Feierlichkeiten zu Diwali
Kai Unzicker

Leicester ist eine Majority-Minority-City. Das heißt, es gibt dort keine ethnische Gruppe, die gegenüber allen anderen die Mehrheit der rund 300.000 Einwohner bildet. Der Anteil der Einwohner, die sich als „White British“ bezeichnen, liegt bei 45 Prozent. Leicesters Vielfalt entstand vor allem durch die Einwanderung aus früheren britischen Kolonien. In jüngerer Zeit kamen zudem Menschen aus kriegs- und krisengeschüttelten Ländern nach Leicester, etwa aus Afghanistan, dem Irak und Somalia.

Leicesters Inder aus Uganda

Die größte Gruppe der in Leicester heimischen Menschen mit Einwanderungsgeschichte hat Wurzeln in Asien, vor allem Indien. Die indischstämmigen Einwohner Leicesters kamen jedoch nicht direkt nach England, sondern auf dem „Umweg“ über Ostafrika, insbesondere Uganda. Hier waren sie unter britischer Kolonialherrschaft und danach Treiber der wirtschaftlichen Entwicklung, bis die Vertreibungspolitik des Diktators Idi Amin sie zu Beginn der 1970er Jahre zur erneuten Emigration zwang.     

Dass in Großbritannien besonders Leicester zum Ziel der Auswanderer wurde, hat mit einer kuriosen Geschichte zu tun: Nachdem eine erste Welle von Einwanderern hier eingetroffen war, schaltete die Stadt eine Anzeige in der ugandischen Zeitung Uganda Argus mit der Botschaft: „Leicester ist voll und die Lebensbedingungen sind schlecht“. Ziel war es, weitere Zuwanderung zu verhindern, doch die Annonce hatte genau den gegenteiligen Effekt, da Leicester so erst recht die Aufmerksamkeit vieler Menschen auf sich lenkte, die die Stadt zuvor gar nicht als Ziel im Blick hatten. „Die Anzeige war herrlich kontraproduktiv“, scherzt Bürgermeister Sir Peter Soulsby heute.

Dekoration während der Diwali-Feierlichkeiten in Leicester Dekoration während der Diwali-Feierlichkeiten in Leicester.

Was zunächst als ungewollter Effekt erschien, erwies sich jedoch schließlich als Segen für die Stadt. Denn die Inder, die sich bereits in Uganda als erfolgreiche Geschäftsleute erwiesen hatten, brachten im Kontext des Niedergangs traditioneller Industrien in Leicester mit Investitionen und Unternehmergeist die Wirtschaft wieder in Schwung. Heute sind kulinarische und andere kulturelle Elemente indischer Lebensart ganz selbstverständlich Teil der städtischen Identität. Dies zeigt sich besonders jedes Jahr im Oktober bei den Feierlichkeiten zu Diwali, dem hinduistischen Lichterfest, das hier eben nicht nur von Hindus, sondern von der ganzen Stadt gefeiert wird: „Diwali Leicester“. Zu dieser Zeit im Jahr wünscht man sich „Happy Diwali“ wie im Dezember „Merry Christmas“, und im Einzelhandel gibt es wie in der Weihnachtszeit Sonderangebote als „special Diwali offer“. 

Akzeptanz von sichtbar gelebter Kultur

Die indischen Einwanderer aus Uganda sind jedoch längst nicht mehr die einzige Quelle kultureller Vielfalt in Leicester. Sichtbar wird dies im öffentlichen Raum besonders in der quirligen Narborough Road, die mit ihren Geschäften, Cafés und Restaurants mit Produkten und Spezialitäten aus aller Welt als vielfältigste Straße Englands gilt. Die Vielfalt Leicesters spiegelt sich auch im Stadtbild durch das Nebeneinander von christlichen Kirchen, hinduistischen Tempeln und muslimischen Moscheen wider. Zugleich zeugen viele Orte, wie das historische Gildehaus oder das Grab von König Richard III. in der Kathedrale, von Leicesters Geschichte als eine der ältesten Städte Englands.

