Porträtfoto von Liz Mohn, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung
Jan Voth

, Kommentar: Von der Welt lernen

Die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung, Liz Mohn, sieht in den aufstrebenden Staaten Asiens neue Partner, Inspiration und Herausforderungen.

Wir leben in einem globalen Zeitalter. Die Hälfte der Menschheit lebt in Asien.

Die rapide Entwicklung dort – vor allem in China und Indien – wird das 21. Jahrhundert in großem Maße prägen. Darauf muss sich auch Deutschland einstellen. Um die Chancen zu nutzen, die mit dieser Veränderung einhergehen, sollten wir die aufstrebenden asiatischen Staaten gleichermaßen als Partner, Inspiration und Herausforderung begreifen.

Die Länder Asiens sind wichtige Partner, weil sich die Probleme der Welt nur gemeinschaftlich lösen lassen. Globale Krisen, technische Veränderungen oder die digitale Vernetzung betreffen heute alle Gesellschaften gleichermaßen. Und überall beobachten die Menschen mit Sorge, was um sie herum passiert, und haben Angst vor dem, was die Zukunft bringt. Dabei gibt es keine einfachen Lösungen. Es bedarf gemeinsamer Anstrengungen, um die Welt gerechter und friedlicher und damit sozial stabiler und nachhaltiger zu machen.

Eine Grundüberzeugung meines Mannes Reinhard Mohn war: "Wir müssen von der Welt lernen, denn von der Welt zu lernen, ist schnelleres Lernen." Mit Blick auf Asien ist diese Erkenntnis heute aktueller denn je. Wo kann Asien für Europa auch Vorbild sein? Wo bietet Asien auch für andere Länder Inspiration? Wo können auch wir von Asien lernen? Die Gesellschaften in China oder Indien haben sich in den vergangenen Jahrzehnten viel schneller verändert als die westlichen. Wer diese Transformation nicht mit eigenen Augen gesehen hat, kann sich kaum eine Vorstellung machen, wie viel sich auch zum Besseren entwickeln kann, wenn Menschen die Gelegenheit bekommen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und an der modernen Welt teilzuhaben.

Gerade wegen ihrer Transformationsfähigkeit sind die asiatischen Staaten für Deutschland aber auch eine Herausforderung. Die deutsche Wirtschaft bekommt neue Wettbewerber, das globale Machtgefüge verschiebt sich. Bisher hat Deutschland vom Aufstieg Asiens profitiert, aber die Erfolge der Vergangenheit sind keine Garantie für die Zukunft. Der vergleichsweise hohe Wohlstand und die gesellschaftliche Stabilität, die Deutschland heute genießt, sind keine Selbstverständlichkeit, sondern müssen von jeder Generation aufs Neue erarbeitet werden. Um das zu schaffen, müssen wir künftig noch mehr nach Asien blicken.

Es gibt viele gute Beispiele, wie es gelingen kann, Asien als Partner einzubinden. Deutschland und Asien sind immer enger mit- einander verflochten. Die Zahl der Asiaten, die in Deutschland studieren und später auch arbeiten, nimmt beständig zu – und ebenso die Zahl der Deutschen, die in Asien leben. Erfolgreiche globale Unternehmen sind heute längst nicht mehr nur in ihrem Heimatland zuhause, sondern überall dort, wo ihre Mitarbeiter, Kunden und Partner sind. Handel und Investitionen in beide Richtungen steigen. Doch hinter allen wirtschaftlichen Bilanzen steht immer die Zusammenarbeit von Menschen, die nur auf der Basis von Respekt, Vertrauen und Wertschätzung gelingen kann. Darin liegt die größte Kraft für eine Veränderung zum Besseren: Denn nichts bringt die Welt näher zusammen als vertrauensvolle Zusammenarbeit und gemeinsamer Erfolg!

Weitere Texte zum Thema Deutschland und Asien finden Sie in change 3/2016

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