Aart De Geus, sitzend am Tisch

, Interview: "Wir müssen Menschen wieder stärker an der Gesellschaft beteiligen"

Drei Fragen an den Vorstandsvorsitzenden Aart De Geus zum Auftakt in das Jubiläumsjahr zum 40jährigen der Bertelsmann Stiftung

Seit 40 Jahren bemüht sich die Stiftung um Teilhabe aller Menschen, getreu ihrem Leitmotiv „Menschen bewegen. Zukunft gestalten“. Wo sehen Sie die Rolle der Stiftung im Gesamtgefüge von Politik, Bevölkerung und Zivilgesellschaft?

Wir befassen uns mit den Teilhabechancen der Menschen in sechs Feldern: Wirtschaft, Bildung, Gesundheitswesen, Kultur, Gesellschaft, Demokratie. Diese Themenfelder folgen den Vorgaben unseres Stifters Reinhard Mohn. Dazu spielen vier große Trends eine wichtige Rolle: Globalisierung, Digitalisierung, soziale Ungleichheit und demografischer Wandel. Wir versuchen in der Bertelsmann Stiftung, diese Trends zu verstehen, mit allen Auswirkungen, Wechselwirkungen und Herausforderungen.

Globalisierung und Digitalisierung haben große Auswirkungen auf die soziale Teilhabe der Menschen in der Wirtschaft, in der Bildung, im Gesundheitswesen, um nur einige Felder zu nennen. Mit Hilfe unserer etwa 350 Mitarbeiter, mit Unterstützung der Wissenschaft suchen wir nach Lösungen und guten Praxisbeispielen und tauschen uns dazu mit allen gesellschaftlichen Akteuren, wie beispielsweise Kommunen, Vereinen, und auch den Medien aus. Als unabhängige Stiftung haben wir viele Möglichkeiten, um zu forschen und zu experimentieren. Unsere Vorschläge sind aber am Ende nur sinnvoll, wenn sie auch von anderen übernommen werden. Sie in die öffentliche Debatte einzubringen gehört zur DNA unserer Stiftung.

Die Bertelsmann Stiftung möchte mit ihrer Arbeit den Menschen auch ein Stück weit Zuversicht mit auf den Weg geben. In welchen Projekten, in welchen Themenfeldern, geben Sie den Menschen in Deutschland, in Europa, in der Welt Zuversicht?

Zuversicht ist wichtig, aber genauso wichtig ist die Einsicht, dass es uns heute sehr gut geht. Die These, dass früher die Zeiten viel sicherer waren und dass es mehr Zuversicht gab, bestreite ich. Sicher gab es in den Nachkriegsjahren durch den Wiederaufbau mehr Konsens über die Grundwerte der Gesellschaft und vielleicht auch mehr Hoffnung. Aber es ist nicht so, dass es jetzt mehr rationelle Gründe für Ängste gibt als früher. Jede Zeit hat ihre eigene Unsicherheit. Aber wir wissen jetzt viel genauer und viel mehr darüber, was in der Welt vorgeht. Unsere Aufgabe ist es, Menschen wieder stärker an unserer Gesellschaft beteiligen können.

Zur DNA der Stiftung gehört auch, nicht nur auf Trends aufzuspringen, sondern langfristig Wirkung zu erzielen. Aktuell befasst sich die Stiftung mit der Flüchtlingskrise in Deutschland und Europa und arbeitet dazu auch an einer Vielzahl von Projekten?

In unseren insgesamt über 60 laufenden Projekten denken wir die Integration von Flüchtlingen in fast der Hälfte der Projekte immer mit. Dann gibt es acht Projekte, die sich sehr konkret und für die Verbesserung der Situation von Flüchtlingen engagieren. Ich nenne zwei Beispiele: Es gibt ein Projekt zum Erkennen der Kompetenzen von Flüchtlingen in Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit. Damit können Beratungsstellen, Jobcenter und Arbeitgeber feststellen, ob jemand bestimmte informelle Qualifikation hat, um zum Beispiel in einem Krankenhaus zu arbeiten oder im technischen Bereich tätig zu sein. Das zweite ist „Singen mit Flüchtlingskindern“ im Projekt "Musikalische Bildung". Musik ist eine Sprache, die jeder versteht. Wenn junge Kinder miteinander in einer Schulklasse singen und Freude an Musik erleben, dann ist das eine emotionale Komponente von Integration, die von sehr großem Wert ist.