Liebe Leserinnen und Leser,
Deutschlands Industrie steht weiter unter enormem Anpassungsdruck. Unsere neue Analyse gemeinsam mit dem ifo-Institut zeigt: Die Industrie investiert kaum breit und stark genug, um die globale Wettbewerbsposition langfristig zu behaupten. Besonders problematisch ist die schwache Entwicklung der Kernbranchen Automobil und Maschinenbau. Positive Impulse kommen dagegen aus den Hochtechnologiebranchen Pharma und Mikroelektronik, deren Anteil jedoch nicht ausreicht, um die Schwäche der traditionellen Branchen auszugleichen. Zur Stärkung der Investitionstätigkeit und eines zukunftsfähigen Strukturwandels empfehlen wir deshalb einen Mix aus horizontalen und vertikalen wirtschaftspolitischen Maßnahmen.
Auch am Arbeitsmarkt wird deutlich, wie tiefgreifend der Industriewandel ist. Die Zahl der Industriebeschäftigten ist auf ein Zehnjahrestief gesunken, der Anteil der Industrie am gesamten Arbeitsmarkt geht zurück und der Lohnvorsprung schrumpft. Dabei sind es nicht nur Entlassungen, die den Beschäftigungsrückgang treiben, sondern vor allem zurückgehende Neueinstellungen. Weiterbildung und Qualifizierung werden damit zu zentralen Voraussetzungen für industrielle Erneuerung. Zudem braucht es echte Strukturreformen, um das Erwerbspersonenpotenzial insgesamt besser auszuschöpfen – etwa durch die Begrenzung von Frühverrentungsmöglichkeiten.
Dass es in der derzeitigen strukturellen Krise auch positive Dynamiken geben kann, zeigt unsere Stellenmarktanalyse zur Green Economy. Jede dritte im Jahr 2025 ausgeschriebene Stelle hatte einen Bezug zur Green Economy – Tendenz steigend. In der Industrie ist der Anteil sogar noch höher: 44 Prozent der hier ausgeschriebenen Stellen gehören zu Bereichen wie Kreislaufwirtschaft, Energiewende und Verkehrswende. Wer neue Jobchancen schaffen will, sollte die Green Economy daher nicht bremsen, sondern stärken.
Transformation entscheidet sich zudem vor Ort. Unser jüngster Policy Brief zum Ostdeutschen Wirtschaftsforum unterstreicht: Ostdeutschland ist kein Innovationsstandort zweiter Ordnung. Der Standort ist wissenschaftsnah, kooperativ, stark bei Prozessinnovationen und eingebunden in wichtige Zukunftsfelder. Es gilt nun, diese Stärken besser zu verbinden – mit Investitionen, Fachkräfteentwicklung, regionaler Wertschöpfung und demokratischer Resilienz.
Zusammen machen die Beiträge dieser Ausgabe deutlich: Deutschlands Zukunftsfähigkeit hängt davon ab, ob industrielle Stärke erneuert, Investitionen mobilisiert, Beschäftigte qualifiziert und regionale Potenziale besser verbunden werden.
Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre und freuen uns über Ihr Feedback.
Mit besten Grüßen
Dr. Daniel Schraad-Tischler
Director, Programm Nachhaltige Soziale Marktwirtschaft