Bart Somers mit World Mayor Prize 2016, Liz Mohn und Henning Schulz im Ratssaal von Mechelen
Phillipe Veldeman

Noch um die Jahrtausendwende hatte Mechelen einen schlechten Ruf als „Chicago an der Dijle“ – Kriminalität, dreckige Straßen und Wegzug der Mittelschicht prägten die kulturell vielfältige 90.000-Einwohner Stadt. Rechtspopulisten waren auf dem Vormarsch. Heute ist Mechelen eine sichere, florierende und lebhafte Stadt, in der das Zusammenleben in Vielfalt gelingt. Die Erfolgsgeschichte Mechelens kann Vorbild für Deutschland sein. Liz Mohn reiste in Begleitung von Güterslohs Bürgermeister Henning Schulz nach Mechelen, um sich ein Bild von der Stadt zu machen und mehr über die Erfolgsfaktoren zu erfahren – gemäß dem Motto des Reinhard Mohn Preises: „Von der Welt lernen“.

Austausch mit Bürgermeister Bart Somers

Mechelen verdankt seine positive Entwicklung ganz wesentlich dem tatkräftigen und beharrlichen politischen Wirken von Bürgermeister Bart Somers. Er sorgte für saubere und sichere Straßen, bekämpfte erfolgreich den Rechtspopulismus und entzog zugleich potenzieller islamistischer Radikalisierung durch den IS den Nährboden. Im Laufe seiner Amtszeit sank die Zustimmung für die rechtsextreme Partei Vlaams Belang von anfangs 32% auf heute 7-8%. Und Mechelen verzeichnet –  im Unterschied zu anderen belgischen Städten – keinen einzigen Fall von radikalisierten Jugendlichen, die als IS-Kämpfer nach Syrien gegangen sind. Für seine erfolgreiche Gestaltung des Zusammenlebens in Vielfalt wurde Somers 2016 der „World Mayor Prize“ verliehen.

Liz Mohn und Henning Schulz fragten Somers nach seiner Strategie. Somers erklärte sein Rezept einer Kombination aus Sicherheit und Freiheit: „Die Menschen müssen sich im öffentlichen Raum wohl und sicher fühlen. Das ist die Basis dafür, dass Vertrauen und Offenheit für Vielfalt entstehen können.“ Auf der anderen Seite seien jegliche Form von Diskriminierung und Ausgrenzung entschieden zu bekämpfen, da dies die Lebenschancen von Menschen wie auch den sozialen Zusammenhalt zerstöre.

Liz Mohn hob die wichtige Rolle von Unternehmen gerade mit Blick auf die Lebenschancen junger Menschen hervor: „Die Teilhabe an Ausbildung und Arbeit ist eine wichtige Voraussetzung für die Chance auf ein selbstbestimmtes, sinnerfülltes Leben.“

Liz Mohn mit den Teilnehmern der Gesprächsrunde zur Gestaltung von Vielfalt in Mechelen Liz Mohn mit den Teilnehmern der Gesprächsrunde zur Gestaltung von Vielfalt in Mechelen

Wie gelingt ein respektvolles Miteinander? Engagierte Akteure gaben Einblicke

Um sich einen Überblick über die konkreten Maßnahmen im Umgang mit Vielfalt zu verschaffen, trafen Liz Mohn und Henning Schulz anschließend mit Menschen zusammen, die in verschiedenen Handlungsfeldern Tag für Tag an der Gestaltung eines respektvollen Miteinanders arbeiten: von der strategischen politischen Ebene in der Stadtverwaltung über die Praxis in den Schulen bis hin zur Jugendarbeit.

Als wichtige Schlüsselfaktoren kristallisierten sich hier die Förderung von persönlicher Begegnung sowie die Vernetzung und Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Institutionen und Stakeholdern heraus. Liz Mohn berichtete in diesem Zusammenhang von den Konzepten der Bialik-Rogozin-Schule in Tel Aviv und den guten Erfahrungen, die hier mit der intensiven Einbindung der Eltern gemacht wurden. Entscheidend sei es, Vertrauen zu schaffen, sagte sie.

weiße Wand mit einem schwarzen Banner, auf dem "Regionaal open Jeugdcentrum Mechelen" steht

Besuch im Jugendzentrum ROJM: Vielfalt ist Normalität

Den Abschluss des Besuches bildete die Begegnung mit jugendlichen Mädchen und Jungen im Jugendzentrum ROJM, das bereits seit vierzig Jahren für junge Menschen verschiedener Herkunft ein zweites Zuhause bietet. Neben zahlreichen Möglichkeiten zur gemeinsamen Freizeitgestaltung unterstützt das Jugendzentrum auch bei Bewerbung und Jobsuche und hilft bei Problemen in der Schule oder Familie. Auf Niederländisch, Englisch und Deutsch berichteten die Jugendlichen im Gespräch mit Liz Mohn und Henning Schulz von ihren Interessen, beruflichen Zielen und Erfahrungen. Dabei wurde rasch deutlich: Kulturelle und sprachliche Vielfalt ist für die Jugendlichen in ihrem Alltag ganz selbstverständlich und in ihren Freundschaften Normalität.

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