Junge Menschen unterschiedlicher Herkunft Am Rande eines Parks
Yvonne Michailuk

Ein Einwanderungsland ist Deutschland nicht erst, seit die in den 1960er Jahren aus Süd- und Südosteuropa eingeladenen „Gastarbeiter“ einfach nicht mehr in ihre Heimatländer zurückkehrten. Und erst recht nicht, seit in den vergangenen Jahren viele Menschen vor Hunger und Krieg aus Afrika und dem Nahen Osten nach Deutschland flohen. Schon immer sind „Fremde“ in das Territorium gezogen, das heute Deutschland heißt. Und immer schon brachten sie ihre Götter, Rituale, Speisen und Gebräuche mit. Das Konstrukt einer nationalen Identität als Quelle der Orientierung für das eigene sowie das Zusammenleben in Gemeinschaft entstand erst mit der Geburt der Nationalstaaten im frühen 19. Jahrhundert – und diente seitdem vor allem der bewussten Abgrenzung zu jedem und allem außerhalb dieser Gemeinschaft. Einengung statt Weite also.

Dabei gehört es zum uralten Wissen des Menschen, dass kulturelle Vielfalt bereichert. Egal, ob in moralischer oder politischer, in ökonomischer, künstlerischer oder auch kulinarischer Hinsicht: Vielfalt bedeutet die Chance, den eigenen Horizont zu erweitern. Das Europa der vergangenen Jahrzehnte war vor allem ein Sehnsuchtsprojekt der Weite – gegen die von den Nationalstaaten erzwungene Einengung. Doch disruptive zeitgenössische Megatrends wie Globalisierung und Digitalisierung haben zu Verunsicherung und Ängsten geführt. Der vertraute Lebensraum verändert sich. Die eigene kulturelle Identität, also der aus Sprache, Religion, Philosophie, Traditionen und Gepflogenheiten geprägte Wertekanon, scheint in Gefahr. In Zeiten beschleunigter Vielfalt suchen Teile der Gesellschaft als Rahmen wieder Schutz in der Abgrenzung gegen das Fremde. Denn natürlich bedeutet Vielfalt nicht nur Chancen. Sie birgt auch ein nicht zu unterschätzendes Potenzial für Reibungen und Konflikte. Die Wissenschaft mag in der Theorie bewiesen haben, dass die beschleunigte kulturelle Vielfalt den Zusammenhalt der Gesellschaft nicht in seinen Fundamenten erschüttert. Die erlebte Realität des Einzelnen indes zeigt, dass das Zusammenleben in kultureller Vielfalt kein Selbstläufer ist, sondern aktiv gestaltet werden muss.

Ein friedliches Zusammenleben verschiedener Kulturen und Völker in einem Staat setzt einen dauerhaften kulturellen Pluralismus – gesichert durch die Verfassung – voraus.

Reinhard Mohn, 1992

Diesem Thema widmet sich der Reinhard Mohn Preis 2018. Es braucht innovative Ideen und Praktiken ebenso wie Kreativität, um das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher kultureller Prägungen, Identitäten und Lebensweisen positiv zu gestalten. Deshalb sucht die Bertelsmann Stiftung überall auf der Welt nach besonderen Beispielen urbaner kultureller Vielfalt als im alltäglichen Zusammenleben konkret ge- und erlebter Normalität.

Es sind die Städte, in denen kulturelle Vielfalt – im Guten wie im Schlechten – in besonderem Maße erlebt wird. Ob über Begegnungen im eigenen Quartier, am Arbeitsplatz, in der Schule, im Verein und nicht zuletzt in der lokalen Politik – die Stadt als „Laboratorium“ bietet die besten Gelegenheiten, das Zusammenleben in Vielfalt in einem überschaubaren und vertrauten Rahmen einzuüben und über neue und positive Erfahrungen ein neues Selbstverständnis zu entwickeln: Wie wirkt kulturelle Vielfalt als wirtschaftlicher Standortfaktor, inwieweit ist sie Motor für Innovation? Welche rechtlichen Regelungen gibt es in Deutschland für den Umgang mit kultureller Vielfalt, und wie sehen die Regelungen in anderen europäischen Ländern aus? Inwieweit stellen künstlerische Praktiken ein Medium oder eine Plattform dar, um mit kultureller Vielfalt als gesellschaftlicher Herausforderung umzugehen? Das Projektteam hat diesen Recherchefokus zusammen mit ausgewiesenen Experten aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Medien und Zivilgesellschaft entwickelt. Eine Auswahl wegweisender Strategien und Projekte soll in vertiefenden Fallstudien weiterentwickelt und in begleitenden Studien und Publikationen aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet werden.

Preisträger des Reinhard Mohn Preises 2018 soll eine herausragende Persönlichkeit sein, die andere Menschen inspiriert und durch ihr Wirken dem Thema der Gestaltung kultureller Vielfalt internationale öffentliche Aufmerksamkeit verschafft. Denn die bis dahin geleistete inhaltliche Arbeit, die entstandenen Experten-Netzwerke und die öffentliche Aufmerksamkeit sollen ein solides Fundament zur positiven Gestaltung kultureller Vielfalt sein. Die feierliche Verleihung des Reinhard Mohn Preises im Sommer 2018 wird also nur eine, wenn auch wichtige Zwischenstation auf einem langen und ambitionierten Weg sein.

Kinder , die einen Globus halten

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Auszug aus dem aktuellen change-Magazin (2/2017).