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Bernd Jonkmanns

Neue Vereine: Coole Bewegung statt Stammtisch alter Herren

Über 580.000 Vereine gibt es in Deutschland. Doch gerade die neueren haben nichts mehr zu tun mit dröger Traditionspflege. Alina Mahnken erforscht den „Verein 2.0“ und zeigt, was der alles kann

Die Zahl wirkt beeindruckend: Deutschland zählt im Moment nicht weniger als 580.294 Vereine. Es gibt allein 91.000 Sportvereine und mehr als 20.000 Chöre. Zwischen 2001 und 2012 wurden 35.000 neue Vereine gegründet. Deutschland, ein Land der Vereinsmeier?

„Der Verein ist ein deutsches Spezifikum“, gibt Alina Mahnken von der Bertelsmann Stiftung zu. „Aber es gibt sie sehr wohl auch in anderen Ländern, dort heißen sie eben Nonprofit-Organisationen.“ Alina Mahnken ist Managerin des Projekts „Zivilgesellschaft in Zahlen – Praxis“ und hat dank der aktuellen Studie „ZiviZ-Survey“ einen Überblick über den so genannten dritten Sektor, also jenen Teil der Volkswirtschaft, der weder staatlich noch marktorientiert ist.

„Der Verein ist immer noch der größte Heimathafen für Engagement“, sagt Mahnken. 17,5 Millionen Menschen organisieren sich in diesen Drittsektor-Organisationen, also in Vereinen, Stiftungen und gemeinnützigen Aktiengesellschaften sowie GmbHs. Davon stellen die Vereine laut dem ZiviZ-Survey mit 95 Prozent den Löwenanteil. „Es gibt zwar sehr alte und alteingesessene Vereine“, sagt Mahnken, „aber anhand der Neugründungen kann man beobachten, dass diese Form immer noch sehr gefragt ist.“

Dienstleister statt Traditionsbewahrer

Vor allem konnten die Studienautoren auch eine interessante Neuausrichtung beobachten. „Ältere Vereine sehen sich stärker unter dem Gesichtspunkt der Tradition“, sagt Mahnken. „Die Neueren verstehen sich eher als Dienstleister.“ Während sich die Angebote der alteingesessenen Vereine ausschließlich an ihre Mitglieder richten, öffnen sich die neuen auch Außenstehenden. Vom „Stammtisch grauer Herren“ zur „coolen Bewegung“ bezeichnet Mahnken diese Entwicklung. Oder auch: Vereine 2.0. „Eigentlich sogar schon 3.0.“

Vereine sind längst nicht mehr Zusammenschlüsse, die lediglich Freizeitunterhaltung organisieren. Viele wollen etwas bewegen. So mobilisieren Studenten ihre Kollegen an der Uni für Knochenmarkspenden. Andere gestalten Aufklärungskampagnen gegen Tabakkonsum. Der Verein „Aktive Senioren für Rosenheimer Jugendliche“ unterstützt junge Menschen beim Finden eines Ausbildungsplatzes und bringt sie mit Pensionisten zusammen, die auf diese Weise ihr Wissen und ihre Lebenserfahrung an die Jungen weitergeben können.

Die Berliner Tafel hat das KIMBAmobil geschaffen, in dem Kinder alles über gesundes Essen lernen, gemeinsam kochen und essen, ohne als sozial schwach stigmatisiert zu werden. Denn im Vordergrund steht die Gesundheit.

Der Verein ist der größte Heimathafen für Engagement
Alina Mahnken, Bertelsmann Stiftung

Den größten Anteil unter den Neugründungen in den vergangenen Jahren halten die Bereiche „Bildung und Erziehung“ mit 40 Prozent sowie „Kultur und Medien“ mit 25 Prozent. Dazu zählen Lesepatenschaften in Grundschulen, die Kinder – oft aus sozial benachteiligten Familien – mit Menschen zusammenbringen, die mit ihnen lesen und lernen wollen.

65% der Vereine erhalten keine öffentlichen Gelder

Meistens sind dies Senioren, und nicht immer sind es ausschließlich die Kinder, die von dieser Partnerschaft profitieren. „Das Kind eröffnet dem Erwachsenen neue Perspektiven“, sagt Alina Mahnken.

81 Prozent der Organisationen arbeiten ausschließlich mit freiwillig Engagierten, insgesamt sind das 17,5 Millionen Menschen, die hier ehrenamtlich tätig sind. Über die Hälfte der Vereine stehen jährlich weniger als 10.000 Euro zur Verfügung, 65 Prozent bekommen keine öffentlichen Mittel und müssen sich aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden oder Sachspenden finanzieren. „Es gibt sehr viele, die sich mit geringen Mitteln erhalten“, sagt Mahnken, “und dafür viel zu wenig Wertschätzung erfahren.”

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