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Arne Wechardt

Länderspezifische, gesellschaftliche Probleme erfordern Veränderung

Betrachtet man die aktuellen Zahlen des europäischen Arbeitsmarkts, stehen 2 Millionen offenen Stellen 22 Millionen Arbeitslose gegenüber. Wenn die beruflichen Kompetenzen dieser Menschen sichtbar gemacht werden, egal, auf welchem Lernweg sie erworben wurden, wird es leichter, unbesetzte Positionen zu füllen. Nicht umsonst fordert der Beschluss des Rats der Europäischen Union schon seit 2012 seine Mitgliedsstaaten dazu auf, bis 2018 Möglichkeiten zu schaffen, mit denen man seine informell und non-formal erworbene beruflichen Kompetenzen zertifizieren lassen kann.

Der Druck der jeweiligen individuellen, gesellschaftlichen Probleme, der demografischen Erfordernisse und die persönlichen Entwicklungswünsche Geringqualifizierter unterstreichen den Beschluss des Europarats. Spätestens, seit tausende Flüchtlinge in die verschiedenen Nationen strömen steigt der Druck, verlässliche Prozesse zur Erfassung von Kompetenzen zu etablieren, die eine rasche Integration der Menschen in Arbeitsmarkt und damit auch in die Gesellschaft ermöglichen.

Gleichzeitig können verlässliche Anerkennungsmöglichkeiten auch Geringqualifizierten wertvolle Anreize setzen, wieder den Faden des lebenslangen Lernens weiter zu spinnen und ihre Beschäftigungsfähigkeit zu steigern. In anderen europäischen Ländern gelingt es schon. Bei einem Erfahrungsaustausch mit finnischen Verantwortlichen für die dortige Validierung von beruflichen Kompetenzen und der daran anknüpfenden Qualifizierung, haben die Mitarbeiter der Stiftung erlebt, dass die Praxis hält, was die Studie beschreibt.

„Näyttötutkinto" - Jahrzehntelange Erfahrung mit Kompetenzvalidierung in Finnland

Beim Besuch des staatlich finanzierten „Omnia Adult Education Centres“ und in der Diskussion mit der zuständigen Abteilungsleiterin im finnischen Bildungsministerium erlebten die Mitarbeiter, welchen Wert „prior learning“ haben kann. An realen Arbeitsplätzen mit realen Arbeitsaufträgen können „students“ praktisch zeigen, welche Vorerfahrungen sie haben. Die meist ergänzend stattfindende kompetenzbasierte Qualifizierung ist nicht davon abhängig, welchen Weg das „prior learning“ genommen hat. Sie wird ebenso individuell geplant wie der bisherige „Karrierepfad“. So berichtete der Student Henry (28) über seinen immer informellen Lernweg vom „Glasabräumer“ in einer Bar hin zum Restaurant-Manager. Schließlich bemerkte er seine Liebe zum Kochen und den Wunsch, eine strukturierte Ausbildung zu machen. Er hätte sich seine Service-Erfahrung anerkennen lassen und damit seine Ausbildung in diesem Bereich deutlich verkürzen können. Er hat sich aber dagegen entschieden. Lieber will er seine Beschäftigungsfähigkeit in einem Land mit hoher Arbeitslosigkeit steigern, indem er möglichst viele der weißen Flecken seiner Kompetenzlandkarte mit weiteren, anderen Fähigkeiten füllt. Der Preis dafür ist eine etwas länger andauernde Studienphase. Seine Vorerfahrungen in der Branche helfen ihm dennoch, manche Lernzeiten kürzer zu gestalten als dies Mitschüler können. Während seiner Ausbildung bezieht er Transferleistungen in Höhe des Arbeitslosengeldes.
  „There are no dead ends“ – ein System mit hoher Durchlässigkeit
Im nächsten Jahr hat Henry sogar die Chance einen Teil seiner Ausbildung im Ausland zu absolvieren – auch ein Baustein des sehr individuellen „study-plan“. Die Inhalte der zum Teil einzelnen wählbaren Module sind vorgegeben, die Lernformen aber immer in Abstimmung mit der Schule frei gestaltbar: ob im webbasierten Selbststudium, im Klassenunterricht oder im betrieblichen Einsatz. Der finanzielle Beitrag, den die Studenten leisten müssen, sind € 58, die genutzt werden, um einen Teil der Zertifikatsausstellung zu finanzieren. Und sollte er später einen Bachelor aufsatteln wollen, wird er mit seiner Erfahrung und nach bestandener Koch-Prüfung auch dazu die Möglichkeit haben. Weitere Details zur Finnland-Reise auch in unserem Blog „Aus- und Weiterbildung“.

Video

Wie in Finnland Kompetenzen anerkannt werden

In Finnland können non-formal und informell erworbene Kompetenzen im Rahmen der kompetenzbasierten Qualifikation (näyttötutkinnot) genutzt werden, um einen Berufsabschluss zu erlangen. Kandidaten zeigen ihr Können dafür "on the job". Der Film zeigt auf, wie das finnische Anerkennungssystem funktioniert. weiterlesen

Studien zur Kompetenzanerkennung von informellen und non-formalen Kompetenzen

In Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut Betriebliche Bildung gemeinnützige GmbH (f-bb) wurden europaweite Studien zur Anerkennung infomellen und non-formalen Lernens erstellt.

In der rechten Marginalspalte finden Sie sowohl alle Länderberichte in englischer Sprache als auch die Zusammenfassung aller untersuchten Länder in englischer sowie deutscher Sprache (Dänemark, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Norwegen, Niederlande und Österreich).

Die Gesamtstudie aus deutscher Sicht können Sie bei unserem Verlag kostenpflichtig bestellen:  Anerkennung von Kompetenzen. Was Deutschland von anderen Staaten lernen kann. Gütersloh 2015 (ISBN 978-3-86793-582-1)