden Sie im Word-Dokument EPA-Hintergrundpapier, das Sie herunter laden können (siehe rechte Spalte unter "Download")! Informationen finden Sie auch unter dem Link www.praxissiegel.de.

Qualitätsmanagement in der hausärztlichen Versorgung

In einem internationalen Projekt wurde das holländische Modell der Praxisvisitationen weiterentwickelt und den Bedingungen verschiedener Gesundheitssysteme angepasst. In den Teilnehmerländern Großbritannien, Frankreich, Schweiz, Niederlande, Belgien und Deutschland wurden existierende Indikatorenkataloge und Praxisvisitationsmethoden zu einem gemeinsamen europäischen Instrumentarium zusammengeführt, um nationale Besonderheiten ergänzt und in Hausarztpraxen in den sechs Teilnehmerländern getestet. Das Projekt war auf drei Jahre angelegt.

Hintergrund:
Im Vergleich zu zahlreichen Staaten des europäischen Auslands besteht im deutschen Gesundheitswesen nur eine geringe Orientierung an Qualitätsmanagement-Konzepten. Zwar hat durchaus ein Aufholprozess eingesetzt; während Qualitätsmanagement und Zertifizierung im stationären Sektor zunehmend an Bedeutung gewinnen, sind Assessment- und Zertifizierungsmodelle im ambulanten Sektor jedoch bislang nur wenig umgesetzt worden. Zertifizierte Arztpraxen finden sich allenfalls im fachärztlichen Bereich. Für den hausärztlichen Bereich wird allgemein beklagt, dass bisher keine geeigneten Modelle zur Verfügung stehen, die auf die spezifische Praxisstruktur und den hausärztlichen Arbeitsansatz ausgerichtet sind. Diese mangelnde Verfügbarkeit von Qualitätsmanagement-Instrumenten ist besonders bedauerlich, da das deutsche Gesundheitssystem zunehmend mit kritischen Fragen nach der Versorgungsqualität konfrontiert wird. Deutschland nimmt zwar bei den Ausgaben einen Spitzenplatz unter den OECD-Staaten ein, die wenigen verfügbaren und international vergleichbaren Daten deuten jedoch auf eine unterdurchschnittliche Versorgungsqualität hin.

Mit der Verleihung des Carl-Bertelsmann-Preises 2000 zum Thema »Reformen im Gesundheitswesen« machte die Bertelsmann Stiftung auf einen vielversprechenden Reformansatz in den Niederlanden aufmerksam: Hausarztpraxen werden dort anhand objektiver Indikatoren evaluiert und erhalten konkrete Verbesserungsoptionen an die Hand, deren positive Wirkung auf Qualität und Kosten der ambulanten Versorgung vielfach dokumentiert ist. Das holländische »Visitatie«-Modell überzeugt nach Meinung von Fachleuten insbesondere im Hinblick auf seine Praktikabilität und die günstige Kosten-Nutzen-Relation. Eine erste Evaluation dieses Verfahrens wies auf ein hohes Maß an Umsetzbarkeit und Akzeptanz in den Praxen hin, da es mit wenig Aufwand verbunden ist und kaum eine Störung im routinemäßigen Ablauf darstellt. Zudem konnte erstmals darauf verwiesen werden, dass ein strukturiertes Qualitätsassessment und Feedback nicht nur die Arbeitszufriedenheit der beteiligten Hausärzte erhöht, sondern sich auch günstig auf Prozess und Ergebnis der hausärztlichen Arbeit auswirkt.

Die Bertelsmann Stiftung kooperierte im Projekt »Qualitätsmanagement in der hausärztlichen Versorgung - Europäisches Praxisassessment« mit Forschungsinstituten in sechs europäischen Ländern, die in der Arbeitsgemeinschaft TOPAS (European Task Force on Practice Assessment) zusammengeschlossen sind. Die länderübergreifende Projektkoordination und Datenanalyse wird vom Centre for Quality of Care Research (WOK) der Universitäten Nijmegen und Maastricht, Niederlande, unter Leitung von Prof. Dr. R. Grol übernommen. Den nationalen deutschen Projektteil betreute das AQUA - Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen, www.aqua-institut.de, in Göttingen, (Leitung: Prof. Dr. J. Szecsenyi) in Zusammenarbeit mit den Instituten für Allgemeinmedizin an den Universitäten Heidelberg (Leitung: Prof. Dr. J. Szecsenyi) und Frankfurt (Leitung: Prof. Dr. F. M. Gerlach).

Das »Visitatie«-Modell

Das Visitationsmodell, die VIP-Methode (Visit Instrument to Assess Practice Management), ist vom holländischen WOK entwickelt worden. Anhand eines Katalogs von Indikatoren wird in einer Praxisvisitation das Management der Arztpraxis begutachtet. Dies erfolgt mit Hilfe verschiedener Instrumente: Befragungen von Patienten, Personal und Arzt, ein Selbstassessment der Praxis, der Visitation, einem Feedback-Report und einer abschließenden Teambesprechung. Im Assessment werden die Kompetenzen und Maßnahmen im Bereich der Praxisorganisation, die Zusammenarbeit mit anderen an der Versorgung teilnehmenden Professionen, die Dokumentation und die bisher realisierten Ansätze zu einer systematischen Qualitätsförderung erhoben.

Die Methode verfolgt einen edukativen Ansatz, keinen »top-down-Prozess« mit Sanktionen bei Nichterfüllung von Kriterien. Vielmehr werden mögliche Schwachstellen der Praxis deutlich gemacht und eine konstruktive Zusammenarbeit in der Erarbeitung von Wegen zur Verbesserung des Praxismanagements gesucht. Die Arztpraxis erhält nach Abschluss der Visitation konkrete Verbesserungsvorschläge, deren positive Wirkung auf die Qualität der Versorgung und die Arbeitszufriedenheit der Praxisteams vielfach dokumentiert sind. Der formative Charakter der Methode fördert die Professionalisierung der Praxen in Bezug auf ihr eigenes Management.