Die Arbeitswelt in den industrialisierten Ländern unterliegt seit längerem tief greifenden Wandlungsprozessen. Treibende Kräfte dabei sind insbesondere sich verändernde internationale Produktionssysteme und Standortbedingungen im Rahmen fortschreitender Globalisierung, technische Innovation und Digitalisierung der Geschäftsprozesse, hohe Arbeitslosigkeit, sich verändernde Familienstrukturen sowie die demografische Entwicklung. Vor diesem Hintergrund steht der Wirtschafts- und Sozialstandort Deutschland vor der schwierigen Aufgabe, nachhaltig wirtschaftliches Wachstum mit einem hohen Beschäftigungsstand einerseits und mit dem gewünschten sozialen Zusammenhalt andererseits zu kombinieren.

Gerade Deutschland als rohstoffarmes Land ist darauf angewiesen, die Beschäftigungspotenziale jedes Einzelnen zu fördern und zu nutzen. Bedenklich stimmt, dass genau dies auch in Folge der geringen wirtschaftlichen Dynamik nicht in ausreichendem Maße geschieht. Während Jüngere unzureichend in Ausbildung und Arbeit integriert sind, werden Ältere vorzeitig inaktiviert. Dies führt auf individueller Ebene zu Sinnverlust und Unzufriedenheit, auf gesellschaftlicher Ebene zu wirtschaftlicher Stagnation und einer Erosion des sozialen Zusammenhaltes. Eine Korrektur dieser Entwicklung muss daher die vorrangige gesellschaftliche Aufgabe der kommenden Jahre sein.

Unterdurchschnittliche Ausnutzung der Beschäftigungspotenziale Älterer in Wirtschaft und GesellschaftWas unter dem Stichwort "Demografischer Wandel und Entwicklung“ diskutiert wird, lässt sich auf eine einfache Formel bringen: Die Zahl der jungen Menschen nimmt immer stärker ab, die Zahl der Älteren nimmt zu. Grund hierfür ist die sinkende Geburtenrate bei gleichzeitig steigender Lebenserwartung des Einzelnen. Die Anforderungen der zukünftigen Arbeitswelt müssen von einem insgesamt geringeren und zugleich älteren Erwerbspersonenpotenzial bewältigt werden. Bis zum Jahr 2020 wird die Zahl der über 50-Jährigen in Deutschland um fast 5 Millionen Personen und ihr Anteil am Erwerbspersonenpotenzial insgesamt von 22 auf 34% steigen. Tatsächlich sind derzeit aber nur 39% der 55-65jährigen in Deutschland erwerbstätig - die Quote liegt damit weit unterhalb des OECD-Durchschnitts von 51%.

Obwohl sich ältere Menschen in Deutschland einer steigenden Lebenserwartung erfreuen - 60jährige können heute rund 22 weitere Lebensjahre erwarten, das sind fast 5 Jahre mehr als 1970 -, hat sich die Gesamtzeit der Erwerbstätigkeit sowie das Rentenzugangsalter in Westdeutschland gegenüber den 70er Jahren kaum verändert. Dementsprechend stieg die durchschnittliche Rentenbezugsdauer in den vergangenen 34 Jahren von 11,1 auf 16,7 Jahre (2003).

Hier liegt auch eine Ursache der akuten Finanzprobleme der sozialen Sicherungssysteme. Allein der verbreitete Vorruhestand, d. h. die Tatsache, dass das faktische Erwerbsaustrittsalter um fast 4 Jahre unter dem gesetzlichen Rentenalter von 65 Jahren liegt, stellt die nachhaltige Finanzierung der Rentenversicherung in Frage.

Die sozioökonomischen Konsequenzen dieser Entwicklungen sind vielfältig. Einerseits mindert dies die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung und Leistungsfähigkeit. Andererseits stellen instabile Sicherungssysteme und die frühzeitige Inaktivierung der Beschäftigungspotenziale Älterer auch eine gefährliche Belastung für gesellschaftliche Integration und sozialen Zusammenhalt dar. Denn Arbeit und Beschäftigung haben neben der Funktion der Existenzsicherung auch ein Sinn stiftendes Element und tragen zu sozialer Kohäsion bei.

Es besteht demnach ein erheblicher Handlungsbedarf zur Aktivierung und Förderung von Beschäftigung Älterer in Wirtschaft und Gesellschaft und ihres Beitrags zur sozialen Inklusion und Kohäsion.