Bronzestatue König Richards III. Als letzte Ruhestätte König Richards III. atmet Leicester den Geist alter englischer Geschichte. Die Gebeine des 1485 in der Schlacht von Bosworth gefallenen Monarchen wurden 2012 von Forschern unter einem Parkplatz entdeckt und in der Kathedrale beigesetzt.

Wie gelingt es Leicester, sein vielfältiges Erbe aus alter englischer Geschichte, den Nachwirkungen der Kolonialzeit und den aktuellen Auswirkungen der Globalisierung miteinander zu verbinden? Eine wichtige Grundlage für Leicesters Modell im Umgang mit Vielfalt ist Akzeptanz gegenüber der Tatsache, dass Kultur „für den Menschen eine unverzichtbare Lebenshilfe bedeutet“ (Reinhard Mohn) und viele Menschen ihre kulturellen und religiösen Identitäten aktiv und sichtbar leben möchten. Die klare Bindung an eine bestimmte kulturelle oder religiöse Gemeinschaft wird nicht als Bedrohung des breiteren gesellschaftlichen Zusammenhalts aufgefasst. Im Gegenteil: Die Stadt setzt auf eine Politik, die Möglichkeiten für alle schafft, ihre jeweilige kulturelle oder religiöse Identität zu leben, und fördert dadurch die Loyalität gegenüber Leicester sowie die wechselseitige Akzeptanz aller als gleichberechtigt.

Interkultureller Dialog in Zeiten der Globalisierung

Da die mit Vielfalt einhergehenden Unterschiede stets auch in Gefahr stehen, Missverständnisse, Stereotype und Konflikte hervorzubringen, hat Leicester verschiedene Maßnahmen ergriffen, um das friedliche, gleichberechtigte und respektvolle Zusammenleben aktiv zu gestalten. Hierzu gehört zum Beispiel das City Mayor’s Faith & Community Forum, ein regelmäßiger Austausch zwischen dem Bürgermeister und Vertretern der in Leicester heimischen religiösen (und nichtreligiösen) Gemeinschaften. Darüber hinaus existieren zahlreiche weitere Foren zum Austausch und Dialog zwischen den Gemeinschaften, den städtischen Behörden, der Polizei, den örtlichen Bildungseinrichtungen und den lokalen Medien. So konsultierte der Leicester Mercury, die lokale Tageszeitung, mehrere Jahre lang ein Beratungsgremium – die Leicester Multicultural Advisory Group – um durch eine informierte und ausgewogene Berichterstattung das wechselseitige Wissen und Verstehen der kulturell diversen Einwohner Leicesters zu fördern.

Stadträtin Manjula Sood mit Michael Lewis, Kuratoriumsmitglied der Waterfront Sports & Education Academy Stadträtin Manjula Sood gehörte zu den ersten indischstämmigen Einwanderen aus Uganda und ist heute eine wichtige Instanz für den Dialog zwischen Stadt und Zivilgesellschaft – hier mit Michael Lewis, Kuratoriumsmitglied der Waterfront Sports & Education Academy.

Leicester hat es mit seinem Ansatz von der Stadt als einer „Gemeinschaft der Gemeinschaften“ geschafft, die Stadt als einen Ort zu gestalten, an dem das Zusammenleben in kultureller Vielfalt gut gelingt. Aus der Sicht von Professor Ted Cantle, führender Experte für interkulturelle Beziehungen und sozialen Zusammenhalt in Großbritannien, besteht die Aufgabe der Zukunft darin, die stark auf Gemeinschaften ausgerichtete Strategie an die aktuellen Herausforderungen der Globalisierung anzupassen. Denn kulturelle Identitäten entziehen sich heute mehr denn je einer eindimensionalen Festlegung – sie sind vielfältigen Einflüssen ausgesetzt und ständigem Wandel unterworfen, wodurch zunehmend komplexere, mehrdimensionale Identitäten entstehen.

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