Reinhard Mohn übergibt den Carl Bertelsmann Preis 1997 an Lodewijk de Waal und Hans Blankert. Die drei Männer halten die Preis-Urkunde in die Kamera.
Marc Darchinger

Thema: Verantwortungsvolles Unternehmertum

Erfolgreiche Unternehmen leisten einen unverzichtbaren Beitrag für die Gesellschaft: Sie schaffen Arbeitsplätze, zahlen Steuern, bilden junge Menschen aus und engagieren sich für das Gemeinwesen. Umgekehrt benötigen Unternehmen eine gute Infrastruktur, tragfähige Bildungssysteme sowie soziale und politische Stabilität, um langfristig erfolgreich zu sein. Gleichzeitig können die Bedürfnisse der Menschen ein Impuls für unternehmerische Innovation sein. Damit Unternehmen sich bestmöglich in die Gesellschaft einbringen, muss ein neues Verständnis sozialer unternehmerischer Verantwortung entstehen.

Preisträger: Klaus Schwab

Der Gründer und Chairman des Weltwirtschaftsforums in Genf wird als Vordenker verantwortungsvollen Unternehmertums geehrt. Klaus Schwab erkannte als einer der ersten, dass Unternehmen angesichts der Globalisierung in einer zunehmend vernetzten Welt eine besondere ökonomische und soziale Verantwortung gegenüber der Gesellschaft tragen. Die Bertelsmann Stiftung ehrt den Wirtschaftsprofessor auch als Brückenbauer zwischen Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft – über kulturelle und nationale Grenzen hinweg. Bei der Umsetzung setzte er stets auf den Dialog und auf den Austausch von Wissen und Ideen. Mit dem Weltwirtschaftsforum hat Schwab dafür eine einzigartige Plattform geschaffen, um die globalen Herausforderungen unserer Zeit anzugehen. Dabei gelingt es ihm, hochaktuelle Themen, wie die Globalisierung oder jüngst die Digitalisierung, auf die Agenda zu setzen.

Thema: Migration fair gestalten

Fachkräfte aus dem Ausland sind bereits heute in Deutschland sehr gefragt. Angesichts des demographischen Wandels wird der Bedarf weiter steigen, denn ohne Einwanderung würde das Erwerbspersonenpotenzial in Deutschland bis 2050 um rund 40 Prozent zurückgehen. Zudem wird sich der globale Wettbewerb um Talente weiter verschärfen, wenn bisherige Auswanderungsländer mittelfristig selbst verstärkt Fachkräfte benötigen. Wie kann es gelingen, dass Einwanderungsländer Fachkräfte bedarfsgerecht rekrutieren können, ohne die Herkunftsländer in ihrer Entwicklung zu beeinträchtigen?

Preisträgerin: Rita Süssmuth

Die ehemalige Bundestagspräsidentin erhält den Reinhard Mohn Preis 2015. Sie wird für ihre Verdienste um eine moderne Migrations- und Integrationspolitik geehrt. Mit der Preisvergabe würdigt die Bertelsmann Stiftung auch den Einsatz Süssmuths für Migranten und Auswanderungsländer. 2005 arbeitete sie in der "Globalen Kommission zur Migration" mit, die der damalige UN-Generalsekretär und Reinhard Mohn Preisträger von 2013 Kofi Annan eingesetzt hatte.

Thema: Nachhaltigkeit

Globale Wirtschafts- und Finanzkrisen, demographische Ungleichgewichte und Verknappung natürlicher Ressourcen: Das sind die großen Herausforderungen, die wir heute bewältigen müssen, um künftigen Generationen das Leben auf unserer Erde zu sichern. Der Wandel hin zu einer nachhaltigen Politik ist Schüssel zur Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaften. Wie kann das Ziel einer nachhaltigen und generationengerechten Entwicklung zur Richtschnur politischen Handelns gemacht werden?