Gesellschaftliches Umsteuern erforderlich – Aktivierung und Förderung der Beschäftigung Älterer

Um die vorzeitige Inaktivierung der Wertschaffungspotenziale Älterer zu verhindern, bedarf es integrierter Anstrengungen auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Feldern und Ebenen. Es ist ein klarer Paradigmenwechsel erforderlich, der einer Differenzierung und Verlängerung von Beschäftigungsbiografien Vorschub leistet. Sowohl auf Ebene der Politik, bei den Tarifpartnern, in den Unternehmen und bei jedem Einzelnen müssen heute Weichenstellungen und Umdenken erfolgen.

In diesem Zusammenhang stellen sich folgende Aufgaben:

  1. Beschäftigungsfähigkeit und Lernfähigkeit altersunabhängig sicherstellen
  2. Neujustierung gesetzlicher und tariflicher Regelungen: Fehlanreize abbauen – neue Anreize setzen
  3. Förderung individueller Verantwortung: Von der Angestelltenmentalität hin zum Selbstunternehmertum
  4. Gesellschaftlicher Mentalitätswandel: Förderung eines positiven und differenzierten gesellschaftlichen Selbstverständnisses von Arbeit und Alter
  5. Neubestimmung von Arbeit jenseits der „Normalarbeit“: Von klassischer Erwerbsarbeit hin zu einem mehrdimensionalen Beschäftigungsbegriff

Mit Blick auf den Erhalt sozialer Inklusion und Kohäsion wird der Bedeutung zwischen- und nachberuflicher Tätigkeitsfelder älterer Menschen zunehmend Aufmerksamkeit geschenkt. Neue Formen der sozialen Teilhabe Älterer sind zu entwickeln, um ihre Potenziale für die gesellschaftliche Entwicklung zu nutzen und so eine Denkrichtung zu fördern, die das Altern als positiven Prozess begreift.

Neben der so genannten „Normalarbeit“ - also der klassischen Erwerbsarbeit - geht es dabei vor allem um Versorgungsarbeit, Eigenarbeit und Gemeinschaftsarbeit durch freiwilliges, bürgerschaftliches Engagement und Aktivität im dritten Sektor. Genau an dieser Stelle - im Nonprofit-Bereich - wird der Klebstoff oder „Kitt“ verortet, der die Gesellschaft und die Generationen zusammenhält. Daher gilt es, durch das Setzen geeigneter Rahmenbedingungen zukünftig ein lebenslanges Neben- und Miteinander der unterschiedlichen Tätigkeitsformen in wechselnder Intensität zu ermöglichen.

Beitrag des Carl Bertelsmann-Preises 2006

Mit dem Carl Bertelsmann-Preis 2006 will die Bertelsmann Stiftung dazu beitragen, den in Deutschland erforderlichen Paradigmenwechsel zu forcieren und dem gesellschaftlichen Richtungswechsel hin zu mehr Werte schaffender Beschäftigung Älterer in Wirtschaft und Gesellschaft neue Impulse zu geben.

Hierbei wird bewusst ein ganzheitlicher Ansatz gewählt, der alle relevanten Handlungsfelder angemessen berücksichtigt. Ein besonderer Mehrwert des Carl Bertelsmann-Preises und der Preisträgerrecherchen liegt dabei in der erweiterten Auslegung des Beschäftigungsbegriffes: Beschäftigung ist nicht nur unter reinen ökonomischen – Wert schöpfenden –, sondern auch unter gesellschaftlichen – Wert schaffenden – Gesichtspunkten zu definieren. Gleichermaßen muss ihre Bedeutung für den sozialen Zusammenhalt erkannt werden.

Vor diesem Hintergrund will der Carl Bertelsmann-Preis in diesem Jahr gute Beispiele hervorheben, mit denen es gelungen ist, die Rahmenbedingungen für die Erwerbsarbeit so zu gestalten, dass Produktivitätspotenziale länger genutzt und Erwerbsbiografien sinnvoll gestaltet werden können. Dies könnte Ausdruck darin finden, dass Versorgungsarbeit, Gemeinschaftsarbeit und Eigenarbeit in Kombination mit der Erwerbsarbeit als Werte schaffende Beschäftigung umgesetzt werden und dass es durch die Setzung geeigneter Rahmenbedingungen ermöglicht wird, alle Tätigkeitsformen lebenslang, nebeneinander und in wechselnder Intensität zu realisieren.

Erwerbsarbeit und gesellschaftliches Engagement – und dies ist der inhaltliche Kern des Carl Bertelsmann-Preises 2006 – sind somit zwei Seiten derselben Medaille, die da heißt: Werte schaffende Beschäftigung – ein Leben lang!

