Liebe Leserinnen und Leser,
unser Land braucht tiefgreifende Reformen, um Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand zu sichern – darüber herrscht weitgehend Konsens, auch wenn über die richtigen Mittel und Wege gerungen wird. Vizekanzler und SPD-Parteichef Lars Klingbeil machte bei unserer Veranstaltung „Wie modernisieren wir Deutschland?“ nun deutlich, in welchen Bereichen er Handlungsbedarf sieht. In seiner Grundsatzrede zur Modernisierung Deutschlands skizzierte Klingbeil Reformideen für mehr Investitionen, Bürokratieabbau, Fachkräftesicherung und eine gerechtere Verteilung von Lasten. Im Zentrum stand die Frage, wie Deutschland angesichts wirtschaftlicher und geopolitischer Umbrüche wieder handlungsfähiger werden kann. Die Veranstaltung hat damit eine Debatte angestoßen, die für die Zukunft des Standorts von hoher Relevanz ist.
Dabei kommen auch von Unternehmensseite Reformimpulse: Über 40 Führungspersönlichkeiten der deutschen Wirtschaft haben im Rahmen der Initiative „Zusammen Zukunftsfähig“ im Berliner Haus der Bertelsmann Stiftung Handlungsempfehlungen für mehr Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und Nachhaltigkeit entwickelt. Die Positionen sind in einem Action Brief gebündelt, über den das Handelsblatt berichtet.
Für die Zukunft des Standorts spielt nicht zuletzt die Industrie eine entscheidende Rolle. Drei neue Publikationen aus unserer Reihe zu den Industriedynamiken in Deutschland gehen der Frage nach, wie der Strukturwandel gelingen kann. Die Studien zeigen: Die Industrie bleibt ein zentraler Faktor für Innovation, Produktivität und regionale Balance. Zugleich wächst jedoch der Anpassungsdruck beträchtlich – nicht zuletzt, weil Exportdynamik und Wettbewerbsfähigkeit zuletzt spürbar nachgelassen haben.
Erstens wird deutlich, dass eine breit in der Fläche angesiedelte Industrie für Deutschland ein wichtiger Stabilitätsanker und Standortvorteil ist. Zwar ist ein hoher Industrieanteil für sich genommen kein Garant für höheres Wachstum, wohl aber trägt die dezentrale Industriestruktur wesentlich zur wirtschaftlichen Angleichung von Regionen bei. Wollte man nur das aktuelle Branchengefüge erhalten, stünde das einer dringend notwendigen Erneuerung im Weg. Besser wäre es, die vorhandene dezentrale Industrie als Ausgangspunkt zu nutzen und sie mit einer gezielten Hightech-Strategie zu verbinden.
Zweitens zeigt die Growth-Share-Matrix, dass viele Branchen ihr Produktionsportfolio bereits zukunftsgerichtet weiterentwickeln. Rund 76 Prozent der Bruttowertschöpfung des Verarbeitenden Gewerbes entfallen auf Branchen, in denen stark wachsende Produkte überwiegen – auch wenn insbesondere in der Automobilindustrie der Transformationsdruck hoch bleibt.
Drittens unterstreicht unsere neue Analyse zum Strukturwandel, wie tiefgreifend die aktuelle industrielle Neuordnung bereits ist. Das Tempo des Strukturwandels ist historisch hoch, und zugleich verliert das exportorientierte deutsche Wachstumsmodell an Kraft: Deutsche Warenexporte wachsen nicht mehr im Gleichschritt mit der Weltwirtschaft.
Ein wichtiger Faktor für eine starke Industrie sind wettbewerbsfähige Energiepreise. Hier wurde zuletzt auch über den möglichen Aufbau einer Fracking-Industrie in Deutschland öffentlich debattiert. In seinem Blogbeitrag „Fracking als Mittel gegen hohe Energiepreise?“ kommt unser Kollege Thieß Petersen zu dem Schluss, dass dieser Weg ökonomisch nicht sinnvoll wäre. Zukunftsfähiger wäre es, in erneuerbare Energien sowie den Ausbau der Netze und Speicherkapazitäten zu investieren. Dies würde langfristig die Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit stärken und Abhängigkeiten reduzieren. Der Beitrag basiert auf der Studie Industriestrompreise in Deutschland - Reformoptionen für wettbewerbsfähige Strompreise, die im vergangenen Herbst erschien.
Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre und freuen uns über Feedback.
Mit besten Grüßen
Dr. Daniel Schraad-Tischler
Director, Programm Nachhaltige Soziale Marktwirtschaft