Preisträger: Kofi Annan

Der Friedensnobelpreisträger und ehemalige Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Annan, erhält den Reinhard Mohn Preis der Ber­telsmann Stiftung. Die Stiftung würdigt Annans vorbildlichen Einsatz für nachhaltige Entwicklung in der Welt. Dank Kofi Annan engagieren sich heute viele Initiativen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft global, national und lokal für nachhaltige und generationengerechte Fortschrittsmodelle. Er setzt sich auch nach seiner aktiven politischen Laufbahn persönlich für das Thema nachhaltige Entwicklung ein, etwa mit der von ihm gegründeten Kofi Annan Foundation und in der Allianz für eine grüne Revolution in Afrika (AGRA).

Thema: Bürgerbeteiligung

Die Demokratie ist der Grundpfeiler unserer modernen Gesellschaft. Sie ist die Basis für ein friedliches und selbstbestimmtes Zusammenleben, in dem die Bedürfnisse der Menschen im Mittelpunkt stehen. Sie zu stärken und zu erhalten, zählt zu unseren wichtigsten Aufgaben. Unter der Überschrift „Demokratie vitalisieren – politische Teilhabe stärken“ sucht die Bertelsmann Stiftung nach vorbildlichen Beteiligungsprojekten, um die Distanz zwischen Politik und Bürgern zu reduzieren. Ein gutes Konzept der Bürgerbeteiligung ergänzt die repräsentative Demokratie und fördert das Miteinander von Bürgern und Staat.

Preisträger: Recife (Brasilien)

Die brasilianische Stadt Recife (1,7 Millionen Einwohner) erhält den Reinhard Mohn Preis 2011. Bereits seit über zehn Jahren werden die Bürger der brasilianischen Millionenmetropole Recife in die Weiterentwicklung ihrer Stadt in Form von Versammlungen und über das Internet aktiv einge­bunden. Sie bringen Vorschläge ein und bestimmen Prioritäten in 15 verschiedenen Politikberei­chen. 2.700 gewählte Delegierte begleiten die Umsetzung. So verfolgt die Stadt konsequent den Weg, die Verantwortung mit ihren Bürgern zu teilen. Seit Einführung des Bürgerhaushaltes im Jahr 2001 wurden rund 5.000 Maßnahmen durch die Bürger initiiert und bislang Investitionen in Höhe von mehr als 220 Millionen Euro umge­setzt.

Thema: Integration und Bildung

Kinder und Jugendliche aus Zuwandererfamilien erzielen in Deutschland bei gleicher Intelligenz und Kompetenz niedrigere Schulabschlüsse und ihre Chancen auf eine qualifizierte Berufsausbildung sind nur halb so groß wie bei einheimischen Jugendlichen. Wie können Kinder mit Migrationshintergrund faire Chancen für ihre schulische Bildung bekommen und wie kann ihre Integration in das Einwanderungsland leichter gelingen? Die Bertelsmann Stiftung sucht gute Beispiele, die im bildungsbiographischen Abschnitt "Schule" die individuelle Förderung von Kindern mit Zuwandergeschichte ermöglichen.

Preisträger: Schulbehörde in Toronto

Der Toronto District School Board erhält die Anerken­nung für sein vorbildliches Engagement für Integration und faire Bildungschancen. In den mehr als 550 Schulen des Boards gelingt die Integration von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfa­milien in beispielhafter Weise. Grundlage ist ein Leitbild für gleichberechtigte Teilhabe und Chancengleichheit. Individuelle Förderung im Unter­richt und durchgängige Sprachförderung sind Standards in den Schulen. Curricula, Lernmethoden und Lehrerkollegien spiegeln die heterogene Zusammensetzung der Schülerschaft. Herausragend ist die Zusammenarbeit der Schulen mit dem gesellschaftlichen Umfeld, mit Migrantenvereinigungen und den Eltern.

Thema: Gesellschaftliches Engagement

Junge Menschen engagieren sich vor allem dann, wenn sie in ihrem Alltag bürgerschaftliches Engagement erfahren. Sie brauchen Vorbilder, die sie zu eigenem Tun anregen. Die Bertelsmann Stiftung sucht nach Modellen, wie die Vermittlung gesellschaftlichen Engagements systematisch als Bildungsziel verankert werden kann. Durch Vorbilder selbst zum Vorbild zu werden – so kann gesellschaftli­ches Engagement und damit auch unsere Demokratie immer wieder neu belebt werden.

