Zwei Frauen stehen auf einer Treppe. Von unten kommt ihnen auf der Treppe eine dritte Frau entgegen. Treppengeländer, Fassaden- und Dachfenster sind verglast.
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Pressemeldung, , : Deutscher Arbeitsmarkt robust und flexibel

Über Arbeitsmarktreformen können Regierungen stürzen. In kaum einem anderen Politikfeld wird über Gesetzesänderungen so kontrovers debattiert. Aktuell zeigt sich das in Frankreich. Auch andere EU-Länder stehen vor heiklen Aufgaben, will Europa bis 2020 das Ziel von 75 Prozent Beschäftigungsquote erreichen.

Gütersloh, 14. April 2016. Lange galt er als starr und unflexibel, doch inzwischen gehört der deutsche Arbeitsmarkt zu den dynamischsten in Europa. Auch deshalb ist er ohne große Beschäftigungsverluste durch die Wirtschaftskrise gekommen und scheint für künftige Strukturwandel gut gerüstet. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Rheinisch-Westfälisches Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), das für die Bertelsmann Stiftung die Durchlässigkeit europäischer Arbeitsmärkte untersucht hat. Höhere Dynamik als Deutschland attestiert die Studie lediglich den skandinavischen und baltischen Ländern, während Frankreich, Italien und viele osteuropäische Länder als besonders unflexibel eingestuft werden. Vor allem in den als unflexibel eingestuften Ländern sieht die Studie einen hohen Bedarf an weiteren Reformen auf dem Arbeitsmarkt. Denn auch das gesamtwirtschaftliche Umfeld und viele Einzelfaktoren können die Entwicklung einer Volkswirtschaft bestimmen. Wie etwa Kündigungsschutz, Arbeitslosenversicherung und Qualifizierungsmaßnahmen gestaltet sind, hat großen Einfluss auf die Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft. Darüber hinaus hängen auch die Perspektiven von Arbeitnehmern und Erwerbssuchenden entscheidend von der Durchlässigkeit des nationalen Arbeitsmarkts ab.

Befristeter Job nicht überall Sprungbrett in dauerhafte Beschäftigung

Deutlich wird das im direkten Vergleich der zwei starken Wirtschaftsnationen Deutschland und Frankreich. In beiden Ländern genießen Arbeitnehmer einen vergleichsweise hohen Kündigungsschutz. Das trägt in beiden Ländern dazu bei, dass die Hälfte aller Job-Einsteiger nach einer Phase der Arbeitslosigkeit zunächst nur einen befristeten Arbeitsvertrag erhalten. Während aber in Frankreich hoher Mindestlohn und starre Lohnsetzung hinzukommen, begleitet Deutschland den Kündigungsschutz mit flexibilisierenden Maßnahmen auf betrieblicher Ebene – was die Aufstiegschancen der befristet Beschäftigten in Deutschland erheblich erhöht. 36,3 Prozent der Arbeitnehmer mit befristetem Arbeitsvertrag gelingt in Deutschland innerhalb eines Jahres der Sprung in ein unbefristetes Beschäftigungsverhältnis. In Frankreich schaffen das lediglich 10,6 Prozent – der geringste Wert im EU-Vergleich.

In Deutschland ist zudem die berufliche Mobilität der Arbeitnehmer deutlich größer als in der Mehrzahl der EU-Staaten. 8,4 Prozent von ihnen wechseln jährlich die Stelle, die Wahrscheinlichkeit eines Berufswechsels liegt bei knapp 4 Prozent. In Frankreich liegen die Wechselquoten nicht einmal halb so hoch. Mobiler als in Deutschland sind Arbeitnehmer nur in Estland, Großbritannien und Schweden. "Die hohe Mobilität seiner Arbeitnehmer ist ein Zeichen dafür, dass Deutschland den Strukturwandel gut bewältigt und Herausforderungen wie der Digitalisierung gewachsen ist", sagte Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung und ehemaliger Arbeitsminister der Niederlande.

De Geus: Balance aus Sicherheit und Anreizen

Neben Frankreich stuft die Studie auch die Arbeitsmärkte in Italien und den südeuropäischen Ländern sowie in Polen und den südosteuropäischen Ländern als vergleichsweise starr und unflexibel ein. Noch durchlässiger als in Deutschland sind die Arbeitsmärkte in Skandinavien und im Baltikum. Die skandinavischen Länder schaffen es im Gegensatz zu Estland und Lettland allerdings, Durchlässigkeit mit höherer Jobsicherheit und niedrigerer Lohnungleichheit zu verbinden. "Je flexibler, desto besser ist eine zu einfache Formel. Es kommt auf eine gesunde Balance an zwischen Sicherheit und Flexibilität. Eine gute Beschäftigungspolitik ist immer ein Gesamtkunstwerk", sagte De Geus.

Auswirkungen einer über lange Zeit verfehlten Arbeitsmarktpolitik, so die Studie, sind selten kurzfristig rückgängig zu machen. So haben etwa Spanien und Polen bis weit ins vergangene Jahrzehnt versucht, ihren Arbeitsmarkt vorwiegend durch eine Erleichterung befristeter Arbeitsverhältnisse zu flexibilisieren. Gleichzeitig ist jedoch der hohe Kündigungsschutz unangetatstet geblieben. Auch wenn die Politik bereits seit 2008 umsteuert, liegen Polen und Spanien mit 28,3 und 24 Prozent Anteil befristeter Beschäftigung nach wie vor weit über dem EU-Durchschnitt (14,6 Prozent im Jahr 2014). Zugleich gelingt nur vergleichsweise wenigen befristet Angestellten in Spanien und Polen der Sprung in ein dauerhaftes Beschäftigungsverhältnis.

Diese Kombination aus hohen Befristungsanteilen und geringen Aufstiegschancen macht es Ländern besonders schwer, in einer Phase des Aufschwungs dauerhaft stabile neue Jobs zu schaffen. So ist europaweit das Arbeitslosigkeitsrisiko für befristet Beschäftigte mehr als viermal so hoch als für unbefristet Beschäftigte. Ein zeitlich begrenzter Arbeitsvertrag geht zudem oftmals mit weniger Weiterbildung und geringeren Löhnen einher. "Das ist schlecht für die Produktivität und kann weder im Sinne der Arbeitnehmer noch der Arbeitgeber sein", sagte De Geus.

Zusatzinformationen

Die Studie des Rheinisch-Westfälisches Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen vergleicht für 23 EU-Staaten die Durchlässigkeit ihrer Arbeitsmärkte. Datengrundlage sind die EU-SILC-Daten der Jahre 2011-2013. Eine grundlegende Voraussetzung für die Schaffung von Beschäftigung ist, dass die Durchlässigkeit eines Arbeitsmarkts ein gewisses Maß an Zugang in die Beschäftigung ermöglicht. Wesentliche Elemente von nachhaltiger Beschäftigung sind Beschäftigungsstabilität sowie Aufstiegsperspektiven innerhalb von Beschäftigung. Daher betrachtet die Studie verschiedene Dimensionen der Durchlässigkeit genauer: 1. den Wechsel zwischen Arbeitsmarktzuständen wie Beschäftigung und Arbeitslosigkeit; 2. den Wechsel zwischen Arbeitsmarktzuständen und Vertragstypen, mit einer getrennten Betrachtung von befristeter und unbefristeter Beschäftigung; 3. die berufliche Mobilität; und 4. die Lohnmobilität.