Der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer steht umringt von Bäumen und Grünpflanzen und blickt in die Ferne.
Sebastian Pfütze

, Interview: Bauchentscheidungen

Das Vertrauen in unser Gesundheitssystem ist in Gefahr. Schuld daran, so der Psychologieprofessor Gerd Gigerenzer, seien mangelnde Bildung von Ärzten und Patienten, finanzielle Interessenkonflikte der Ärzte und eine viel zu defensive Medizin.

Was hat Bauchgefühl mit einer richtigen Diagnose zu tun? Und was bedeutet Risikokompetenz für einen guten Arzt? Der Psychologe Prof. Dr. Gerd Gigerenzer blickt etwas anders auf Ärzte und Patienten.

change: Herr Professor Gigerenzer, was fällt Ihnen spontan zum Wort Gesundheitsreform ein?

Prof. Dr. Gigerenzer: Vor allem, dass von dem, was mir dazu einfällt, kaum etwas in den Reformplänen der Bundesregierung vorkommt.

Zum Beispiel?

Unser Gesundheitssystem hat drei große Probleme. Erstens mangelnde Bildung, sowohl bei Ärzten als auch bei Patienten. Zweitens finanzielle Interessenkonflikte der Ärzte etwa durch das Einzelleistungssystem. Und drittens die defensive Medizin.

Dann fangen wir mal bei den Ärzten an. Denen mangelt es, trotz eines erfolgreichen Studiums, an Bildung?

Unsere Studien zeigen, dass 70 Prozent aller in Deutschland und den USA befragten Ärzte die Evidenz, also die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung im eigenen Fach, nicht verstehen. Eine Gesundheitsreform, die diesen Namen verdient, müsste dafür sorgen, den Medizinstudenten statistisches Denken und auch eine bessere Risikokommunikation mit Patienten beizubringen.

Aber was hat Medizin mit Statistik zu tun?

Viel. Nehmen Sie den Down-Syndrom-Test. Eine Studie zeigte, dass die Mehrzahl der Ärzte die wahre Bedeutung eines positiven, also eines verdächtigen Ergebnisses nicht versteht.

Das ist ein schwerer Vorwurf.

Wird eine 35-jährige Frau bei der Ersttrimester-Untersuchung positiv auf Down-Syndrom getestet, dann liegt das tatsächliche Risiko bei 1 von 20. Mit anderen Worten: Der Test meldet 19-mal falschen Alarm. Diese Frau trägt vermutlich ein gesundes Kind aus. Es ist doch ein Unterschied, ob ich fürchte, dass mein Kind wahrscheinlich das Down-Syndrom hat, oder ob ich verstanden habe, dass ich nicht in Panik geraten muss.

Statistische Wahrscheinlichkeiten als Angsttherapie?

Jeder Arzt sollte solche Fakten nicht nur kennen und verstehen, sondern sie auch erklären können. Und statistisches Verständnis wird immer wichtiger. Denn inzwischen wird ja auf immer mehr und immer seltenere genetische Krankheiten getestet, wo dann die Relation von falschen Alarmen zu wirklichen Erkrankungen noch viel größer ist. Das sollte jeder Arzt im Studium lernen. Denn wenn man diese Zusammenhänge nicht versteht, dann wird es möglicherweise nicht nur unnötige Ängste, sondern auch unnötige Abtreibungen geben.

Dennoch: Eine gute Behandlung braucht auch den Erfahrungsschatz des Arztes. Das, was Sie Bauchentscheidung nennen.

Richtig. Eine Bauchentscheidung trifft man, wenn man auf Grund seiner Erfahrung spürt, wohin es geht, das Warum aber nicht erklären kann. Viele erfahrene Ärzte haben schon beim Eintreten des Patienten eine solche Intuition.

Wieso sollten die Patienten verstehen können, was ihnen der Arzt da vorrechnet?

Der durchschnittliche Deutsche sitzt jeden Tag etwa drei Stunden vor dem Fernseher. Warum könnte man diese Zeit nicht nutzen, um ein paar Bücher über wichtigere Dinge zu lesen? Natürlich könnte man sich vor dem Arztbesuch besser informieren. Nur wüssten viele wahrscheinlich nicht, wo. Informationen im Internet sind oft trügerisch, weil sie von Interessenkonflikten geleitet sind.

Wie gelange ich an gute Informationen? Viele Ärzte beklagen ja das im Internet angelesene Halbwissen ihrer Patienten.

Sie könnten zum Beispiel die Website "Faktencheck Gesundheit" der Bertelsmann Stiftung den aufrufen. Da finden Sie sogenannte Faktenboxen, die wir am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung gemeinsam mit der Stiftung entwickelt haben. Wenn es zum Beispiel um eine Knieoperation oder Antibiotika geht, erhalten Sie dort in verständlicher Form die nötigen Informationen über Nutzen und Risiken. Sie können sich auch auf der Website des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, kurz IQWIG, oder bei den ebenfalls von uns entwickelten Faktenboxen auf der Website der AOK informieren.

Was kann ich da erfahren?

Faktenboxen geben Ihnen in klar verständlichen Zahlen den möglichen Nutzen und den möglichen Schaden eines Medikaments an. Mit solch verlässlichen Quellen können Sie zum informierten und damit Risiko-kompetenten Patienten werden.