Preisträger: Citizenship Foundation, Großbritannien

Die britische Citizenship Foundation erhält den Carl Bertelsmann-Preis 2007 als Anerkennung für ihre vorbildlichen Programme zur Verankerung von gesellschaftlichem Engagement als Bildungsziel. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, Kinder und Jugendliche aktiv in die Gesellschaft einzubinden und gehört in Großbritannien seit mehr als 20 Jahren zu den Vordenkern der politischen Bildung. Die Citizenship Foundation überzeugt insbesondere mit ihren zielgruppenspezifischen Program­men.

Sonderpreis für baden-württembergisches Realschulprojekt

Ein Sonderpreis von 50.000 Euro geht an den baden-württembergischen Bildungsplan TOP SE (Themenorientiertes Projekt Soziales Engagement) für Realschulen. Dieser erklärt ausdrücklich Engagement zum Bildungsziel. 480 Realschulen haben sich im Rahmen dieses Bildungsplans für gemeinnützige Organisationen geöffnet. Ihre Schüler der siebten und achten Klassen engagieren sich in Altenheimen, Umweltinitiativen, als Schulsanitäter oder Mentoren.

Thema: Ältere Arbeitnehmer

Die Arbeitswelt in den industrialisierten Ländern unterliegt tief greifenden Wandlungsprozessen. Gerade Deutschland als rohstoffarmes Land ist darauf angewiesen, die Beschäftigungspotenziale jedes Einzelnen zu fördern und zu nutzen. Bedenklich stimmt, dass dies nicht in ausreichendem Maße geschieht. Während Jüngere unzureichend in Ausbildung und Arbeit integriert sind, werden Ältere vorzeitig inaktiviert. Die Bertelsmann Stiftung sucht Wege zur Überwindung der drama­tisch niedrigen Beschäftigung älterer Arbeitnehmer in Deutschland.

Preisträger: Finnland, Reformprogramm „Älter werdende Arbeitnehmer“

Der Carl Bertelsmann-Preis geht in diesem Jahr nach Finnland. Ausgezeichnet wird das Reformprogramm „Älter werdende Ar­beitnehmer“, eine Initiative der finnischen Regierung in Zusammenarbeit mit Sozialpartnern, Wissenschaft und Verbänden zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen älterer Menschen. Das Ziel der finnischen Reformanstrengungen war, Arbeitnehmer länger im Erwerbsleben zu halten. Grundlage für den Erfolg waren die altersgerechte Gestaltung der Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen und der Fokus auf Qualifizie­rung und angemessene Arbeitsorganisation. Das landesweite Programm wurde gemeinsam vom Ministerium für Soziales und Gesundheit, dem Bildungsministerium und dem Arbeitsministerium umgesetzt.

Thema: Jugendarbeitslosigkeit

Die Integration Jugendlicher in den Arbeitsmarkt steht ganz oben auf der Agenda fast aller gesellschaftspolitischen Institutionen. Auch wenn Deutschland im internationalen Vergleich über eine eher niedrige Jugendarbeitslosigkeit verfügt, stellt sich die Frage, ob Jugendliche auf die veränderten Anforderungen ihrer künftigen Arbeits- und Lebenswelt schon richtig vorbereitet werden. Die Verantwortung für die Beschäftigungsfähigkeit liegt nicht allein bei den Jugendlichen selbst und bei den öffentlichen und öffentlich geförderten Bildungsträgern, sondern muss auch und besonders von den Unternehmen und künftigen Arbeitgebern getragen werden. Mit der Preisvergabe will die Bertelsmann Stiftung in diesem Jahr der ausbildungspolitischen Debatte neue Impulse geben.