Studie: Arbeitnehmer in Deutschland wollen auch in fortgeschrittenem Alter beruflich aktiv bleiben - Mehrheit möchte Renteneintritt in der Altersphase zwischen 60 und 67 selbst bestimmen (Pressemeldung, 24.07.2006)

Ergebnisse einer repräsentativen Befragung der Bertelsmann Stiftung

Die Arbeitnehmer in Deutschland wollen nicht frühzeitig zum "alten Eisen" gehören. Die große Mehrheit der heute Erwerbstätigen zwischen 35 und 55 Jahren möchte auch in fortgeschrittenem Alter beruflich aktiv bleiben. Das zeigt eine repräsentative Befragung von TNS Emnid im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Allerdings wünschen sich die Befragten eine flexible Gestaltung des Renteneintrittsalters. 61 Prozent möchten ihren persönlichen Renteneintritt im Alter zwischen 60 und 67 Jahren selbst bestimmen können. Dabei wären sie auch bereit, entsprechende Rentenabschläge bei vorzeitigem Ruhestand in Kauf zu nehmen.

Für eine Beibehaltung des bisherigen Renteneintrittsalters von 65 Jahren sprechen sich dagegen nur 34 Prozent der Erwerbstätigen aus. Lediglich 5 Prozent der Befragten sind mit einer Heraufsetzung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre einverstanden, um auf diese Weise die Rentenzahlungen auch zukünftig finanzieren zu können.

70 Prozent der Erwerbstätigen wünschen sich eine stärkere Anerkennung der eigenen Arbeitsleistung durch den Vorgesetzten, um ihrer derzeitigen Berufstätigkeit bis zum 65. Lebensjahr mit Engagement und Motivation nachgehen zu können. Nur 11 Prozent der Befragten geben an, gegen Ende der eigenen Erwerbsbiografie gar nicht mehr arbeiten zu wollen. Die überwiegende Mehrzahl der deutschen Arbeitnehmer möchte in dieser Lebensphase beruflich aktiv bleiben: 21 Prozent wollen weiter ganztags arbeiten, 47 Prozent wünschen sich eine Teilzeit-Beschäftigung, und 19 Prozent plädieren für ein Wechselspiel zwischen Arbeit und Freizeit.

Nach dem Eintritt in den Ruhestand wollen sich die heutigen Arbeitnehmer vor allem um Familie und Freunde kümmern (98 Prozent) oder ihren Hobbys widmen (95 Prozent). Mehr als zwei Drittel der Befragten möchten sich gesellschaftlich engagieren. Auch der Wunsch nach einer Nebenbeschäftigung im Rentenalter ist mit 44 Prozent recht ausgeprägt. Immerhin 42 Prozent der Befragten wollen sich über VHS-Kurse oder Uni-Vorlesungen weiterbilden.

Besonders bemerkenswert ist die Tatsache, dass 71 Prozent der Befragten schon heute eine ökonomische Notwendigkeit sehen, auch in der nachberuflichen Phase dazuverdienen zu müssen. Je jünger die Arbeitnehmer sind, desto höher schätzen sie den wirtschaftlichen Zwang zur Arbeit im Rentenalter ein: 82 Prozent der 35- bis 39-Jährigen halten dies für ein realistisches Szenario, während finanzielle Gründe für die Befragten zwischen 50 und 55 Jahren von geringerer Bedeutung sind (64 Prozent).

Die Hauptverantwortung für den Erhalt und die Sicherung der Beschäftigungs- und Lernfähigkeit bis zum Eintritt ins Rentenalter sehen die befragten Arbeitnehmer bei sich selbst (94 Prozent). Rund zwei Drittel der Befragten sprechen dem direkten Vorgesetzten (67 Prozent) sowie der Unternehmensleitung (62 Prozent) eine Mitverantwortung zu. Die Personalabteilungen und Gewerkschaften spielen in diesem Zusammenhang in den Augen der Erwerbstä¬tigen nur eine untergeordnete Rolle.

„Angesichts der demographischen Entwicklung ist ein gesellschaftlicher Paradigmenwechsel hin zu längeren Tätigkeitsbiographien zwingend notwendig“, sagte Vorstandmitglied Dr. Johannes Meier bei der Vorstellung der Umfrageergebnisse. Das kalendarische Alter des Menschen dürfe nicht länger über seine Beschäftigungschancen und die Teilnahme am sozialen Leben entscheiden. „Die hohe Bereitschaft der Erwerbstätigen, sich bis ins Alter beruflich und gesellschaftlich zu engagieren, sehen wir als Hinweis für die Entwicklung einer neuen Kultur der Altersbeschäftigung“, sagte Meier. Politik und Verbände seien nun aufgerufen, gesetzliche und tarifliche Fehlanreize zur vorzeitigen Ausgliederung von älteren Beschäftigten abzubauen und neue Formen des fließenden Übergangs zwischen Arbeit und nachberuflichem Engagement zu entwickeln.