Blick auf den Champs Elysees in Paris. Im Hintergrund der Triumphbogen. Davor die Straße, befahren von Autos, LKWs und Mopeds.
Neil Howard / Flickr - CC BY-NC 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

, Umfrage: Vor der Präsidentschaftswahl: Franzosen politisch polarisierter und pessimistischer als andere Europäer

Egal, ob Emmanuel Macron oder Marine Le Pen am Sonntag die Stichwahl gewinnen: Erstmals seit Jahrzehnten stellen weder Sozialdemokraten noch Konservative den französischen Präsidenten. Mit Macron und Le Pen treffen politische Mitte und rechter Rand aufeinander. Und das ist kein Zufall: Die Franzosen sind stärker politisch polarisiert und blicken pessimistischer in die Zukunft als andere Europäer.

Der eine trug als Wirtschaftsminister schon politische Verantwortung und steht für ein klares "Ja" zur EU. Die andere führt eine Partei an, die seit Jahrzehnten die liberale Demokratie bekämpft, und fordert den EU-Austritt Frankreichs. Wenn die Franzosen am Sonntag in einer Stichwahl ihren nächsten Präsidenten wählen, könnte das Angebot unterschiedlicher nicht sein. Emmanuel Macron oder Marine Le Pen – sozial-liberale Mitte oder extreme Rechte.

Unsere repräsentative, europaweite Umfrage aus der Reihe "eupinions" zeigt: Macron gegen Le Pen ist das Resultat einer längeren Entwicklung. Die politischen Gräben verlaufen in Frankreich mittlerweile tiefer als im Rest Europas. Die Gruppe der Franzosen, die sich zur politischen Mitte zählen, ist deutlich kleiner als in anderen EU-Staaten. Auch verorten sich im Vergleich wesentlich mehr Franzosen am linken oder rechten politischen Rand. Und insgesamt blickt die Wählerschaft in unserem Nachbarland deutlich pessimistischer in Zukunft als in anderen europäischen Staaten.

20 Prozent der Franzosen bezeichnen sich offen als "rechts-" oder "linksextrem"

In der EU sehen sich 62 Prozent der Menschen in der politischen Mitte, bezeichnen sich also als "Mitte-links" oder "Mitte-rechts" und stehen beispielsweise sozialdemokratischen, liberalen oder konservativen Parteien nahe. In Frankreich sind das nur 36 Prozent. Und während sich in der EU lediglich 7 Prozent als politisch "extrem" einstufen (4 Prozent rechtsextrem, 3 linksextrem), sind es in Frankreich 20 Prozent (14 Prozent rechtsextrem, 6 linksextrem).

Als "links" oder "rechts", also beispielsweise wiederum als Anhänger sozialdemokratischer, liberaler oder konservativer Parteien, sehen sich EU-weit 31 Prozent (17 Prozent links, 14 rechts) und in Frankreich 44 Prozent (25 Prozent links, 19 rechts).

Die Spaltung in unversöhnliche Lager könne Politik und Gesellschaft lähmen, kommentiert unser Vorstandsvorsitzender Aart De Geus die Umfragewerte für Frankreich. In einer Demokratie zähle das Miteinander, nicht das Gegeneinander. Das funktioniere aber nur unter Beachtung fundamentaler Werte wie Rechtsstaatlichkeit, Toleranz und Meinungsfreiheit. Daran sollten sich alle Parteien orientieren – egal ob links oder rechts, so De Geus.

"Es kommt nicht darauf an, wer sich am lautesten beschwert, sondern wer die besten Lösungen anbietet und diese im Konsens umsetzt."
Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung

Bonjour Tristesse: Franzosen blicken pessimistischer in die Zukunft als andere Europäer

Geht es darum, wie zufrieden die Menschen mit ihrer persönlichen Situation, ihrer Zukunftsperspektive und der Politik ihres Landes sind, zeigt sich im Vergleich von Frankreich mit anderen EU-Staaten zunächst ein ähnliches Bild: Je näher sich die Befragten am rechten oder linken politischen Rand verorten, desto pessimistischer sind sie. Doch blickt man auf alle politischen Lager, sind die Franzosen insgesamt unzufriedener als andere Europäer.

So finden es beispielsweise EU-weit 62 Prozent der Menschen, die sich zur politischen Mitte zählen, gut, wie sich ihr Land aktuell entwickelt (Mitte-links 32, Mitte-rechts 30 Prozent). In Frankreich sind es nur 28 Prozent (Mitte-links 18 Prozent, Mitte-rechts 10). Und während eine klare Mehrheit der Europäer, die sich als "links" oder "rechts" bezeichnen, mit ihrer persönlichen wirtschaftlichen Situation zufrieden ist (insgesamt 84 Prozent, verteilt auf 43 Prozent links, 41 rechts), sind es in Frankreich nur 66 Prozent (36 Prozent links, 30 Prozent rechts).

Die unzufriedenste Gruppe bilden die Anhänger der französischen Rechtsextremen. Hier bewerten 70 Prozent ihre persönliche wirtschaftliche Lage als negativ und nur 4 Prozent sind zufrieden mit der derzeitigen Situation Frankreichs. Es liegt nahe, dass beide Werte unmittelbar miteinander zusammenhängen.

Mehrheit der Franzosen hält EU-Mitgliedschaft und Euro für eine gute Sache

Zwar blicken die Franzosen pessimistischer in die Zukunft als andere Europäer. Einen unmittelbaren Zusammenhang zur Europäischen Union und zur europäischen Gemeinschaftswährung stellen viele dabei aber offenbar nicht her. So sieht eine Mehrheit unserer Nachbarn die EU-Mitgliedschaft ihres Landes und den Euro als Währung positiv. Ob Links, Mitte-Links, Mitte-Rechts oder Rechts: In diesen politischen Lagern stehen zwischen 65 bis 81 Prozent hinter EU und Euro. Einzig die Rechtsextremen lehnen beides klar ab.

Laut Isabell Hoffmann, Mitautorin der Studie und Europa-Expertin der Bertelsmann Stiftung, sind diese Zahlen mit Blick auf den aktuellen Wahlkampf bemerkenswert: "Europakritische Positionen im Wahlkampf einzunehmen ist risikoreich. Das sieht man auch in diesem Wahlkampf. Zunächst verschafft es einem viel Aufmerksamkeit, aber ist man zu radikal, verschreckt man mehr Wähler, als man gewinnt. Das hat sich bei vergangenen Wahlen bereits in Österreich und in den Niederlanden gezeigt." Viele Menschen seien unzufrieden mit der europäischen Tagespolitik. Es sei aber ein Fehler anzunehmen, dass sie mehrheitlich aus der EU austreten wollten, unterstreicht Hoffmann.

Die komplette Umfrage finden Sie hier.

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