Preisträger: Das Hamburger Hauptschulmodell

Das Hamburger Hauptschulmodell wurde im Jahr 2000 auf Initiative von Dr. Michael Otto, dem Vorstandsvorsitzenden der Otto Group, und Bernd Wrede, dem damaligen Vorstandsvor­sitzenden der Hapag Lloyd AG, ins Leben gerufen. Das Modell basiert auf einer gemeinsa­men Beratung und Begleitung der Hauptschulabgänger durch Lehrer, Berufsberater und Per­sonalfachleute aus Unternehmen. Sie ermitteln in engem Austausch die Interessen und Stär­ken der Schüler, beraten bei der Berufswahl und unterstützen die Schüler intensiv bei der Su­che nach einem geeigneten Ausbildungsplatz. Innerhalb von nur fünf Jahren ist es gelungen, die Vermittlungs­quote von Hauptschülern in eine ungeförderte betriebliche Ausbildung in Hamburg auf über 20 Prozent zu verdoppeln. Organisatorisches Zentrum des Modells ist die Hamburger „Koordinierungsstelle Ausbildung“, die als Lotse für Schüler und Unternehmen fungiert.

Thema: Moderne Verwaltung

Während die Marktwirtschaft hinreichende Impulse für Leistungsorientierung und Fortschritt der Unternehmen vermittelt, sind diese Impulse innerhalb des öffentlichen Sektors noch gar nicht oder nur schwach ausgeprägt. Viele Verwaltungen sind zu Reformen bereit und haben erfolgreich moderne Steuerungselemente eingeführt. Handlungsbedarf zeigt sich jedoch noch in den Bereichen Organisationskultur und Werteorientierung. Nur durch Wettbewerb kann es Fortschritt im öffentlichen Bereich geben. Kommen engagierte Führungspersönlichkeiten sowie eine Kultur des partnerschaftlichen Miteinanders dazu, werden diese Systeme zum Erfolgsmodell.

Preisträger: Århus Amt (Dänemark)

Århus Amt ist für die Versorgung von 640.000 Einwohnern mit hauptsächlich kommunalen Dienstleistungen zuständig. Dazu gehören die Bereiche Gesundheit, Erziehung und Bildung, Soziales, Kultur, Wirtschaftsförderung und Tourismus. Rund 21.000 Mitarbeiter orientieren sich an einem Wertesystem, das auf Transparenz, Respekt und Reformbereitschaft gründet. Zentrales Steuerungselement ist der Leistungsvergleich, sowohl innerhalb der Geschäftsberei­che als auch mit anderen Kreisen. „Dialog, Offenheit und Respekt sind für die Mitarbeiter von Århus Amt genauso selbstverständlich wie die Bereitschaft zur ständigen Weiterentwicklung. Das beeindruckende Engagement und die Effizienz ihrer Arbeit haben uns überzeugt.“

Thema: Unternehmenskultur

Führung in Wirtschaft und Gesellschaft wird zunehmend anspruchsvoller und komplexer. Die Ursachen hierfür liegen u.a. in der fortschreitenden Globalisierung, dem demographischen Wandel, einem veränderten Wertebewusstsein und den Auswirkungen neuer Technologien und Arbeitsprozesse auf den Menschen. Unternehmenskultur und Führung bilden zunehmend die Grundlage für unternehmerischen Erfolg. Die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Führung, Arbeitnehmervertretung und Mitarbeitern setzt Identifikation mit Zielen und Aufgaben, Motivation und Leistungsbereitschaft sowie Kreativität frei, die wir für die Bewältigung der Zukunft dringend benötigen.

Preisträger: Hilti Aktiengesellschaft

Die Hilti Aktiengesellschaft ist weltweit führend in der Entwicklung, der Herstellung und dem Vertrieb von qualitativ hochwertigen Produkten und Systemen für den Profi am Bau und in der Gebäudeinstandhaltung. Alle Mitarbeiter, auch die Mitglieder von Vorstand und Aufsichtsrat, nehmen an konti­nuierlichen Unternehmenskultur-Trainings teil. Wesentliche Instrumente der Unternehmens­kultur sind Mitarbeiterbefragungen und regelmäßige Führungskräftebeurteilungen. Hilti motiviert seine Mitarbeiter zur Übernahme von Verantwortung und setzt dabei konsequent auf eine offene Vertrauenskultur, die Risiken bewusst in Kauf nimmt. Vorbildlich ist auch das klar definierte Corporate-Gover­nance-Modell, das Kompetenzen abgrenzt, Doppelmandate vermeidet und Qualifikationsan­forderungen für das Management definiert. Hilti zeichnet sich durch vielfältige Aktivitäten im gesellschaftspolitischen Bereich aus. Die Hilti-Stiftung ist Ausdruck des sozialen und kultu­rellen Engagements der Inhaber-Familie.