Und warum sollte ich das wollen?

Risiko-Kompetenz ist die Fähigkeit und der Mut, mit den Risiken und den Chancen einer modernen Gesellschaft umzugehen. Diese brauchen Sie auch, um einen guten Arzt zu erkennen.

Und was bringt mehr Bildung?

Mehr Bildung bedeutet bessere Gesundheit. Bessere Gesundheit führt zu besserer Versorgung für weniger Geld, weil viele unnötige Behandlungen wegfallen können – und man auch weiß, was notwendig ist, wie eine Masern-Impfung. Gleichzeitig muss der Arzt vor Interessenkonflikten bewahrt werden. Nur ein Beispiel: In Deutschland bekommt ein Arzt für jedes Patientengespräch etwa neun Euro. Für jeden Test und jede Behandlung wird er viel besser bezahlt. Eine Gesundheitsreform sollte diese Probleme anpacken.

Haben Interessenkonflikte immer was mit Geld zu tun?

Meistens ja. In manchen Ländern erhalten Chirurgen einen Bonus für die Anzahl der von ihnen durchgeführten Operationen. Oder wenn man zum Facharzt aufsteigen möchte, muss man oft eine bestimmte Zahl von Operationen nachweisen. All dies kann zu unnötigen Operationen führen.

Und Ihr Stichwort Defensiv-Medizin?

Defensive Medizin bedeutet, dass ein Arzt sich vor möglichen rechtlichen Klagen seiner Patienten schützt, indem er ihnen zu klinisch unnötigen Tests und Behandlungen rät. Dagegen hilft eine bessere gesetzliche Praxis, die sich an der medizinisch-wissenschaftlichen Evidenz statt an dem ausrichtet, was man üblicherweise macht.

Was genau meinen Sie?

Der für Gerichte gültige Standard darf nicht sein, was die meisten Ärzte machen, wie es in manchen Ländern immer noch ist, sondern das, was die medizinische Forschung zeigt. Warum macht man denn sonst Forschung? In einer US-Studie haben 93 Prozent von über 800 amerikanischen Ärzten zugegeben, dass sie defensive Medizin betreiben. Etwa unnötige CT-Scans, MRTs oder Antibiotika. In Deutschland ist das wohl nicht so hoch. Aber bei einer Untersuchung in der Schweiz haben wir immerhin noch 40 Prozent ermittelt.

Und dagegen unternimmt die Politik nichts?

Viel zu wenig. Und viele Menschen wissen auch nichts über defensive Medizin, genauso wie viele nicht einmal den Unterschied zwischen Vorsorge und Früherkennung kennen. Ein Bildungsproblem, aber auch ein Problem der ehrlichen Information. 

Ist das ein deutsches Phänomen?

Aus unserer vergleichenden Untersuchung in neun europäischen Ländern wissen wir: Die deutschen Frauen sind viel schlechter über den Nutzen der Früherkennung von Brustkrebs informiert als die Russinnen. Nicht, weil Letztere mehr Informationen, sondern weil sie weniger irreführende Informationen bekommen. Für die deutschen Männer gilt das Gleiche. Da gibt es keine geschlechtsspezifischen Unterschiede. Und deswegen brauchen wir in der Gesundheitspolitik kein Nudging, wie das im modernen Polit-Sprech heißt, also das sanfte Animieren von Zielgruppen zu einem gewünschten Verhalten. Wir bräuchten besser informierte Frauen und Männer. Aber davon sind wir weit weg. Dass Bildung in der Gesundheit immer noch kaum ein Thema ist, halte ich für einen Skandal.

Ist das Interesse vielleicht deswegen so gering, weil mit den von Ihnen aufgezeigten Missständen viel Geld zu verdienen ist?

Dahinter stecken natürlich auch Interessenkonflikte und die defensive Medizin. Aber Sie sollten auch die mangelnde Risiko-Kompetenz der Ärzte nicht unterschätzen. Milliarden werden in die Forschung gesteckt. Aber dafür, dass die Ergebnisse dann in verständlicher Form zu den Ärzten und Patienten gelangen – dafür gibt es so gut wie nichts. Das ist ein Irrsinn, den eine Gesundheitsreform angehen sollte. Denn sonst laufen wir Gefahr, dass es mit dem Gesundheitswesen so endet wie mit dem Bankenwesen.

Wie meinen Sie das?

Mit der Krise haben die Banker das Vertrauen vieler Bürger verloren. Und wir laufen Gefahr, dass es dem Gesundheitswesen in fünf bis zehn Jahren genauso geht. Wir sind eine Nation, deren Chancen nicht in Rohstoffen, sondern in der Bildung liegen. Und wenn wir Bildung vernachlässigen, dann werden uns die anderen überholen. Wir sind jetzt schon hinten an. Aber mit Pessimismus kommen wir nicht weiter. Wir leben eh in einer Klagekultur. Deutschland braucht den Mut, eine Risiko-kompetente Gesellschaft zu werden. Und das werden wir, nein, das müssen wir hinkriegen.

Weitere Texte zum Thema Gesundheit finden Sie in change 3/2015

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