Porträtfoto des Soziologen Heinz Bude
Hamburger Edition HIS, Bodo Dretzke

Herr Bude, Soziologen geben ihrer Zeit gerne einen Namen. Wo stehen wir und wo steuern wir hin?

Weltgesellschaftlich gesehen ist das Megathema der nächsten 30 Jahre Ungleichheit, nicht mehr Ökologie und nicht mehr nachhaltige Entwicklung. Weil Ungleichheit alles kreuzt. Bei der Klimawende zum Beispiel ist der entscheidende Punkt Ungleichheit. Wenn man im öffentlichen Wohnungsbau Wohnungen umrüstet, werden sie ein bisschen teurer. Wer wenig verdient, sieht das als Herrschaftsgestus.

Oder nehmen wir die Relation der einfachen Arbeit in einem unterentwickelten und einem entwickelten, einem armen und einem reichen Land. Vor 100 Jahren hat man in Holland als Bauarbeiter viermal so viel verdient wie in China. Heute verdient ein Bauarbeiter in Dänemark hundertmal so viel wie ein Bauarbeiter in Mali. Der Unterschied ist zudem: Der Bauarbeiter in Mali weiß das. Er kann es über das Internet erfahren. Die Vergleichbarkeit von Lebenslagen weltweit wird das Thema "Ungleichheit" für viele, viele Jahre befeuern.

Welche Dynamiken wird das in Gang setzen?

Eine Dynamik ist, dass der Unterprivilegierte der Zukunft nicht mehr der Proletarier, sondern der Migrant ist. Die Klassenfrage reformuliert sich als Migrationsfrage. Auch beim Dienstleistungsproletariat – immer wieder kommen Neue herein, die ins Transportgewerbe gehen, in die Gastronomie, in die Pflege. 

Hier gibt es dann das, was Sie als Statusfatalismus bezeichnen?

Ja, das Dienstleistungsproletariat ist zum guten Teil weiblich geprägt. Es sind ungefähr 38 Prozent Frauen, mit steigender Tendenz. Das ist der Ort des Statusfatalismus. Weil es keine Aufstiegsmöglichkeiten gibt. Im Putzgewerbe können Sie nicht aufsteigen, Sie können im Transportgewerbe nicht aufsteigen, Sie können im Sicherungsgewerbe nicht aufsteigen. Das ist der Bereich der einfachen Dienstleistungen. Da finden wir durchgängig dieses Gefühl: Wir haben ja eh nichts. Nicht nur, dass unsere Stimme nicht zählt, sondern für uns ist auch nichts drin. Wir arbeiten 30 Jahre und gewinnen ein Rentenniveau, das wir auch in der Grundsicherung kriegen würden. Und dann fragt man sich: Wieso sollen wir eigentlich 40 Jahre lang arbeiten? Das ist die andere Seite des deutschen Erfolgsmodells.

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