Thema: Transparenz

Wie können moderne Gesellschaften reformfähig bleiben? Unbestreitbar müssen neben der Politik zukünftig auch Wirtschaft und Zivilgesellschaft mehr Verantwortung übernehmen, um drängende gesellschaftliche Probleme angehen zu können. Transparenz und Offenheit sind hierfür unabdingbare Voraussetzungen. Wie kann es gelingen, zu transparenteren Entscheidungsabläufen und Beteiligungsstrukturen zu kommen?

Preisträger: Transparency International

Transparency International (TI) ist heute in 122 Ländern aktiv oder hat dorthin Kontakte. Der Preisträger ist ein herausragendes Beispiel für vertrauensvolle Kooperation zwischen den Akteuren. Transparency International besteht aus dem Internationalen Sekretariat und 87 so­genannten „national chapters“. TI beschäftigt sich mit nationaler und internationaler Korrup­tion sowie mit der Angebots- und Nachfrageseite von Korruption. Auf internationaler Ebene zielt TI darauf ab, das öffentliche Bewusstsein für die verheerenden Folgen von Korruption zu schärfen. TI setzt sich für die Umsetzung multilateraler Abkommen gegen Korruption in nati­onales Recht ein und überwacht deren Einhaltung seitens der betreffenden Regierungen, Un­ternehmen und Banken.

Thema: Transformation

Der Übergang von autoritären Regierungsformen und staatsdominierten Wirtschaftsordnungen zum Idealbild der marktwirtschaftlichen Demokratie zählt global zu den einschneidenden Entwicklungen und größten Herausforderungen in den letzten Jahrzehnten. Welchen Ländern ist die Gestaltung des Transformationsprozesses besonders gut gelungen, so dass sie anderen als Vorbild dienen können? Neben den politischen und wirtschaftlichen Leistungen in den Staaten werden auch Unterschiede in Ausgangslage, Schwierigkeit und Entwicklungsstand berücksichtigt.

Die Preisträger: Polen und Bolivien

Ausgezeichnet wurden Tadeusz Mazowiecki, Leszek Balcerowicz und Adam Michnik, stellvertretend für den erfolgreichen Transformationsprozess Polens sowie René Blattmann und Ana Maria Romero de Campero, stellvertretend für die herausragenden Entwicklungsleistungen Boliviens.

Die Preisträger: Eidgenössisches Departement des Innern und die nederlands huisartsen genootschap, nhg (Vereinigung der niederländischen Haus- bzw. Primärärzte)

Der Carl Bertelsmann-Preis 2000 stützt sich wie seine Vorgänger auf umfangreiche internationale Recherchen. Im Vordergrund stehen dabei zwei unterschiedliche Schwerpunkte: Zum einen werden auf einer inhaltlichen Ebene Best-Practice-Ansätze für einzelne Teilprobleme in den verschiedenen Ländern durch die Recherche herausgearbeitet. Die verschiedenen Länder sollen zum anderen auf ihre Fähigkeit hin untersucht werden, innovative Lösungen gesundheitspolitischer Probleme zu identifizieren und zu implementieren. Hierbei geht es insbesondere um die Frage der Steuerung eines Gesundheitssystems.

Die Recherche basierte auf umfangreichen Länderstudien, die auf international vergleichenden Statistiken, Expertisen ausgewiesener Gesundheitsfachleute, Berichten von ausgewählten Ländergutachtern und Fachinstitutionen aufbauen.

Der Preisträger: Königreich Dänemark

Wegweisend an der Berufsbildung in Dänemark ist vor allem die zurückgenommene Kontrollfunktion des Staates: Das dänische Bildungsministerium beschränkt sich darauf, Ziele und Rahmenvorgaben zu definieren. Dabei muss es die Vorschläge des „Rates für berufliche Bildung“, eines nationalen Gremiums der Sozialpartner berücksichtigen. Solange die Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter, die auf allen Ebenen in paritätisch besetzten Gremien zusammenarbeiten, Probleme miteinander lösen, greift der Staat möglichst wenig in die berufliche Aus- und Fortbildung ein.

