Man sieht durch eine Scheibe auf eine Stadt, die im Dunklen liegt. An diese scheibe pressen sich zwei Hände.
Nick Harris / Flickr - CC BY-ND 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/

Die Auseinandersetzung über Einwanderung und Flüchtlinge findet in Deutschland nicht nur in der Bundespolitik, im Fernsehen oder in den großen Zeitungen und Magazinen statt, nein, in der ganzen Bevölkerung geht es heiß her. Immer mit von der Partie sind Populisten, die sich die Verunsicherung der Menschen zu Nutze machen, um eine Stimmung der Aus- und Abgrenzung zu erzeugen; denen es gelingt, Unsicherheit in Angst zu verwandeln und die so dazu beigetragen haben, dass der politische Diskurs in den letzten Monaten brutaler geworden ist.

"Wir dürfen die Debatte über Einwanderung und Flucht nicht den Populisten überlassen."

Kai Unzicker, Senior Project Manager Bertelsmann Stiftung

Eine Million Flüchtlinge sind allein in 2015 nach Deutschland gekommen. Sie müssen untergebracht werden, die Sprache erlernen und im besten Fall auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen. Die hoffnungsvolle Botschaft lautet: viele hunderttausend Deutsche haben sich aufgemacht, den Flüchtlingen zu helfen, und bewiesen, wie großherzig und leistungsfähig unsere Gesellschaft ist. Die traurige Botschaft ist: dem steht eine Welle der Gewalt mit über 1.000 Angriffen auf Flüchtlingsunterkünfte gegenüber. In unserem neuen Buch "Vielfalt statt Abgrenzung. Wohin steuert Deutschland in der Auseinandersetzung um Einwanderung und Flucht" stellen wir die Frage: Was bedeutet diese Debatte für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland?

Wir drohen in der Auseinandersetzung über Einwanderung und Flüchtlinge zu verlernen, miteinander zu streiten. Konflikte gehören zu einer pluralistischen Demokratie, sie dürfen nur nicht in Ausgrenzung und Diffamierungen enden. Eine demokratische Gesellschaft ist darauf angewiesen, dass um die besten Argumente gerungen wird. Populisten wollen jedoch nicht diskutieren, sie wollen keine inhaltliche Auseinandersetzung, sie neigen dazu, sich selbst als alleinigen Vertreter von Volkes Willen zu betrachten. Ihre Gegenüber sehen sie meist nur als Verräter oder Stümper. Deshalb ist es an uns allen, für eine offene Gesellschaft zu streiten, in der politische Auseinandersetzung auf Augenhöhe möglich ist. Überlassen wir den Populisten das Feld, so ist dies das Ende des freien Meinungsstreits. Es gibt aber Hoffnung: Die vitale Zivilgesellschaft, die sich in der Flüchtlingshilfe bewährt hat, könnte der Ort sein, an dem die Demokratie neue Kraft und Stärke gewinnen kann.

Darüber schreiben die Autoren

Der Sammelband "Vielfalt statt Abgrenzung. Wohin steuert Deutschland in der Auseinandersetzung um Einwanderung und Flüchtlinge?" richtet den Blick auf unterschiedliche Facetten: Der Journalist Patrick Gensing beschreibt die "neue Volksfront von rechts", der Politikwissenschaftler Hans Vorländer untersucht die Bruchstellen der repräsentativen Demokratie und der Soziologe Denis van de Wetering erforscht die Ursachen des Rechtspopulismus. Vom Selbstbild Deutschlands als vielfältige Gesellschaft handeln die Beiträge von Astrid Messerschmidt, Sabine Achour und Orkan Kösemen. Der Journalist und Medienwissenschaftler Michael Haller betrachtet die Rolle der Medien (Stichwort: "Lügenpresse") in dieser Debatte im Allgemeinen, während Yasemin El-Menouar sich mit dem Etikett "Islam" befasst, das die Medien mitgestaltet haben.

Das Buch und unsere Extras

Der Band liefert keine abschließenden Antworten, sondern soll zum Nachdenken und Diskutieren anregen. Falls Sie nun Lust aufs Lesen bekommen haben, bieten wir exklusiv einen Auszug aus dem Essay von Hans Vorländer als Leseprobe an. Wer zunächst lieber zuhören möchte, kann auch erstmal einem unserer Autoren lauschen.

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