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Michael Bergmann

Jakob Muth-Preis: Die All-Inclusive-Schulen

Mit dem Jakob Muth-Preis werden beispielhafte Schulprojekte ausgezeichnet, die es sich zum Ziel gesetzt haben, jedem ihrer Schüler die optimale Förderung zu bieten. Was macht sie besonders?

„Ich finde es schade, dass wir in den Sommerferien gehen müssen.“ Marlon, 10, sitzt neben seinen Schulkollegen Julia, 9, und Mert, ebenfalls zehn Jahre alt. Julia schwärmt von der gemeinsamen Atelierarbeit, Mert vom Präsentieren seiner Arbeiten, und Marlon findet überhaupt „die Schule, das Ganztagsprogramm und alles Drum und Dran“ toll.

Die drei besuchen die Brüder-Grimm-Grundschule in Ingelheim, eines von vier Schulprojekten, die 2014 mit dem „Jakob Muth-Preis für inklusive Schule“ ausgezeichnet wurden. 

Dieser Preis wird seit 2009 gemeinsam von der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, der Deutschen UNESCO-Kommission e.V. und der Bertelsmann Stiftung vergeben. Sein Namensgeber, Jakob Muth, war ein engagierter Pädagoge, der sich für die gemeinsame Erziehung von behinderten und nichtbehinderten Kindern einsetzte. 

Eine Schule für alle

Mittlerweile richtet sich die Auszeichnung jedoch an Schulen, die den Begriff der Gemeinsamkeit viel weiter fassen. Eine „inklusive Schule“ ist eine für alle Kinder, egal, aus welchen sozialen Schichten sie kommen, welche Förderbedarfe sie haben, ob sie hochbegabt sind oder welcher Religion sie angehören. 

„Es geht um Schulen, denen es besonders gut gelingt, alle Kinder zu fördern“, erklärt Ina Döttinger, Projektmanagerin   bei der Bertelsmann Stiftung, die den Jakob Muth-Preis leitet. „Da gehören Kinder mit Förderbedarf dann eben ganz selbstverständlich mit dazu, als Individuen mit jeweils eigenen Bedürfnissen.“

Wie selbstverständlich die Kinder selbst damit umgehen, sieht man an Marlon, Julia und Mert. Julia hilft Mert, der etwas Schwierigkeiten mit dem Sprechen hat, und Mert macht es ihr prompt nach und gibt, sobald er fertig ist, Marlon seinen Einsatz.

Das Klassenziel: Yasmina soll lesen lernen!

Ein Vorurteil gegen inklusive Schulen lautet, dass die langsameren Schüler die ganze Klasse bremsen. Wenn man sich den Stolz in den Gesichtern von Lucy und Carolin, beide 14 Jahre alt, ansieht, ist dieses Vorurteil schnell revidiert. Die beiden lernen mit der 13-jährigen Yasmina Lesen. Yasmina hat das Down-Syndrom. Doch statt in eine Förderschule mit Schwerpunkt geistige Entwicklung geht sie auf die Erich-Kästner-Schule in Hamburg, einem weiteren Jakob Muth-Preisträger. 

Das gemeinsame Ziel der gesamten Klasse ist es, dass Yasmina bis zum Ende der 10. Schulstufe Lesen gelernt hat. „Heute hat’s gut geklappt“, sagt Carolin, und Yasmina sitzt freudestrahlend daneben. In einer Förderschule wäre sie eine von vielen mit denselben Problemen. „Yasmina würde nicht die Anregung erhalten, lesen zu lernen“, sagt Eva Segelken, eine der Sonderpädagoginnen an der Erich-Kästner-Schule. „Das ist Lernen am Modell, im allerbesten Sinne.“ 

Es ist normal, verschieden zu sein

Über 40 Prozent der Schüler erreichen hier den Übergang in die gymnasiale Oberstufe – obwohl nur 7% in der 5. Klasse eine Gymnasialempfehlung haben. Und drei von vier Kindern mit dem Förderschwerpunkt Lernen erreichen den Hauptschulabschluss – vier Mal mehr als an Hamburger Förderschulen.

Im vergangenen Jahr bewarben sich über 100 Schulprojekte für den Jakob Muth-Preis, rund ein Drittel davon im Rahmen von Schulverbünden  wie dem Verbund Südlicher Bereich des Kreises Schleswig-Flensburg. Dort hat das Förderzentrum Schleswig-Kropp 2006 beschlossen, keine eigenen Schüler mehr aufzunehmen. Dadurch waren alle Schulen in seinem Einzugsgebiet gezwungen, Schüler mit Förderbedarf aufzunehmen. Viele Kinder sparen sich seither den langen Schulweg zum Förderzentrum. „Jetzt kommt die Bildung zu den Kindern“, sagt die Sonderpädagogin Wencke Schröder. „Das hat was mit Heimat zu tun.“ 

Das neue gemeinsame Motto lautet: „Es ist normal, verschieden zu sein.“ 

„Einige Schüler kommen zu Lernergebnissen, die ich so von ihnen nicht erwartet hätte“
Carola Brammer, Sonderpädagogin

„Ich beobachte, dass einige Schüler, dadurch, dass sie bei anderen etwas sehen oder dadurch, dass die anderen ihnen helfen, zu Lernergebnissen kommen, die ich so im ersten Augenblick von ihnen nicht erwartet hätte“, sagt die Sonderpädagogin Carola Brammer. 

Man will sich kaum vorstellen, wie langweilig der Tag für den zehnjährigen Finn wäre, ginge er nicht auf die Grundschule Wolperath-Schönau, die ebenfalls mit dem Jakob Muth-Preis ausgezeichnet wurde. Finn sitzt im Rollstuhl, den er nicht selbst bewegen kann. Das Sprechen fällt ihm schwer. Kinder wie ihn hätte man früher kaum gefördert, geschweige denn gefordert. Doch auch Finn macht bei den Sportpausen an seiner Schule mit und wechselt vom Rollstuhl in die Schaukel. Und genießt es. Wieso? „Weil es Spaß macht, mit den anderen Kindern zu sein“, sagt er. „Wissen Sie auch warum? Weil ich gerne Ball spiele.“

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