Die Preisträger: Canadian Radio-television and Telecommunications Commission (CRTC), Canada und Recreational Software Advisory Council (RSAC), USA

In Anerkennung ihrer erfolgreichen Konzepte für staatliche Aufsicht und Eigenverantwortung der Medienwirtschaft sind die amerikanische Selbstkontroll-Initiative im Internet RSAC und die kanadische Aufsichtsbehörde für Rundfunk und Telekommunikation CRTC mit dem Carl Bertelsmann-Preis 1998 ausgezeichnet worden.

Mit Hilfe des vom RSAC betriebenen Selbstklassifizierungssystems RSACi können Internet-Anbieter ihre Sites online innerhalb bestimmter Kategorien wie Sex oder Gewalt einstufen. Die Seiten werden dann mit einem Label versehen, das Nutzer mit den gängigen Internet-Browsern lesen können, um ihren Kindern den Zugang zu für sie ungeeigneten Angeboten zu versperren.

Die CRTC ist vor allem deshalb wegweisend, weil sie die klassischen Grenzen zwischen Telekommunikations- und Medienaufsicht auflöst und die Selbstkontrolle auf Seiten der von ihr regulierten Industrien fördert.

Der Preisträger: "Stichting van de Arbeid" (Stiftung der Arbeit Niederlande)

Die gemeinsam von den Tarifpartnern getragene und paritätisch besetzte Einrichtung hat den Umbau des niederländischen Sozialstaates maßgeblich vorangetrieben und dadurch das inzwischen weltweit beachtete "Beschäftigungswunder" erst möglich gemacht. Mit der "Stiftung der Arbeit" haben sich die niederländischen Tarifpartner eine gemeinsame, schlagkräftige Institution geschaffen, die auf dem Wege des vertraulichen Dialogs zentrale Weichen für die Sozial- und Tarifpolitik stellt. Als Bindeglied sorgt die Stiftung darüber hinaus für eine enge Abstimmung der politischen Strategie zwischen Regierung und Tarifpartnern.

Der Preisträger: Durham Board of Education, Ontario, Kanada

Das Durham Board of Education im kanadischen Ontario ist eine unkonventionelle und leistungsstarke Schulbehörde, die sich zu einer Zukunftswerkstatt mit umfassendem Dienstleistungscharakter für die Schulen ihrer Region entwickelt hat. Die kanadische Provinz Ontario gibt lediglich die Rahmenrichtlinien vor und delegiert alle schulrelevanten Funktionen an sogenannte Boards. Diese innovativen Schulbehörden übernehmen nicht nur Verwaltungs- und Finanzierungsaufgaben, sondern stellen das gesamte Personal ein, entwickeln die Lehrpläne unter Einbeziehung der Anforderungen aus der regionalen Wirtschaft und fördern die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrern. Das Durham Board of Education muß sich regelmäßigen Leistungsvergleichen mit den anderen Boards der Provinz Ontario stellen.

Der Preisträger: Portugal

Portugal hat mit seiner konsequenten und koordinierten Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik nachhaltige Erfolge in der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit erzielt und seine Fähigkeit, sich an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen, unter Beweis gestellt. Die herausragenden beschäftigungspolitischen Erfolge Portugals sind auf das engste mit dem Werk des portugiesischen Premierministers Cavaco Silva verbunden, der das Land in seiner 10-jährigen Amtszeit mit politischem Mut und sozialem Augenmaß aus einer kritischen Wirtschaftslage herausgeführt hat. Es ist das Verdienst des portugiesischen Premierministers, entsprechend den ordnungspolitischen Grundsätzen Ludwig Erhards eine leistungsorientierte und wachstumsfördernde Gesamtstrategie entwickelt zu haben.

Die Preisträger: Channel 4, Großbritannien, und TVW7 Perth, Australien

Der britische Channel 4 zeichnet sich durch einen anspruchsvollen Programmauftrag aus, der durch die Verpflichtung zu größtmöglicher Programmvielfalt, zur Berücksichtigung von Interessen unterschiedlicher Zuschauergruppen und zur innovativen Weiterentwicklung von Programminhalten und -formen gekennzeichnet ist. Der werbefinanzierte, aber nicht gewinnorientierte Sender hat seinen Auftrag vorbildlich eingelöst. Seine Programme gelten heute in nahezu allen Sparten international als Vorbild für verantwortliches Qualitätsfernsehen.

Der westaustralische Sender TVW7 in Perth setzt seit seiner Gründung im Jahre 1959 auf gesellschaftliche Verantwortung als Leitlinie seiner Programmarbeit. Mit vielen Eigenproduktionen in der Unterhaltung und einem umfangreichen Dokumentations- und Diskussionsangebot hält der erklärte Familiensender engen Kontakt mit seinem Publikum. Darüber hinaus stellt TVW7 Wohlfahrtsorganisationen Sendezeit und technische Ausstattung zur Verfügung, unterstützt Schulen bei der Herstellung von Unterrichtsmaterialien, engagiert sich mit einer Job-Börse im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit und mit Kampagnen für die Verkehrssicherheit.

Die Preisträger: Christchurch, Neuseeland und Phoenix, USA

Christchurch, Neuseeland, verkörpert den Typus einer Stadt, die in eine regierungsgestützte Verwaltungsreform eingebunden war. Dabei wurde die Kommunalverwaltung in Neuseeland Ende der 80er Jahre radikal umstrukturiert. Im Zuge dieser Reform konnten in Christchurch die Qualität der städtischen Dienste und die Zufriedenheit der Bürger erheblich gesteigert werden. Kommunale Anbieter wurden im Wettbewerb mit privaten Unternehmen konkurrenzfähig.

Die Kommunen in Deutschland müssen sich meist ohne Unterstützung der Regierung um Reformen bemühen. In einer ähnlichen Situation befand sich Phoenix, USA, das seinen Reformweg sozusagen als „Einzelkämpfer“ beschritt. Die Stadt besticht insbesondere durch ihr funktionierendes Gemeinwesen. Schlüssel zum Erfolg ist die direkte Beteiligung der Bürger. Sie engagieren sich in ihrer Nachbarschaft und kümmern sich um soziale Probleme wie Arbeitslosigkeit oder Armut. Auch in Phoenix behauptet sich die Kommunalverwaltung im Wettbewerb mit privaten Anbietern

Der Preisträger: Königreich Schweden

Auf die Konfrontation mit den anderen Kulturen reagierte die schwedische Regierung bereits Mitte der 70er Jahre: Sie erarbeitete eine realitätsbezogene, von allen Parteien getragenen Gesetzgebung, die eine konsequente Integration ausländischer Mitbürger ermöglichte. Früher als in anderen europäischen Staaten wurde erkannt, dass der größte Teil der ausländischen Mitbürger das Land nicht wieder verlassen würde und dass Schweden de facto ein Einwanderungsland ist. Im Zentrum der Integrationspolitik stehen der gleichberechtigte Zugang der Ausländer zum schwedischen Sozialsystem und die volle Mitgliedschaft am Gemeinwesen. Ziel der Politik blieb es stets, Ghettos und Minderheiten im Staat zu vermeiden, das Selbstbestimmungsrecht zur Wahrung kultureller Eigenprofile zu garantieren und Unterstützung für Ausländervereine zu gewähren.

Die Preisträger: Die Schweiz und das sächsische Unternehmen "Hoch-, Tief- und Montagebau GmbH" (HTM), Plauen

Die ordnungspolitischen Rahmenbedingungen der Schweiz haben zu der äußerst niedrigen Arbeitslosenquote des Landes beigetragen. Dieses Ergebnis wurde mit durchschnittlichen Wachstumsraten, aber hoher Geldwertstabilität, mit einer hohen Dezentralisation wirtschafts-, beschäftigungs- und tarifpolitischer Entscheidungen sowie einem hervorragenden Niveau tarifpartnerschaftlicher Beziehungen erzielt.

Das sächsische Bauunternehmen HTM Plauen hat beispielhaft gezeigt, dass es möglich ist, die Wirtschaft in den neuen Bundesländern nach marktwirtschaftlichen und partnerschaftlichen Prinzipien erfolgreich umzustrukturieren und damit zur Stabilisierung des Arbeitsmarktes beizutragen. Durch Eigeninitiative ist es gelungen, einen Großteil der Mitarbeiter vor der Entlassung zu bewahren. In Verhandlungen mit der Treuhandanstalt erarbeitete der Betrieb ein Beschäftigungsmodell, das die Banken dazu bewog, in die Zukunft des Unternehmens zu investieren.

Die Preisträger: Die englische Universität Warwick und zwei norwegische Hochschulrepräsentanten

Die Universität Warwick in Coventry konnte sich trotz rigoroser Sparpolitik in den 80er Jahren zu einer voll ausgebauten und anerkannten Hochschule von internationalem Rang entwickeln. Mit nicht-staatlicher Finanzierung erweiterte sie Forschungsfelder und richtete neue Studiengänge ein. Die Abhängigkeit der Universität von staatlicher Finanzierung konnte von 54 Prozent (1980) auf 40 Prozent (1989) reduziert werden. 33 Prozent konnte die Hochschule aus uunternehmerischen Aktivitäten erwirtschaften, 16 Prozent aus Forschungsaufträgen sowie 11 Prozent aus Studiengebühren. Diese Finanzierungsstruktur - in Verbindung mit internen Verteilungsmechanismen - führte zu einer starken Eigeninitiative aller Fachbereiche und zu einem beispielhaften unternehmerischen Geist an der Universität.

Die Universität Bergen genießt in Europa den Ruf einer fortschrittlichen, international engagierten Hochschule ersten Ranges. Arnfinn Graue, und der Kanzler, Megne Lerheim, haben mit organisatorischer Kreativität und kooperativem Führungsstil eine Neustrukturierung der Hochschule und einen Wachstumsprozess ausgelöst. Unter anderem reformierten sie den Verwaltungsapparat und öffneten die Hochschule gegenüber der regionalen und nationalen Industrie.

Die Preisträger: Volvo und Herman Miller Inc.

Entscheidendes Kennzeichen der Unternehmensverfassung bei Herman Miller Inc., dem zweitgrößten amerikanischen Büromöbelhersteller, ist die Partizipation: Jeder Mitarbeiter wird, seiner Kompetenz und seinen Zuständigkeiten entsprechend, in sämtliche Entscheidungsprozesse mit einbezogen, die seinen Arbeitsbereich betreffen. Ein zentraler Baustein der Unternehmenskultur ist die materielle Beteiligung: 98 Prozent der vollzeitbeschäftigten Mitarbeiter sind Aktionäre des Unternehmens.

Die Firmenphilosophie von Volvo, dem größten schwedischen Unternehmen, besteht in einer wegweisenden Verbindung von Produktivität, humanen Arbeitsbedingungen und einem partnerschaftlichen Führungsstil. Hinzu kommt eine innovative Anpassung der Fertigung an den strukturell-technologischen Wandel. Die direkte Mitarbeiterbeteiligung bei Volvo umfasst die Arbeitsvorbereitung, das Arbeitsverfahren und die Arbeitskontrolle.

Der Preisträger: Die Tarifparteien in den Wirtschaftsbereichen Bau, Chemie und Metall

Mit der Vergabe des Preises an den Bereich Bau würdigte die Jury die sozialen und verteilungspolitischen Errungenschaften, die sich besonders in den Sozialkassen und der Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand konkretisiert haben. Die Auszeichnung des Bereiches Chemie erkannte den entscheidenden Durchbruch beim Abbau überkommener sozialer Differenzierungen zwischen Arbeitern und Angestellten an. Beim Bereich Metall stellte die Jury die tarifpolitischen Innovationen und die wirkungsvollen Maßnahmen für humanere Arbeitsbedingungen heraus.

Aber nicht nur die Kreativität dieser Bereiche bei der Weiterentwicklung des Tarifsystems sollte gewürdigt werden, sondern auch der Beitrag, den die gesamte Tarifpolitik im Rahmen der Tarifautonomie zur Evolution von Gesellschaft und Wirtschaft geleistet hat.